Verlag Traugott Bautz |
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BLARER (Blaurer) von Giersberg, Ambrosius, süddeutscher Reformator, neben Martin Luther der bedeutendste Dichter der Reformationszeit, * 4.4. 1492 in Konstanz als Sohn eines Ratsherrn aus einem der ältesten Patriziergeschlechter, † 6.12. 1564 in Winterthur (Kanton Zürich). - B. studierte seit 1505 in Tübingen die alten Sprachen. Um 1510 besuchte er das Benediktinerkloster Alpirsbach im württembergischen Schwarzwald und blieb dort längere Zeit. B. setzte seine Studien in Tübingen fort, wo er sich mit Philipp Melanchthon innig befreundete und 1513 Magister wurde. Er kehrte dann nach Alpirsbach zurück und wurde dort am 1.1. 1515 Mönch und einige Jahre später Prior und Pfarrverweser. Mit Melanchthon blieb B. im Briefwechsel und erhielt durch seinen Bruder Thomas, der seit 1520 in Wittenberg studierte, Luthers Schriften, die ihn zu eingehendem Bibelstudium anregten. B. verkündigte in seinen Predigten und als Lesemeister in seinen Vorlesungen die neuerkannte Wahrheit und verlor darum seine Ämter. Er entwich am 5.7. 1522 heimlich aus dem Kloster und ging nach Konstanz, wo er ganz zurückgezogen seinen Studien lebte. Auf dringendes Bitten des Rats und der Bevölkerung nahm B. im März 1525 die Predigttätigkeit auf und wurde im Bund mit seinem Bruder Thomas, dem Konstanzer Bürgermeister, und seinem Vetter Johannes Zwick der Reformator seiner Vaterstadt. Seit 1523 stand er mit Huldrych Zwingli in Zürich in Briefwechsel, dann mit Johannes Ökolampad in Basel. Auf der Berner Disputation im Januar 1528 schloß B. einen innigen Freundschaftsbund mit dem Straßburger Reformator Martin Butzer, der auf seine Theologie bestimmenden Einfluß gewann, so daß Konstanz und Straßburg mit den beiden oberdeutschen Städten Memmingen und Lindau auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 eine eigene Bekenntnisschrift, die »Confessio Tetrapolitana«, abgaben. B. half 1528/29 in Memmingen reformieren, ebenso 1529 in Thurgau. Von April 1531 bis März 1533 wirkte er reformatorisch in Ulm, Geislingen, Esslingen, Isny und Lindau und seit 1534 in Württemberg mit dem Sitz in Tübingen, während das Land »unter der Staig« mit der Hauptstadt Stuttgart durch Eberhard Schnepff reformiert wurde, den Herzog Ulrich von Württemberg 1534 ebenfalls zur Durchführung der Reformation in seinem Land berufen hatte. In der Stuttgarter Konkordie einigte sich B. mit Schnepff im August 1534 auf eine vermittelnde Abendmahlsformel. Da er sich 1537 weigerte, die Schmalkaldischen Artikel zu unterschreiben, wurde B. von den Lutheranern immer schärfer bekämpft und im Juni 1538 vom Herzog ungnädig entlassen. Trotz seiner Bemühungen konnte er den Verlauf der kommenden Ereignisse und den befürchteten Untergang des Reformationswerks in Konstanz nicht aufhalten. B. verließ am 26.8. 1548 die Stadt, weil Konstanz sich trotz seiner Abmahnung zur Annahme des Augsburger Interims entschlossen hatte, um den Kaiser zu beschwichtigen, der drohend heranzog, und begab sich mit seiner Gattin, Katharina Ryf, genannt von Blidegg, einer früheren Nonne aus dem benachbarten Kloster Münsterlingen, die er am 19.8. 1533 geheiratet hatte, und seinen Kindern zu seiner verwitweten Schwester in das nahe Grießenberg (Thurgau). Als Konstanz trotz der Annahme des Interims österreichische Vasallenstadt wurde, büßte B. sein Hab und Gut ein. Am 28.10. 1549 zog er nach Winterthur, weil Ferdinand I. die Ausweisung der Konstanzer Verbannten aus dem Thurgau verlangte. 1551-59 wirkte B. als Prediger in Biel, dann in Leutmerken und zuletzt in Winterthur. - Es ist das Verdienst Friedrich Spittas, die Lieder B.s und der anderen Konstanzer Sänger unübertrefflich treu und frei aus der oberdeutschen Mundart in unser heutiges Deutsch übertragen und uns den Zugang und den Reichtum der Lieder jener Zeit erschlossen zu haben. Von B.s Liedern sind 22 noch erhalten. Es seien genannt der erschütternde Notruf vor dem Untergang »Wach auf, wach auf, 's ist hohe Zeit« (EKG 204), das Vertrauenslied »Wie's Gott gefällt, so gfällt's mir auch« (EKG 281), das Himmelfahrtslied »Freu dich mit Wonn, fromm Christenheit« und das Pfingstlied »Jauchz, Erd, und Himmel, juble hell« (EGK 100).
Friedrich Wilhelm Bautz
Literaturergänzung:
1981
Hans Rudolf Lavater: Regnum Christi etiam externum. Huldrych Zwinglis Brief vom 4. Mai 1528 an Ambrosius Blarer in Konstanz, in: Zwingliana 15 (1981), 338-381; -
1999
Volker Leppin, Theol. Streit u. polit. Symbolik. Zu d. Anfängen d. württemberg. Reformation 1534-1538, in: ARG 90.1999, S. 159-187.
Letzte Änderung: 09.04.2011