BOCK, Hieronymus, genannt Tragus, Botaniker, Arzt, lutherischer Prediger, geb. 1498 wahrscheinlich in Heidelsheim (Baden), gest. 21. Februar 1554 in Hornbach (Pfalz). - Über die Jugend von Hieronymus Bock ist außer dem Studium in Heidelberg, wo er sich 1519 immatrikulierte, wenig bekannt. In typisch humanistischer Manier gräzisierte er seinen Familiennamen: τραγος = griechisch (Ziegen-) Bock. 1522 erhielt er eine Anstellung als Lehrer und Botaniker in Zweibrücken, der Residenz Herzog Ludwigs II., des Vaters von Herzog Wolfgang, des späteren Reformators von Pfalz-Zweibrücken. Der führende theologische Kopf in Zweibrücken war zu jener Zeit Johann -> Schwebel. Dieser hatte 1522 sein Kloster in Pforzheim verlassen und danach einige Monate auf -> Franz von Sickingens "Herberge der Gerechtigkeit", der Ebernburg, verbracht, wo auch die Reformatoren -> Bucer, -> Oekolampad, -> Aquila und -> Hedio weilten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Landstuhl, wo er Bucer vertrat, der nach Straßburg gegangen war, wurde Schwebel 1523 Hofprediger Ludwigs und begann alsbald mit Reformen des Gottesdienstes. Diese Begegnung prägte Bocks weiteren Lebensweg. Im März 1532 wurde Bock Leibarzt Ludwigs, konnte aber für den Fürsten, der wahrscheinlich an den Folgen schweren Alkoholmissbrauches litt, nichts mehr tun, dieser starb noch im Laufe des Jahres. - Der Behauptung des Schwebel-Biografen Fritz Jung, Bock habe an der evangelischen Bewegung kein großes Interesse gezeigt, muß bei dieser Gelegenheit widersprochen werden. Bock hatte 1533 als verheirateter Laie (!) eine Pfründe im Hornbacher Fabiansstift erhalten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde diese Konstruktion gewählt, um den renommierten Wissenschaftler mit einer angemessenen Lebensgrundlage auszustatten und ihn in Zweibrücken halten zu können. Dem Reformdruck des Zweibrücker Hofes wurde von Seiten des Hornbacher Abtes Johann Kintheuser, der selbst im Konkubinat lebte und wohl im Laufe der 1530er Jahre diese Frau auch heiratete, wohl kaum etwas entgegen gesetzt. Bock nahm es mit seinen Pflichten als Stiftsherr nicht sehr ernst, und so kam es zum Streit mit den anderen Stiftsherren, der 1536 in einem für Bock günstigen Vergleich beigelegt wurde: Er mußte zwar einen Teil der Stiftungseinlage nachzahlen, wurde aber von den Lehrverpflichtungen an der Schule befreit und mußte auch am Chorgebet und den Kapitelsitzungen nur teilnehmen, wenn es seine ärztlichen Pflichten oder botanischen Studien erlaubten. 1536, oder spätestens 1538, war der Übergang von Kloster und Stift zur Reformation auch öffentlich vollzogen: Die Konventualen verließen das Kloster oder heirateten, und Bock übernahm das Pfarramt der Gemeinde Hornbach: Auf der ersten offiziellen Synode der neuen "Landeskirche" im Jahre 1539, auf der Schwebels 12 Artikel erweitert und von den anwesenden Pfarrern unterschrieben wurden, zeichnet Bock als Pfarrer von Hornbach. In gleicher Funktion wird er im Visitationsprotokoll von 1544 erwähnt: "Iheronimuß Bock, Pfarrer zu Hornbach, ist seiner lere und sonst nach aller notturfft befragt, hat der lere halben wol geantwort, vergleicht sich wol." - Dennoch ist unbestritten, daß seine botanischen, medizinischen und pharmakologischen Studien den Schwerpunkt seiner Arbeit und seines Lebenswerkes ausmachen. Auf ausgedehnten Reisen, die ihn von den Ardennen bis in die Schweizer Alpen führten, versuchte er sich als einer der ersten Wissenschaftler seiner Zeit an einer umfaßenden Aufnahme und Beschreibung der mitteleuropäischen (Heil-)Pflanzen. Das Ergebnis dieser Studien ist sein Hauptwerk, zu dessen Veröffentlichung ihn der berühmteste Botaniker seiner Zeit, Otto Brunfels, drängte: Das Kreütter Buch, Darinn Underscheidt, Namen vnnd Würckung der Kreutter, Stauden, Hecken vnnd Beumen, sampt jhren Früchten, so inn Deutschen Landen wachsen Durch H. Hieronymum Bock auss langwiriger vnd gewisser erfarung beschrieben, erschienen in erster Auflage in Sraßburg 1539. Schon 1546 erfolgte eine zweite Auflage, diesmal mit zahlreichen Bildern versehen, 1552 wurde das Werk sogar ins Lateinische übersetzt und erlebte bis weit ins 17. Jahrhundert hinein zahllose Neuauflagen und Nachdrucke. - Der große Erfolg des Werkes beruht auf den sorgsamen Beobachtungen und Beschreibungen Bocks sowie seiner langjährigen Erfahrung als Arzt. Seine Pflanzenbeschreibungen sind dabei weitaus genauer und zutreffender als die aller bisherigen Werke ähnlicher Art. Seine Systematisierungen allerdings leiden unter dem Versuch, die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen mit den überlieferten wissenschaftlichen Werken der Antike in Einklang zu bringen - ein aussichtsloses Unterfangen. Weitere volksmedizinische Werke, die ganz bewußt in deutscher Sprache erscheinen, sind die "Bader-Ordnung" von 1550, eine Art Handbuch für den Badegast; und die "Teutsche Speißkammer" von 1540: kein Kochbuch, sondern gewissermaßen der erste neuzeitliche Ernährungsratgeber. - 1548 brachte das Augsburger Interim einen großen Rückschlag für die Reformation, die evangelischen Fürsten und Reichsstädte gerieten nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg in schwere Bedrängnis. An vielen Orten wurden die evangelischen Prediger entlassen; nicht überall gelang es, wie z.B. in Württemberg, sie mithilfe von Lehrerstellen unter der Hand im Lande zu halten. In Pfalz-Zweibrücken wurde den Interimsbestimmungen besonders lange und listenreich entgegengearbeitet, eine offizielle Durchführung des Interims wurde hier so lange hinausgezögert, daß es gar nicht landesweit durchgeführt werden konnte. Sicher ist allerdings, daß die vier Klöster des Landes eine Art letztes Aufbäumen erlebten; in Hornbach etwa mußte Abt Kintheuser, der mit Bock befreundet war, resignieren und dem strengen Katholiken Johann Bonn von Wachenheim weichen. Dieser sperrte Bock und den anderen lutherischen Stiftsherren die Einkünfte und forderte sie am 26. Januar 1550 ultimativ auf, entweder der lutherischen Lehre oder ihres Kanonikates zu entsagen. Somit war die Stellung Bocks unhaltbar geworden, auch Herzog Wolfgang konnte ihm nicht helfen. Ende Juli 1550 finden wir ihn jedenfalls als Leibarzt Graf Philipps II. von Nassau-Saarbrücken. Bock weilte nicht lange am Saarbrücker Hof, als wichtigstes Unternehmen wird aber auch hier die Anlage eines Kräutergartens überliefert. Von hier schrieb er an seine alte Gemeinde Hornbach einen langen und drängenden Brief, in dem er sie mahnte, fest an der einmal erkannten Wahrheit der lutherischen Lehre zu bleiben trotz aller Rekatholisierungsbemühungen des Abtes. Der Brief ist, im typischen Kontroversstil der Zeit gehalten, ein lebendiges Beispiel für das seelsorgerliche Bemühen Bocks und seine einzige erhaltene theologische Schrift. In einer an Luther erinnernden Sprache, am paulinischen Briefstil geschult (und auch mit zahllosen in den Text eingeflossenen biblischen Wendungen) legt Bock vor allem die beiden reformatorischen Grundeinsichten des "solus Christus" und des "sola fide" aus gegen die von der lutherischen Theologie des 16. Jahrhunderts angeprangerten Mißstände des vortridentinischen Katholizismus: Werkgerechtigkeit, Heiligen- und Meßwesen. Der dritte Grundpfeiler der lutherischen Lehre, das "sola scriptura", wird von Bock zwar ebenfalls kurz angeführt, aber nicht im vergleichbaren Maße erörtert. - Schon 1552, also vermutlich unmittelbar nach dem Passauer Vertrag, der den Interimsbestimmungen ein Ende setzte, kehrte Bock nach Hornbach zurück - Abt Johann Bonn war mittlerweile gestorben, so daß er seine Tätigkeit als Prediger ungehindert fortsetzen konnte. Bock starb in Hornbach am 21. Februar 1554 und wurde in der Stiftskirche St. Fabian beigesetzt. Sein Epitaph ging verloren; die Grabinschrift lautete: Anno domini M.DLIV. XXI. Februarii Hieronymus Tragos animae corporisque quondam medicus et canonicus huius aedis in domino Jesu obdormivit, cuius anima in consortio beatorum quiescat. Amen.
Werke: [New] Kreütter Buch, Darinn Underscheidt, Namen vnnd Würckung der Kreutter, Stauden, Hecken vnnd Beumen, sampt jhren Früchten, so inn Deutschen Landen wachsen Durch H. Hieronymum Bock auss langwiriger vnd gewisser erfarung beschrieben. Straßburg 1539 [zahlreiche Neuauflagen bis 1630, seit der zweiten Auflage 1546 mit Holzschnitten illustriert]; Hieronymi Tragi, De Stirpivm, Maxime Earvm, Qvae In Germania Nostra Nascvntvr, usitatis nomenclaturis, proprijsq[ue] differentijs, necq[ue] non temperaturis ac facultatibus, Commentariorum Libri tres Germanica primum lingua conscripti, nunc in Latinum conuersi, Interprete Davide Kybero Argentinensi, Straßburg 1552;- Verae Atqve Ad Vivvm Expressae Imagines Omnivm Herbarvm, Frvticvm, Et Arborvm ... Eigentliche vnd Warhafftige abbildung vnnd Contrafactur aller Kreutter, Stauden, Hecken vnnd Beum ... Hieronymus Bockius ..., Straßburg, Gedruckt bei Wendel Rihel 1553; Regiment Für alle zufallende kranckheit des leibs, auch wie man die leibsgebrechen, so jetzund vorhanden, sol abschaffen. 1544; Kurtz Regiment für das grausam Hauptwehe und Breune vor die Gemein und armes heuflin hin und wider im Wasgaw und Westereich gestellet durch Hieronymum Bock der Artzney erfarnen und liebhabern. Gedruckt zu Straßburg in Knoblochs druckerey 1544; Bader Ordnung Durch Hieronymum Bock, auss den Hochgelerten Hippocrate vnd Bartholomeo Montagnana, sampt andern auffs kuertzest, allen frommen Badern zu trost, ins Teutsch gestelt. M.D.L. - Teutsche Speißkammer, Inn welcher du findest, Was gesunden vnnd krancken menschen zur Leibs narung vn[d] desselben gepresten von nöten; Auch wie alle speiß vnd dranck Gesunden vnd Krancken jeder zeit zur Kost vnd artznei gereichet werden sollen. Zu dienst vnnd wolfart allen frommen Teutschen durch Hieronymvm Bock mit fleissiger trewer arbeit, vormals nie gesehen, beschriben vnd ans liecht gegeben. Straßburg, 1550, 2. Auflage 1555; New Artznei vnnd Practicirbüchlin zu allen Leibs gebrechen vnd Kranckheyten Von Doctore Joan. Dryandern, Medico vnnd Ordinarien Professoren zu Marpurg, zusamen bracht Sampt andern Heylsamen Tractätlin, D. Euricij Cordi, Vnd H. Hieronymi Bock. 1540. Franckfurt, Egenolff 1564; Sendbrief an die Gemeinde in Hornbach vom 4. November 1550, ungedruckt. In: Archiv der Herzog-Wolfgang-Stiftung Zweibrücken, Rep. II Nr. 122 fol. 40-52.
Lit.: ADB 2, 766; NDB 2, 342f.; - Bergholz, Thomas, "Daß ich nichts als allein die heilige göttliche Schrift hab vorgetragen" - Der Sendbrief des Hieronymus Bock an die Gemeinde in Hornbach und die Stellung der Saarbrücker Grafen zur Reformation. In: Monatshefte für evgl. Kirchengeschichte des Rheinlandes 54, 2005 (im Druck); - Cuny, Franz, Reformation und Gegenreformation im Bereiche des früheren Archipresbyteriates Bockenheim. 2 Bände, Metz 1937/40; - Faber, Johann Georg / Crollius, Johann Christian, Stoff für den künftigen Verfasser einer pfalz-zweibrückischen Kirchengeschichte von der Reformation an. 2 Bände, Leipzig und Frankfurt 1790/92; - Flesch, Stefan, Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter (VKSLV 20), Saarbrücken 1991; - Goeters, J.F.G., Die Reformation in Pfalz-Zweibrücken und die Entstehung der evangelischen Landeskirche. In: Herrmann, Hans-Walter (Hrsg.), Die alte Diözese Metz (VKSLV 19), Saarbrücken 1993, 191-206; - Hensel, Robert Otto, Das Ausgburger Interim in Pfalz-Zweibrücken. Diss. Mainz 1957; - Herrmann, Hans-Walter, Die Reformation in Nassau-Saarbrücken. In: Die Evangelische Kirche an der Saar gestern und heute, Saarbrücken 1975, 42-111; - Jung, Fritz, Johann Schwebel, der Reformator von Zweibrücken. Kaiserslautern 1910; - Krafft, Fritz (Hrsg.), Vorstoß ins Unerkannte. Lexikon großer Naturwissenschaftler. Weinheim, New York 1999, 57f.; - Mayerhofer, Johann, Beiträge zur Lebensgeschichte des Hieronymus Bock genannt Tragus. In: HJb 17, 1896, 765-799; - Roth, F.W.E., Hieronymus Bock, genannt Tragus. Prediger, Arzt und Botaniker 1498 bis 1554, nach seinem Leben und Wirken dargestellt. In: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 23, 1899, 25-74; - Toepke, Gustav, Die Matrikel der Universität Heidelberg von 1386 bis 1662. Erster Band, Heidelberg 1884.