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Band XVII (2000)Spalten 171-175 Autor: Elias H. Füllenbach

BRAUN, Odilo (Taufname: Leo Stanislaus), OP, führendes Mitglied im Ausschuß für Ordensangelegenheiten 1941-1945, * 18.11. 1899 in Danzig, † 9.8. 1981 in Braunschweig. - B. wurde als 7. von insgesamt 9 Kindern des Schuhmachermeisters Franz Braun, der sein Handwerk aufgegeben hatte und in der katholischen Pfarrkirche »Königliche Kapelle« in Danzig als Küster tätig war, und seiner Ehefrau Anastasia Elisabeth, geb. Marchlewski, geboren. Er besuchte ab 1912 das städtische Gymnasium, das er jedoch schon vier Jahre später wieder verließ, da sich nach dem Tod seines ältesten Bruders an der Front die ohnehin schwierige finanzielle Situation der Familie noch verschlechtert hatte. In den folgenden Jahren arbeitete er auf der Kaiserlichen Werft in Danzig im Werkstattbüro des U-Bootbetriebes und verrichtete dort von 1916-1918 auch seinen Kriegsdienst. Erst 1920 nahm er den Besuch des Gymnasiums wieder auf, ging aber im Februar 1923 - kurz vor den Abiturprüfungen, d.h. lediglich mit Oberprima-Zeugnis - erneut von der Schule ab, um eine kaufmännische Lehre im Reederei- und Speditionswesen zu beginnen. Als Lehrling trennte sich B. vom Bund Neudeutschland und trat den »Normannsteinern« bei, einer »mehr Freiheit« und Selbstbestimmung fordernden Gruppierung innerhalb der katholischen Jugendbewegung. Nach einer schweren Lungenerkrankung, die einen Kuraufenthalt im Waldsanatorium Obernigk erforderlich machte, fand er eine Anstellung beim Senat der Freien Stadt Danzig und leitete bis zu seinem Eintritt in den Dominikanerorden am 22.10. 1926 eine Zweigstelle in der Erwerbslosenfürsorge. An das Noviziat in Venlo schlossen sich Studien in Walberberg, Düsseldorf und Löwen (Belgien) an, die dem »Spätberufenen« auch ohne nötigen Schulabschluß ermöglicht wurden. Wenige Wochen nach seiner Priesterweihe, die B. am 24.2. 1933 im Kölner Dom empfing, wurde er erstmals mit der veränderten politischen Situation in Deutschland konfrontiert, die er seitdem aufmerksam verfolgte: Als er am 5.3., dem Tag der Reichstagswahl, im Dorstener Franziskanerkloster übernachtete, hörte er vom gegenüberliegenden Polizeipräsidium die Schreie der dort Gefolterten. Neben seiner Tätigkeit als Volksmissionar übernahm er 1936 die Leitung des Albertus-Magnus-Verlags in Vechta (Oldenburg), dessen Auflösung durch die Gestapo er jedoch nicht mehr verhindern konnte. Außerdem war er für die Herausgabe der ordenseigenen Missionszeitschriften »Der Apostel« und »Marienpsalter« verantwortlich. Wegen regimekritischer Predigtbemerkungen erhielt er 1937 eine Verwarnung. Von 1938-1940 wurde ihm die Aufgabe des Provinzsyndikus in Köln übertragen, wo er entsetzt die Reichspogromnacht am 9.11. 1938 erlebte. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem NS-Regime wurde bei einem Besuch der kranken Mutter in Danzig bestätigt, als er davon erfuhr, daß einige seiner Freunde und Bekannten in das Konzentrationslager Stutthof deportiert worden waren. Am 1.8. 1940 löste er Ansgar Sinnigen OP als Generalsekretär der Superioren-Vereinigung in Berlin ab, einem Zusammenschluß der höheren Oberen missionierender Orden. Um dem erwarteten Verbot der SV durch die Gestapo zuvorzukommen, setzte sich B. für eine Selbstauflösung ein, die im Mai 1941 vollzogen wurde; dieser Schritt ermöglichte eine »den staatlichen Stellen und Parteibehörden verborgene Neukonstituierung« (Antonia Leugers, S. 163) im Ausschuß für Ordensangelegenheiten, dem neben B. die Patres Augustin Rösch SJ, Lothar König SJ, Laurentius Siemer OP, als Vertreter der Laien der Jurist Georg Angermaier sowie einige Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz wie Konrad Graf von Preysing und Johannes B. Dietz angehörten. Ein vom Ordensausschuß im Herbst 1941 erarbeiteter Hirtenbrief, in dem besonders die Verletzung der Menschenrechte durch den NS-Staat angeprangert werden sollte, scheiterte am Veto Kardinal Bertrams und wurde nicht verlesen; erst der »Dekalog-Hirtenbrief« von 1943 griff einige Gedanken des Entwurfes wieder auf. Ähnlich wie die anderen Ausschußmitglieder stand B. mit verschiedenen Widerstandskreisen in Verbindung (z.B. Kontakt mit Josef Wirmer und Alfred Delp SJ); seine Berliner Bürowohnung diente als Treffpunkt. Darüber hinaus beteiligte er sich an einer »Denkschrift«, in der die deutschen Generäle zum militärischen Staatsstreich und zur Ausschaltung Hitlers aufgefordert wurden. Infolge des mißglückten Juli-Attentats auf Hitler wurde B. am 27.10. 1944 verhaftet und im Berliner Gestapogefängnis, Lehrter Straße, festgehalten. Da trotz schwerer Folterungen kein Geständnis erzwungen werden konnte, wurde er am 12.2. 1945 entlassen. Bis zum Kriegsende bemühte er sich darum, den im Gefängnis verbliebenen Mithäftlingen beizustehen, und nahm 1945, mit den Sorgen Inhaftierter vertraut, eine Stelle als Gefängnisseelsorger in Berlin an, die er bis 1958 innehatte. Auf Anregung von Kardinal Preysing wurde ihm von den Alliierten zwischen 1946 und 1948 der Vorsitz von vier Entnazifizierungskommissionen übertragen. Seine Erfahrungen als Seelsorger beim Katholischen Notwerk Berlin von 1950-1953, das hauptsächlich Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone betreute, bestimmten seine negative Einstellung zum Kommunismus. Wahrscheinlich war er auch an den Vorbereitungen zur Gründung der CDU in Berlin beteiligt. Ab 1953 betreute er das Flüchtlingslager in Berlin, von 1960-1964 das Lager in Uelzen und begründete in Holxen die Pfarrgemeinde »Maria Rast«. 1976 baute er in Groß Schwülper (bei Braunschweig) ein »Haus des neuen Anfangs« zur Resozialisierung Jugendlicher, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Als Kuratoriumsmitglied der Stiftung »Hilfswerk 20. Juli 1944« prägte er maßgeblich die öffentlichen Gedenkveranstaltungen der BRD und leitete auch die jährlichen Gottesdienste in der ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee. Die seit 1969 erfolgenden Bestrebungen, anstatt der bisher üblichen konfessionell getrennten Andachten zum 20. Juli einen »ökumenischen eucharistischen Gottesdienst« zu begehen, führten zu einer langjährigen Auseinandersetzung zwischen B. und dem Bischöflichen Ordinariat Berlin. Innerhalb des Kuratoriums kam es 1978 zu erheblichen Spannungen, als B. den SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner als Redner zum 20. Juli strikt ablehnte. In seinen Predigten und Ansprachen, die er anläßlich von Gedenkveranstaltungen hielt, bezog er sich auch auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik (z.B. auf die Abtreibungsdebatte um § 218) und griff zunehmend Andersdenkende an, denen er polemisch und oft in ungerechtfertigter Weise neofaschistische oder kommunistische Ansichten vorwarf. - B. nahm eine wichtige Vermittlungsposition zwischen den unterschiedlichen Widerstandsgruppen des 20. Juli 1944 ein. Seine kompromißlose Nächstenliebe machte ihn zu einem engagierten »Kämpfer« gegen politisches und soziales Unrecht. Nach 1945 trug er aber auch zu einer einseitigen »Verchristlichung des Widerstandes« (Antonia Leugers, S. 339 f.) bei. - Der größte Teil seines Nachlasses befindet sich im Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung Sankt Augustin.

Werke: Lebendig in der Erinnerung, in: Alfred Delp, Kämpfer, Beter, Zeuge. Letzte Briefe und Beiträge, Berlin 1954, 111-114; - Wie sie ihren Kreuzweg gingen. Ansprache zur Gedenkfeier der Opfer des 20. Juli 1944 in Berlin-Plötzensee am 20. Juli 1954, in: Bekenntnis und Verpflichtung. Reden und Aufsätze zur zehnjährigen Wiederkehr des 20. Juli 1944, Stuttgart 1955, 26-29.

Lit.: Josef Bauer, Gerade noch den NS-Häschern entgangen. Odilo Braun OP, eine markante katholische Persönlichkeit im Widerstand gegen die Nazis, wird 80 Jahre, in: Deutsche Tagespost vom 16./17. November 1979; - Wilhelm Brasse, Im Widerstand bewährt. P. Odilo Braun OP (Sv, Nds) 80 Jahre alt, in: academia, Heft 2 (1980), 70-71; - Antonia Leugers, Im Kampf gegen das Unrecht. Odilo Braun OP (18.11.1899-9.8.1981), in: Wort und Antwort 28 (1987) 182-185; - Dies., Gegen eine Mauer bischöflichen Schweigens. Der Ausschuß für Ordensangelegenheiten und seine Widerstandskonzeption 1941 bis 1945, Frankfurt a. M. 1996; - Dies., Interessenpolitik und Solidarität. 100 Jahre Superiorenkonferenz - Vereinigung Deutscher Ordensobern, Frankfurt a.M. 1999, 239-289; - Roman Bleistein SJ, Rösch-Kreis, in: Wolfgang Benz / Walter H. Pehle (Hrsg.), Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt a. M. 1994, 276-279 (Vgl. auch 338); - Ulrich von Hehl / Christoph Kösters u.a. (Bearb.), Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung, Paderborn-München-Wien-Zürich 41998, 473 und 1971.

Elias H. Füllenbach

Letzte Änderung: 24.06.2008