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Band I (1990)Spalten 1009-1011 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

CHRISTOFFEL, Ernst Jakob, Gründer der Christlichen Blindenmission im Orient, * 4.9. 1876 in Rheydt (Rheinland) als Sohn eines Klempnermeisters, † 23.4. 1955 in Isfahan (Persien). - Nach dem Abitur und kurzer Tätigkeit als Erziehungsgehilfe im Waisen- und Missionshaus in Neukirchen bei Moers entschloß sich C. zum Besuch des Predigerseminars in Basel. "Meine Bekehrung fiel in die Zeit, in der die ersten Nachrichten von den Armeniergreueln der neunziger Jahre nach Deutschland kamen und unter den Christen in Deutschland eine erhebende Bewegung der Hilfsbereitschaft auslösten. Dadurch wurde mein Blick auf den Orient gelenkt, und der Wunsch wurde in mir wach, wenn es des Herrn Wille wäre, ihm im Orient zu dienen." Im Frühjahr 1904 beendete C. sein Studium in Basel und war in den Sommermonaten Hauslehrer in einer Kaufmannsfamilie in Zürich. Da erreichte ihn die Anfrage des Schweizer Hilfskomitees für Armenien, ob er Lehrer und Leiter von zwei Waisenhäusern in Siwas (Kleinasien) werden möchte. Mit voller Freudigkeit sagte er ja zu der Berufung. Im September 1904 reisten C. und seine Schwester Hedwig nach Siwas. Innerhalb von drei Jahren sollten sie die über 400 Waisen der beiden Häuser irgendwo unterbringen. "Im letzten Jahr unseres Aufenthalts in Siwas hatte der Herr uns die Not der Blinden des Orients gezeigt. Diese Not wirkte in uns den Entschluß zur Hilfe." C. wandte sich an die für den Nahen Orient in Betracht kommenden Missionen mit der Bitte, die Blindenfürsorge in ihr Arbeitsprogramm aufzunehmen, und stellte sich selbst für diesen Dienst zur Verfügung; aber alle lehnten ab. Darum reifte in ihm der Entschluß zur Gründung einer Blindenmission im Osten. "Wenn der Herr die Geldmittel für die Reise gibt, Mittel zum Mieten eines Hauses und einer Einrichtung, Mittel zur Verpflegung von zehn Blinden, und zwar für ein Jahr, dann wollen wir hinausgehen." In Deutschland, in der Schweiz und in Holland fanden sich viele Freunde, die bereit waren, helfend und betend hinter der Missionsarbeit zu stehen. Im Herbst 1908 wurde C. in Basel ordiniert. Im Januar 1909 erreichten die Missionsgeschwister C. das Ziel ihrer Ausreise: die Stadt Malatia am Fluß des Bey-Dagh, einige Reitstunden vom Oberlauf des Euphrat entfernt. Die Arbeit begann mit der Aufnahme von Blinden, Krüppeln und Niemandskindern. Nach eingen Wochen zählte die Heimfamilie fast sechzig Personen. Einige Jahre später gelang es, in der Nähe der Stadt ein größeres Grundstück mit Gebäude zu kaufen. Der Ausbau der Arbeit machte Fortschritte. 1913 heiratete Hedwig C. den deutschen Pastor Bauernfeind, der auch in die Arbeit eintrat. Im Juli 1914 reiste C. nach Deutschland, um seinen Missionsfreunden in Europa von seinem Plan, eine Zweigstelle Diabekir am Tigris zu gründen und ein Haus für blinde Mädchen zu bauen, zu berichten und dafür um Hilfe zu bitten. In Beirut erreichte ihn die Nachricht vom Ausbruch des Krieges. In der Heimat fand er Verwendung als Militärpfarrer und Lazarettseelsorger. Die deutschen Mitarbeiter in Malatia mußten das Land verlassen. Sie trafen im September 1915 in München ein und berichteten C. Er machte eine Eingabe an das Kriegsministerium und bat um die Erlaubnis, in die Türkei reisen zu dürfen. Nach eingehender Prüfung der Gründe erhielt C. die Beurlaubung und Reisegenehmigung und reiste Ende Januar 1916 ab. Das Heim in Malatia war erhalten geblieben. Nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands im November 1918 wurden die Deutschen in der Türkei ausgewiesen, auch die Missionare. Anfang Februar 1919 verließ C. Malatia und traf Ende Juni 1919 in der Heimat ein. In der Arbeiterkolonie "Hoffnungstal" bei Bernau (nicht weit von Berlin), einem Werk Friedrich von Bodelschwinghs, fand er eine Aufgabe als Anstaltsgeistlicher und Leiter einer Baracke. Im Frühjahr 1924 war für die Deutschen der Weg in die Türkei frei. So fuhr C. nach Konstantinopel, durfte aber nicht weiter nach Malatia reisen. Alle Verhandlungen blieben vergeblich. So trat er mit drei Mitarbeitern im November 1925 die Reise nach Persien an. In Täbris, der Hauptstadt der Provinz Aserbeidschan, wurde ein kleines Haus gemietet und die Arbeit mit der Aufnahme der ersten Blinden begonnen. Im Dezember 1927 reiste C. nach Deutschland, um mit seinen Freunden den Plan einer neuen Missionsstation im Innern Persiens zu besprechen. Man dachte an Isfahan, da die geringen Geldmittel eine Niederlassung in der Hauptstadt Teheran nicht erlaubten. Nun suchte und fand C. ein Ehepaar, das bereit war, im Herbst 1928 den Dienst als Hauseltern in Täbris zu übernehmen. Im November 1928 reiste er mit einem Mitarbeiter nach Isfahan. Den Winter 1928/29 benutzten sie zu persischen Sprachstudien. Anfang Mai 1929 wurde außerhalb der Stadt die neue Missionsstation eingerichtet und eröffnet. Man nahm sich der Straßenkinder, der Taubstummen und Krüppel an. Der Mitarbeiterkreis in der Heimat erbat im Sommer 1933 C.s Reise nach Deutschland. Seine Zeit war ausgefüllt mit einem Aufenthalt im Tropengenesungsheim in Tübingen, Mitarbeiterkonferenzen und Besprechungen in Berlin und einer Reise zum Besuch der Freunde in Schweden. Im Sommer 1934 war C. wieder in Persien. Im August 1941 besetzten englische und russische Truppen große Teile Irans. Die Deutschen mußten das Land verlassen. C. konnte noch zwei Jahre ungehindert seine Arbeit fortsetzen. In der Nacht vom 30. zum 31.8. 1943 wurde er verhaftet und kam in ein Sammel- und Durchgangslager. C. durchlief acht Lager, in Iran, im Irak, Ägypten und Deutschland, und traf endlich im Juni 1946 bei seiner Schwester in Bad Sachsa am Harz ein. Die Zukunft deutscher Missionsarbeit lag im tiefsten Dunkel. Es reifte in ihm der Plan, in Nümbrecht im Bergischen Land ein Heim für pflegebedürftige Kriegsblinde zu errichten. Im Mai 1949 wurde der Grundstein gelegt. Im Januar 1951 durfte C. wieder nach Isfahan auf sein altes Missionsfeld reisen, wo ihm als "Vater der Blinden im Orient" noch eine vierjährige Wirksamkeit beschieden war. Der Vorstand der Mission beschloß, dem Heimgegangenen zu Ehren den Namen der "Christlichen Blindenmission im Orient" zu ändern in "Christoffel-Blindenmission im Orient".

Lit.: 50 J. im Dienst der Mohammedaner-Mission, in: DtPfrBl 54, 1954, 426; - P. E. J. C. †, ebd. 55, 1955, 259; - P. C., in: Wege z. Menschen. Mschr. f. Seelsorge, Psychotherapie u. Erziehung 7, 1955, 279 f.; - Fritz Schmidt-König, E. J. C. Vater der Blinden im Orient, 1960 (19692). - RGG I, 1745.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

E.J.C. Ein Leben im Dienst Jesu. Anhand von Briefen, Schriften u. Dokumenten zsgest. von Sabine Thüne. Nürnberg 2007.

Letzte Änderung: 04.10.2007