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Band XXIII (2004) Spalten 260-264 Autor: Christian Weise

DEMIDOV, Vasilij M., * 4.4. 1886, † 16./29.6. 1952; Erzpriester der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, Apologet. - Vasilij Demidov beendete 20jährig das Orenburger Seminar im Jahre 1905 und wurde Missionar im Uraler Oblast'. Über seine eigentliche Missionarstätigkeit hinaus nahm er regelmäßig an den Missionstreffen der Russischen Orthodoxen Kirche teil und fand hierdurch zu unterrichtender und schriftstellerischer Tätigkeit. 1911 wurde D. zum Vorsteher der Kirche in Čeljabinsk ernannt. Im 1. Weltkrieg diente er auf eigenen Wunsch als Militärgeistlicher, wurde verwundet nach Lemberg (poln. Lwów, russ. L'vov, ukr. L'viv) evakuiert. Hier wirkte er in der Gemeinde um die Kirche des Hl. Georg (1901 errichtet). Infolge der russischen Revolution konnte D. nicht mehr nach Rußland zurückkehren, diente eine Zeit lang in der weißen Armee des Admirals Aleksandr Kolčak (1873-1920) und gelangte schließlich 1919 nach Charbin' in der Mandschurei, wo er am dortigen Seminar Kirchenrecht, Missionskunde und Homiletik unterrichtete. Veröffentlichungen in der Zeitschrift "Sejatel'". Eparchialmissionar. Die Mandschurei, 1900 im Boxeraufstand von Rußland annektiert, 1905 nach dem verlorenen Krieg gegen Japan japanisch besetzt, war freilich nun russische Diaspora. Für die russische Minderheit bedeutete dies Verlust der unterstützenden russischen Staatsmacht und Bedrohung durch die japanischen Besetzer und die einheimische Bevölkerung. 1924 wurde D.s Frau ermordet. Schließlich wanderte D. 1927 mit Tochter und Sohn nach Amerika aus. In San Francisco wirkte er an der Skorbjaščenska Kirche. 1943 kam sein Sohn als Soldat der amerikanischen Armee in England um. D. lebte bereits im Jordanviller Sv. Troickij-Kloster, wo auch ein Seminar bestand, bald nach Ende des Krieges zog D. dann nach New York wo er schließlich 1952 starb. - D. trat vor allem als Apologet gegen Sekten hervor und war einer der ersten russischen Sektenkundler. Sein "Sputnik Christianina", eine Apologie gegen das Sektenwesen, schuf ihm weiteres Ansehen. Zu seinen Polemiken zählte auch die gegen die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche. Als ihre Anhänger sich nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland wieder sammelten und auch literarisch verteidigten - Ivan Vlasovs'kyj hatte 1946 unter dem Pseudonym Seneks (senex = latein. Greis oder Alt-Vater) eine Darstellung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in den Jahren deutscher Osteroberung gegeben und Bischof Ioan (Teodorovyč, 1887-1971) 1947 eine Verteidigung der Wege der Kiever Synode von 1921 (vgl. Peršyj vseukraïns'kyj pravoslavnyj cerkovnyj sobor UAPC 1921 14-30 žovtnja 1921 roku. Dokumenty i materialy. Herausgegeben von Serhij M. Plochij u.a. Kyïv-L'viv 1999) mit einer sich an Berichte von Hieronymus ep. 146 und Patriarch Eutychios (Patrologia Graeca CXI, 982 B) anknüpfenden "alexandrinische Weihe" einer neuen Hierarchie durch die Gemeinde publiziert, Erzbischof Nikanor (Abramovyč, 1883-1969) eine unter dem Namen Je. N. Čyhyryns'kyj (Bischof N[ikanor] von Čyhyryn) veröffentlichte Kurzbeschreibung der Geschehnisse während des 2. Weltkrieges nur als Manuskript verfaßt, die erst später 1956/1962 publiziert werden sollte (ein weiterer orthodoxer Bischof, Afanasij (Martas, 1904-1983), gab sich als katholisch aus) - da begegnete D. mit seinem gleichfalls pseudonym veröffentlichten Pamphlet diesen Versuchen der Geschichtsdarstellung zu Legitimationszwecken mit polemischer Kritik. Aus Frankreich stellte sich ihm eine unter dem Pseudonym Pravoslavnyj schreibender Verfasser im Cerkovnyj Vestnik Zapadno-evropejskogo eksarchata 1947/1948 zur Seite. Die Pseudonymität hatte einerseits, und zwar auf beiden Seiten des Kirchenkonflikts, Schutz vor möglichen Gegnern (einschließlich in diesen Jahren noch geschehener Attentate) im Sinne, andererseits gewährte sie eine autoritative Geltung, so Seneks und Pravoslavnyj, letzteres zusätzlich auch dadurch, daß eine in diesem Feld der Kirchengeschichtsschreibung sehr beliebte argumentatio ad personam jedenfalls für die Gegner ausgeschlossen werden konnte. Der Sache nach wollte die Auslandskirche außerdem möglicher Kritik, mit den Deutschen und Ukrainern gemeinsame Sache gemacht zu haben (angesichts Bischof Serafim L(j)ade (1883-1950) drohend), einen Riegel vorschieben. Hinzu kam, daß die Russische Orthodoxe Kirche des Ausland in Paris vom September 1945 bis August 1946 sich dem Patriarchat Moskau untergeordnet hatte, dann dies aber schnell widerrief und damit ihren Ort zu bestimmen hatte. Auch deshalb schrieben unter ihrem Namen ab den 50er Jahren weitere orthodoxe Historiker der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland wie Kirill Fotiev (1928-1990) ihre Darstellungen. Gewisse Exculpierungsabsichten mögen vielleicht beim evangelischen Konfessionskundler Friedrich Heyer (* 1908) in seiner Kieler Dissertation von 1953, die zur Russischen Orthodoxen Kirche neigt, mitgespielt haben. Andererseits hatten bereits während des 2. Weltkrieges Krieges Theologen wie Oskar Wagner (1906-1989) mit Kenntnis der kirchenrechtlichen Fragen und Einsicht in die ukrainische und russische Kirchenlage für eine weniger von patriotischen als vielmehr kirchlichen Motiven gespeiste Lösung zu überzeugen versucht (vgl. Volodymyr Paščenko, Pravoslav'ja v novitnij istoriï Ukraïny. Bd. 1. Poltava 1987, 45). Für die ukrainische Perspektive schrieben ab Mitte der 50er Jahre später gleichzeitig mit Heyer und nun aus sicherer Entfernung vor möglichen russischer Gegenspionage Bohdan Bociurkiv (1925-1998, vgl. C. Weise, Art. Bociurkiv, in: BBKL 18 (2001) 196-203), Hryhorij Lužnyc'kyj (1903-1990), Ivan Vlasovs'kyj (1883-1969), und schließlich Semen Savčuk (1895-1983) mit Jurij Mulyk-Lucyk (1913-1991) und Tymofij Minenko (* 1929) ihre sicher auch nicht unparteilichen, aber erheblich fundierteren historischen Darstellungen. Ähnliches wiederholte sich nach der Perestrojka in der Ukraine, wo sich einerseits ukrainische Nachdrucke der Darstellung D.s und Darstellungen des Leiters des Pressebüros der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchats) Vasilij Anisimov den stärker historischen Darstellungen eines Vladimir Petruško oder Aleksandr Drabinko gegenüberstanden.

Werke: Iisus iz Nazareta. Kto on? Čeljabinsk 1919; Sputnik christianina. Posobie dlja besed s sektantami. Wilkes-Barre 1938 = New York 1941; O suščnosti pravoslavija i russkom sektanstve. New York 1941; Iz bezdny k bogu. New York 1942; Sv. Aleksandr Nevskij - zaščitnik cerkvi i borec za rodinu. New York 1942; Russkaja žizn' v krivom zerkale inostrancev. New York 1942; Idejnaja bor'ba za svjatuju Rus'. Kritičeskoe obozrenie bol'ševickoj knigi "Pravda o religii v Rossii". o. O. o. J. [1943?]; Plotnik iz Nazareta. o.J.; Oružie pravdy. Pravoslavie i sektanstvo, in: Pravoslavnaja Rus' 1 (1947) 9-11; 2 (1947) 7-9; 3 (1947) 7-9; 5 (1947) 6-8; 6 (1947) 6-8; Otkuda proizošli baptisty, in: Pravoslavnaja Rus' 19 (1949) 7-9; 20 (1949) 12f.; 21 (1949) 9f.; 22 (1949) 7-10; 23 (1949) 7f.; 24 (1949) 13f.; 3 (1950) 11f.; [Pseudonym: Raevskij/Ranevskij], Ukrainskaja avtokefalnaja Cerkov'. Pravoslavnaja Rus' 5 (1948) 8f.; 6 (1948) 4-9; 7 (1948) 6-10 = Jordanville 1948 = Ukraïns'ka avtokefal'na cerkva. Istorčnyj narys pro cerkovnyj rozkoly na Ukraïni. Počaev 1995; V zaščitu Cerkvi. Jordanville 1948; Vera i znanie. New York 1950; O počitanii svjatych moščej. Jordanville 1950 = On the Veneration of the Holy Relics and Remains of the Saints, in: Orthodox Life 30,2 (1980) 23-33; Svideteli vernye i ispovedniki pravoslavija. Jordanville 1951.

Lit.: Igumen Konstantin, Pamjati o. Vasilja Demidova, in: Pravoslavnaja Rus' 9,13 (1952) 6f.; - Končina prot. o. Vasilija Demidova, in: Pravoslavnaja Rus' 9,13 (1952) 13; - Semen Savčuk/Jurij Mulyk-Lucyk, Istorija Ukraïns'koï Pravoslavnoï Cerkvy v Kanadi. Winnipeg 1989, insbes. 445; - Jerzy Stefan Langrod, O autokefalii prawosławnej w Polsce. Warszawa 1931; - Seneks (= Ivan Vlasovs'kyj), Ukraïns'ka Pravoslavna Cerkva v časi Drugoï svitovoï vijny 1939-1945 rr. München 1946; - Msgr. [= Bischof] A[fanasij] M[artas], Materyjaly da historyi Pravaslaunae Belaruskae Carkvy (Periad saveckaj i njameckaj akupacyi Belarusi). o. O. [Hamburg] 1948; - Ders., Belarus' v istoričeskoj, gosudarstvennoj i cerkovnoj žizni. Buenos Aires 1966 = Minsk 1990; - Kirill Fotiev, Popytki ukrainskoj cerkovnoj avtokefalii v XX veke. München 1955 = Moskva 1997; - Pravoslavnyj, Lipkovcy ili samosvjaty, in: Cerkovnyj Vestnik Zapadno-evropejskogo eksarchata 1,8 (1947) 10-12; - Ders., Ukrainskaja Avtokefal'naja Pravoslavnaja Cerkov', in: a.a.O., 2,15 (1948) 9 f.; - Ders., Ukrainskaja cerkov', in: a.a.O., 2,16 (1948) 11 f.; - Ders., Avtokefal'naja Ukrainskaja Cerkov', in: a.a.O., 2,17 (1948) 17-19; - Friedrich Heyer, Die Orthodoxe Kirche in der Ukraine von 1917 bis 1945. Köln-Braunsfeld 1953. (Osteuropa und der Deutsche Osten III); - Hryhor Lužnyc'kyj, Ukraïns'ka Cerkva miž Schodom i Zachodom. Philadelphia 1954; - Je[piskop] N[ikanor] Čyhyryns'kyj (= Nikanor Abramovyč), Ukraïns'ka Pravoslavna Cerkva v 1941-1943 rokach: Ridna Cerkva 5,25 (1956) 6-8; 11,49 (1962) 8-10; 11,50 (1962) 4-6; - Ivan Vlasovskyj, Narys istoriï ukraïns'koï pravoslavnoï cerkvy. New York 1955-1966, verschiedene Nachdrucke in Kyïv in den 90er Jahren, zuletzt 1998/99; - Orest F. Kupranec', Pravoslavna Cerkva v mižvojennij Pol'šči 1918-1939. Roma 1974 (Analecta OSBM I 31); - Semen Savćuk/Jurij Mulyk-Lucyk, Istorija Ukraïns'koï Pravoslavnoï Cerkvy v Kanadi. 4 Bände. Winnipeg 1984-1989; - Vladimir I. Petruško, Avtokefalistskie Raskoly na Ukraine v postsovetskij period 1989-1997; - Tymofij Minenko, Pravoslavna Cerkva v Ukraïni pid čas druhoï svitovoï vijny 1939-1945. 3 Bde. Bd. 1. Winnipeg-L'viv 2000; - Aleksander Drabinko, Pravoslavie v posttotalitarnoj Ukraine (vechi istorii). Kiev 2002; - Vasilij Anisimov, K istorii avtokefal'nogo i filaretskogo raskolov. Kiev. 2002.

Christian Weise

Letzte Änderung: 26.09.2009