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Band XX (2002)Spalten 683-688Manfred Berger

GUMPPENBERG, Hubertha Paula Irene Hildegard Maria Freiin von, * 17. Februar 1910 in Regensburg, † 14. Juli 1999 in München, 1.Vorsitzende des "Bayerischen Landesverbandes katholischer Kindertagesstätten e.V.", Assistentin der "Katholischen Hochschulgemeinde München". - Freiin Hubertha besuchte in Regensburg die "Vorschule der Englischen Fräulein" und ab den 10. Lebensjahr das Lyzeum. Des weiteren absolvierte sie noch eine Haushaltungsschule. Anschließend übernahm G. eine Praktikantinnenstelle in einem Säuglingsheim. Ihre Mutter, Hedwig Freifrau Gumppenberg, geb. Gräfin von Wolff-Metternich, engagierte sich im Katholischen Frauenbund in Regensburg, wo sie die erste katholische Eheberatung Bayerns initiierte und leitete. Mit 16 Jahren schloss sich G. der Regensburger Jugendgruppe des Katholischen Frauenbundes an. Daran erinnerte sie sich mit folgenden Worten: - "Waren in der ersten Jugendabteilung vor allem Bürgertöchter, die noch nicht in einem Beruf standen, so entwickelte sich um 1926 eine 'jugendbewegte' Abteilung, die auch für Mädchen eine neue Art religiöser Gemeinschaft anbot. Mit Ausflügen, Singen, Tanzen, Wimpel, Stilkleidern eröffneten sich uns begeistert begrüßte Aktivitäten. Die Anfänge der liturgischen Bewegung waren unser Anliegen ebenso wie sozial-caritative Arbeit und Theaterspiel zugunsten von Kindergärten und Kinderhorten" (zit. n. Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes 2001, S. 42). In München, wohin 1929 die Familie von Gumppenberg übersiedelt war, lernte die junge Freiin in ihrem sozial-caritativen Engagement viele bedeutende Persönlichkeiten der katholischen Frauenbewegung kennen: Ellen Ammann und ihre Tochter Maria, Anna Gräfin Spreti, Marie Amelie Freiin Godin, Pauline Gräfin Montgelas, Therese Ulrich, um nur einige der vielen zu nennen. Ellen Ammann, die Führerin der katholischen Frauenbewegung in Bayern, konnte G. von einer professionellen Wohlfahrtspflegerinnenausbildung überzeugen. Von 1931 bis 1933 besuchte die Freiin die Münchener "Soziale und caritative Frauenschule", die von Ellen Amman ins Leben gerufen und seinerzeit von Tochter Maria Ammann geleitet wurde. G. verzichtete nach der Abschlussprüfung auf eine staatliche Anerkennung ihrer Ausbildung, weil sie keine Anerkennung durch die Nazis wollte. - Es folgten schwere Jahre als Referentin in der Geschäftsstelle des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising, die seinerzeit von Prälat Dr. Franz Müller geleitet wurde. Einer ihrer Schwerpunkte war die Jugend in den einzelnen Pfarreien an die aktive Caritasarbeit heranzuführen, also gerade in den Jahren, als alle konfessionellen Organisationen steigender Unterdrückung ausgesetzt waren. In ihrer Tätigkeit lernte G. Gertrud Luckner, seit 1936 Mitarbeiterin beim Deutschen Caritasverband in Freiburg kennen, deren tapferes Eintreten für Juden, ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sie von Herbst 1943 bis Mai 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück brachte. Die beiden Frauen verband zeitlebens eine Freundschaft. So weit wie nur möglich unterstützte die Freiin Gertrud Luckner, die für ihren gefährlichen Einsatz stets auf der Suche nach verschwiegenen Mitarbeiter war: - "Über die Hilfe an Juden und politisch Verfolgten wurde kaum gesprochen; Frau Dr. Luckner kam bereits im Auftrag von Erzbischof Gröbner und der Freiburger Zentrale angereist und bat um Hilfe bei Kardinal Faulhaber und Direktor Müller, der wiederum bei uns einzelne und verschwiegene Helfer suchte. Wenn heute manchmal geklagt wird, daß darüber keine Unterlagen erhalten sind, keine Namen, keine Akten, so kann ich nur lächeln. Wer - am wenigsten Kardinal Faulhaber - hätte damals gewagt, auch nur einen Namen über derartige Hilfsaktionen niederzuschreiben" (Gumppenberg 1990, S. 5). Die Freiin selbst schmuggelte zweimal Kassibers an Pater Rupert Mayer, der gezwungenermaßen im Kloster Ettal leben mußte, wo er das Klostergelände nicht verlassen und keine Messen in der Öffentlichkeit zelebrieren durfte, und an den Jesuitenpater Alfred Delp, in dessen Wohnung in der Neuberghauser Straße 9 sich des öfteren Mitglieder des Kreisauer Kreises zu Besprechungen trafen. Neben Gertrud Luckner, Graf Moltke nahmen u. a. auch Kaplan Hermann Josef Wehrle, Legionsrat Eduard Brücklmeier sowie der letzte bayerische Gesandte in Berlin, Franz Sperr, teil. Nach G. wurde Kardinal Michael von Faulhaber laufend über die Zusammenkünfte informiert. Die überzeugte Katholikin war den Nazis auch wegen ihrer religiösen Vorträgen und Veröffentlichungen ein Dorn im Auge. Die brauen Machthaber anerkennten keinen ihnen übergeordneten Gott, sondern setzten sich als selbsternannte Herrenmenschen an die Stelle eines Schöpfers. Demgegenüber schrieb G. 1940 die damals durchaus mutigen Worte, dass Gott "unser aller Vater ist, weil er uns das Leben geschenkt hat, als Schöpfer und noch einmal in überströmenden Reichtum in der Erlösung Christi. In diesem Gedanken der Vaterschaft Gottes liegt zugleich auch die Sicherung gegen jeden Feindeshaß, vor dem wir die Kinder bewahren müssen. Wer in Kriegszeiten die Kinder vor dem Haß behütet, hilft zugleich, seinem Volk den Frieden in der Zukunft zu sichern. Nur da, wo die Seele rein von jeglichem Haß ist, kann die wahre Caritas ihre Früchte bringen" (Gumppenberg 1940, S. 5). - Zusätzlich engagierte sich die adelige Frau ehrenamtlich im "Bayerischen Landesverband katholischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V." (heute "Bayerischer Landesverband katholischer Kindertagesstätte e.V."). Von 1937 bis 1977 war sie 1. Vorsitzende des Verbandes, den sie durch Höhen und Tiefen führte. Dabei waren die Jahre während und nach der Nazi-Diktatur besonders schwer. Zum 70jährigen Jubiläum des Verbandes erinnerte sich die Freiin an jene Zeit: - "In den Jahren nach der Machtübernahme erschwerte sich die Situation zunehmend, sowohl für den einzelnen Kindergarten, wie auch für den Verband. Die Einrichtungen mußten mit Auflösung oder mit Übernahme durch die NSV ("Nationalsozialistische Volkswohlfahrt"; M.B.) rechnen; am gefährdetsten und oftmals nicht zu retten waren die Kindergärten in kommunaler Trägerschaft. Die Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft blieben zum größeren Teil erhalten, teils weil zuerst die Kräfte zur Ablösung fehlten, teils weil die Partei - und das gilt vor allem für die Jahre während des Krieges - letztendlich doch die Empörung der Bevölkerung fürchtete. Daß bereits ein geheimer Führerbefehl bestand, alle kirchlichen Einrichtungen aufzulösen, war allgemein bekannt. - Was die Verbandsarbeit betrifft, so war auch diese an allen Ecken und Enden beengt. Das Versammlungsverbot war unklar gefaßt und wurde von der Gestapo willkürlich ausgelegt. Rein fachliche Fortbildung durften anfangs noch ohne Anmeldung durchgeführt werden, Briefe durften noch versandt werden, wurden aber stark kontrolliert. Alle führenden Persönlichkeiten wurden bespitzelt. Noch führten wir, wenn auch reduziert, unsere Fortbildungsveranstaltungen und sogar die Diözesantagungen durch, bis zum Sommer 1939. Bei der letzten Tagung in Augsburg, wurden wir von der Gestapo gesprengt. Sie kamen - 10 Mann stark - und beschlagnahmten alles Geld, alles Material, auch alle privaten Notizen der Zuhörer. Ich selber bekam ein Verfahren angehängt und mußte mich bei der Gestapo in München verteidigen. Der Ausgang war völlig ungewiß. Dann kam im September 1939 der Kriegsbeginn und nach einigen Wochen eine allgemeine Amnestie für alle derartigen Vergehen. Von diesem Zeitpunkt an waren keine Veranstaltungen mehr möglich - außer ganz kleine, verschwiegene Kreise, auch unser umfangreiche Schriftverkehr wurde fast ganz lahmgelegt., schon durch die rigorose Beschneidung der Papierzuweisungen... Leider wurde auch das kleine Büro des Verbandes... verbombt... So mußten wir nach 1945 völlig von neuem anfangen... Wir haben noch die Einladung zu einem ersten Treffen in München, sparsam auf einer halben Seite mit ausgeliehener Schreibmaschine getippt; es ist die Einladung zu einer Besprechung im Angerkloster am 5. August 1945, über das Thema: 'Neue Aufgaben in neuer Zeit'. Und dann heißt es weiter: 'Außerdem teilen wir Ihnen mit, daß wir, da unsere Geschäftsstelle den Bomben zum Opfer fiel, einstweilen jeden Mittwoch Nachmittag von 3-6 Uhr eine Sprechstunde im Pfarrhof St. Ludwig abhalten.' - Die Sprechstunden waren wichtig, vor allem für die zahlreichen Kindergärtnerinnen, die als Flüchtlinge verzweifelt versuchten hier Fuß zu fassen und neue Anstellung zu finden. Aber wie wenig konnte man damals helfen. Mußten wir doch selbst fast am Nullpunkt beginnen, aber doch nur fast. Das große Anfangskapital waren die noch bestehenden Kindergärten im ganzen Land, geführt von unseren treuen Ordensschwestern. Noch liegt eine Anweisung der Militärregierung vor, daß alle Einrichtungen, die von Ordensfrauen geführt würden, sofort wieder zu öffnen sind; nur die weltlichen Kindergärtnerinnen mußten, ehe sie Arbeitserlaubnis erhielten, den Nachweis der Entnazifizierung beibringen" (Gumppenberg 1987, S. 6 f). Von 1939 bis 1975 war G. als seel<\h>sorgerische Assistentin hauptamtlich an der "Katholischen Hochschulgemeinde München" angestellt. In dieser Funktion beteiligte sie sich maßgebend am Bau des "Newman-Hauses" in München-Schwabing (eingeweiht am 22. November 1951), daß nicht nur Studentinnen Wohnraum bot, sie war ebenso eine "Stätte weltanschaulich religiöser Bildung". - Von der Deutschen Bischofkonferenz wurde G. als Fachreferentin für Caritas und Glaube sowie die Stellung des Kindergartens in der Gemeinde in die Synode von Nürnberg (1970-1973) berufen. Neben ihren vielfältigen beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten hielt die Freiin ungezählte Vorträge vor Kindergärtnerinnen, Eltern und Fortbildnerinnen. Dabei referierte sie vor allem über religiöse Erziehung im Kindergarten und Elternhaus, worüber sie auch publiziert hatte. In ihrem noch heute lesenwerten Aufsatz aus dem Jahre 1975 schrieb sie zum Thema "Gedachtes und Gelesenes zur Religionspädagogik": - "Wenn wir fragen: wie lernt das Kind glauben?, so lautet die Antwort ähnlich wie auf die Frage: wie lernt es sprechen? Nämlich: indem wir mit ihm reden! So ist es auch mit dem Glauben: das Kind lernt glauben, indem wir mit ihm glauben, indem wir das Kind teilnehmen lassen an unserem eigenen Glauben. - Bei welchen Eltern oder bei welcher Erzieherin lernt das Kind besser beten? Bei jener, die während des Gebets immer wieder zur Ordnung ruft: Schau nicht herum, halte die Hände schön, sei bei der Sache! - oder bei jener, die sich selbst im Gebet mit den Kindern bewußt in die Gegenwart Gottes stellt und so das Kind in die eigene Haltung der liebenden Ehrfurcht hereinholt. So ist es auch mit dem Glauben: nicht das Reden über den Glauben, sondern das Miteinander-Glauben ist das Entscheidende" (Gumppenberg 1975, S. 123). - Für ihre sozial-karitativen Verdienste wurde G. 1981 mit dem Bayerischen Verdienstorden 1. Klasse ausgezeichnet. Bis kurz vor ihrem Tode nahm sie rege teil am religiösen Geschehen und an der Entwicklung des Kindergartenwesens.

Werke (Ausw.): Caritas im Kriege, in: Kinderheim, 19 1940, 15-17; Aus einem Adventsbrief, in: Kinderheim, 25 1947, 272-274; Der Weg des Kindes zu Gott, in: Kinderheim, 26 1948, 5-14; Erdachtes und Gelesenes zur Religionspädagogik, in: Bayerischer Landesverband Katholischer Kindertagesstätten e.V. (Hrsg.): Religionspädagogik. Praxis der Bibelrunde, München 1975, 123-129; Rückschau auf 70 Jahre Landesverband. Die Kinderschaukel, in: Jubiläumszeitung. Bayerischer Landesverband Katholischer Kindertagesstätten e.V., München 1987, 6-9; Geschützt durch das Schild der Caritas. Erinnerungen einer 80jährigen an die Caritas-Arbeit um 1935, in: Caritasdienst, 43 1990, 4-5; Das Newmann-Haus München, in: Christophorus, 35 1990, 149-153; Erinnerungen an Dr. Gertrud Luckner, in: Caritasdienst, 48 1995, 70.

Lit. (Ausw.): Berger, M.: Jugendarbeit in der Nazizeit. Hubertha Freiin Gumppenberg (* 1910): geschätzt wegen ihrer großen sozialen Erfahrung, in: Caritas-Kalender 1998, Freiburg 1997, 10; - Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Hubertha von Gumppenberg, in: Christ und Bildung, 46 2000/H 3, 27; - Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes (Hrsg.): Neun Jahrzehnte starke Frauen in Bayern und der Pfalz. Chronik des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes 1911-2001, München 2001, 42.

Manfred Berger

Letzte Änderung: 20.05.2002