GUTSMUTHS, Johann Christoph Friedrich (urspr. Gutsmuths, auch GutsMuths, Guts Muths), Pädagoge, Turnlehrer, Geograph, * 9.8. 1759 in Quedlinburg, † 21.5. 1839 in Ibenhain (heute zu Waltershausen). - Sohn des Handwerkers Johann Andreas Gutsmuths (1725-1773) aus Quedlinburg u. der Barbara Margarethe Öhme (geb. 1737) aus Blankenburg (Harz). - G. wurde streng protestantisch erzogen. Nach dem Besuch einer Elementarschule erhielt er Privatunterricht. Ab 1770 war er Schüler des Gymnasiums seiner Heimatstadt. Seine Leistungen waren von Anfang an herausragend. Als sein Vater 1773 überraschend starb, war er gezwungen, neben dem Schulbesuch selber für seine Ausbildung aufzukommen. So wurde er im Alter von 14 Jahren Erzieher der Kinder des angesehenen Quedlinburger Arztes Friedrich Wilhelm Ritter (1747-1784), der zugleich Leibarzt der Äbtissin des dortigen Stiftes war. Schon zu der Zeit studierte G. die Schriften des philanthropischen Pädagogen Johann Bernhard Basedow (s.d.). So reifte der Wunsch nach einem grundlegenden Studium. 1778 bewarb er sich um ein Stipendium durch den Magistrat seiner Heimatstadt. Im Herbst 1779 bezog er die Universität Halle (Saale), zusammen mit seinem Schulfreund, dem späteren Arzt und Medizinalrat in Halberstadt, Karl Sigismund Kramer (1759-1808), Vater des Pädagogen Gustav Kramer (s.d.). Hier studierte er Theologie bei Johann Salomo Semler (s.d.), Johann August Nösselt (s.d.), Georg Christian Knapp (s.d.) und August Hermann Niemeyer (s.d.). Daneben hörte er Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte sowie Erziehungslehre bei Ernst Christian Trapp (s.d.). Ebenso studierte er die neueren Sprachen Französisch, Italienisch und Englisch. 1782 kehrte er als Hauslehrer in die Familie Ritter zurück, wo er sich weiter mit den Werken der Aufklärer und der Philanthropen befaßte. Als Dr. Ritter 1784 starb, erfuhr der Pädagoge Christian Gotthilf Salzmann (s.d.), der kurz zuvor in Schnepfenthal bei Gotha eine eigene Erziehungsanstalt nach dem Vorbild des Basedowschen Philantropinums in Dessau gegründet hatte, vom Schicksal der Witwe und ihrer Söhne. Da es ihm noch an Schülern mangelte, bot er ihr einen kostenlosen Ausbildungsplatz an und lud sie zu einem Besuch in Schnepfenthal ein. Am 1.6. 1785 traf Elisabeth Dorothea Ritter, geb. Messow (1753-1800) mit ihren Söhnen Johannes (1775-1863) und Carl (1779-1859) dort ein, G. begleitete die Reisenden. Salzmann war von den Jungen und ihrem Lehrer so angetan, daß er beide als Schüler aufnahm und G. bat, als Lehrer an seiner Anstalt zu bleiben. - So trat dieser nach Regelung seiner Angelegenheiten wenige Wochen später in den Kreis der jungen Erzieher in Salzmanns Anstalt ein, die den Idealen der Aufklärung, des Humanismus und des Philanthropismus verpflichtet war. Er unterrichtete im ersten Jahr Geographie und Französisch, im zweiten Jahr kamen Geschichte, technische Fächer und gymnastische Übungen hinzu. Die Körpererziehung war ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans und G. schuf hier die Grundlagen für einen systematischen Turnunterricht, der internationale Beachtung fand. Auch das preußische Militär war an den von ihm ersonnenen Übungen interessiert. Er baute den von Salzmann eingerichteten Turnplatz aus und entwickelte verschiedene Sportgeräte. Zu den Leibesübungen der Schüler gehörte im Sommer das Schwimmen, auch in voller Bekleidung, im Winter das Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen und der Schneeschuhlauf, für den G. selber die Bretter nach Beschreibungen aus Norwegen anfertigte. Er erkannte die Bedeutung des Spiels "zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes" und führte auch den Tanz in den Lehrplan ein. Seine grundlegende Schrift "Gymnastik für die Jugend..." (Schnepfenthal 1793) wurde bereits zu seinen Lebzeiten in mehrere Sprachen übersetzt und bis heute wiederholt neu aufgelegt. Auch für den geographischen Unterricht begründete G. neue pädagogische Methoden. Bereits 1785 erschien der erste Teil der "Zusammenkünfte am Atlas zur Kenntnis der Länder, Völker und ihrer Sitten..." (Gotha). Er ersetzte das schlichte Auswendiglernen von Fakten durch ein fachübergreifendes Denken und Erleben von Zusammenhängen zwischen Landschaft, Natur und Klima, Geschichte, Wirtschaft und Kultur, das auf zahlreichen Wanderungen, längeren Ausflügen und Reisen geübt wurde ("Reisen der Salzmannischen Zöglinge...", 6 Bde., Leipzig 1784 ff.). So auch 1796 auf einer Wanderung mit seinem Zögling Carl Ritter durch Sachsen und einen Teil Schlesiens bis Prag ("Meine Reise im deutschen Vaterlande...", Breslau u.a., 1799). Sein geographisches Hauptwerk "Lehrbuch der Geographie...", (europäische Staaten, Leipzig 1810, außereuropäische Staaten, ebda. 1813), fand weithin Beachtung. Am 15.8. 1797 heiratete G. Johanna Sophie Eckardt (1779-1853) aus Bindersleben b. Erfurt, eine Verwandte Salzmanns. Aus dieser Ehe gingen acht Söhne und drei Töchter hervor. 1798 bezog die Familie ein kleines Landgut in Ibenhain (heute zu Waltershausen), das er zu einem Mustergut ausbaute. Ab 1800 gab G. die Zeitschrift "Bibliothek der Pädagogischen Literatur" heraus, die später unter dem Titel "Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands" bis 1819 erschien. In ihr wurden die Ideen und Erkenntnisse der fortschrittlichen Pädagogik vorgestellt und debattiert. Auf Grund seiner zahlreichen Veröffentlichungen erhielt er 1802 den Titel eines fürstlich Neuwiedischen Hofrats. Von 1821 bis 1832 gab er sein geographisches Werk "Deutsches Land" (Gotha, dann Leipzig) in vier Teilen heraus. Ab 1827 erschien seine Beschreibung Südamerikas, die 1830 abgeschlossen wurde ("Vollst. Handbuch der neuesten Erdbeschreibung...", Bd. 19, 20, Weimar). Da bis zu der Zeit noch keine Beschreibung Brasiliens vorlag, lernte er Portugiesisch, um die Originalquellen ausschöpfen zu können. 1835 konnte er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum im Kreise seiner Familie und unter Anteilnahme von Lehrern, Schülern und der Bevölkerung begehen. Ostern 1839 schied er wenige Wochen vor seinem Tode aus dem Schuldienst aus. Sein Grab ist auf dem Waldfriedhof in Schnepfenthal erhalten. - Der berufliche Lebensweg seiner frühesten Schüler, der Brüder Ritter, soll als Beispiel für seine erfolgreiche Arbeit stehen. Johannes wurde nach einer Buchhändlerlehre Geschäftsführer der Nicolai'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin, wo er in dieser Eigenschaft aktiv am geistigen Leben der Hauptstadt teilnahm. Carl wurde nach einer Zeit als Erzieher im Hause Bethmann-Hollweg in Frankfurt auf den ersten Lehrstuhl für Geographie ebenfalls nach Berlin berufen. Hier machte er die Erkenntnisse und Methoden seines Lehrers zum Bestandteil der eigenen Forschungen und seiner Lehrtätigkeit. Mit ihm verband G. eine lebenslange Freundschaft, die durch zahlreiche Briefe belegt ist. So wie Ritter sich von ihm pädagogisch beraten ließ, leistete dieser ihm später Hilfe bei der Herausgabe seiner geographischen Werke. Der Pädagoge Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (s.d.) setzte G.s Arbeit fort. "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der ihn im Winter 1806/07 in Schnepfenthal besucht hatte, baute auf seinen Theorien und praktischen Übungen der Leibeserziehung auf.
Gedenken: Tafel am Wohnhaus in Ibenhain, 1861; - Tafel am Geburtshaus in Quedlinburg, 1871; - Denkmal G.s mit dem Knaben Carl Ritter und Szenen aus dem Schulleben von Richard Anders (1853-1917) in Quedlinburg, 1904; - Gedenkstein am Sportplatz in Schnepfenthal, 1925; - Büste von Karl Albiker (1878-1961) jetzt vor der Salzmannschule in Schnepfenthal, vor 1939 entstanden. Ein Gymnasium in Quedlinburg und das Sportgymnasium in Jena trägt seinen Namen. Ebenso verschiedene Sportvereine und sportliche Gedenkveranstaltungen in mehreren Bundesländern. Seit 1953 wird in Quedlinburg ein jährliches Sportfest unter seinem Namen veranstaltet. Der G.-Preis, wurde seit 1961 als höchste Auszeichnung der DDR für wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Sportwissenschaft und Sportmedizin verliehen. Seit 1973 findet jährlich der G.-Rennsteiglauf statt.
Bibliographie: Eine vollständige Bibliographie enthält 222 Titel mit seinen Werken und Folgeausgaben, dazu 609 Titel von Veröffentlichungen über ihn: Rolf Geßmann u. Manfred Lämmer (Hrsg.): Beiträge u. Bibliographie zur G.-Forschung, St. Augustin, Academia-Vlg., 1998.
Weitere Werke: Letters to Mrs. Friedrich Wilhelm Ritter, Manuskript, 1785-1786, University of Chicago, Library [Originalbriefe an Carl Ritters Mutter]; Gymnastik für die Jugend, Schnepfenthal, Vlg. d. Anstalt, 1793, 2., verm. Ausgabe 1804, davon Nachdruck: Rudolstadt, Hain, 1999.
Weitere Literatur: Willi Schröder: J. C. F. G. u. die "Gymnastik für die Jugend", Entstehung, Werk, Wirkungsgeschichte, Rudolstadt, Jena, Hain, 1999; - J. C. F. G., Bedeutender philanthropischer Pädagoge, Hrsg.: Städt. Museen Quedlinburg, Texte: Brigitte Meixner, Begleitheft zur Ausstellung, Halle, Stekovics, 1999; - Frank Lindner: Salzmanns Schnepfenthal, Kulturgeschichte einer klassischen Schullandschaft, Bucha b. Jena, quartus, 2004; - 250 Jahre J. C. F. G., Erfurt, Landessportbund Thüringen e.V., 2009.
Film: Dieter Raue, Harald Klix, Klaus Dörrer: Sportgeschichten, G.s Visionen, Dokumentarfilm, Dekafilm, Film- u. Fernsehproduktion, 2000.