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Band XXII (2003) Spalten 546-549 Autor: Bernd Goebel

HIRSCHBERGER, Johannes, Philosoph und Theologe, * 7. Mai 1900 in Österberg (Mittelfranken), † 27. November 1990 Oberreifenberg (Taunus). - An der Bischöflichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Eichstätt in katholischer Theologie ausgebildet und 1925 zum Priester geweiht, studierte H. nach zweijähriger Kaplanszeit von 1927-1930 Philosophie, griechische Philologie und katholische Dogmatik in München, wo er 1930 mit einer von A. Rehm und J. Geyser betreuten Dissertation über Platon promoviert wurde. H. wirkte darauf als Domkaplan und seit 1933 als Domvikar und Religionslehrer in Eichstätt; 1939 wurde er als Nachfolger des Neuscholastikers M. Wittmann auf den Eichstätter Lehrstuhl für Philosophiegeschichte und praktische Philosophie berufen. 1953 wechselte er auf den neu gegründeten Lehrstuhl für katholische Religionsphilosophie an der Universität Frankfurt, den er bis zu seiner Entpflichtung 1968 inne hatte. H. war von 1953-1958 Mitherausgeber des Philosophischen Jahrbuchs der Görres-Gesellschaft; bei der Gründung der bischöflichen Studienförderung "Cusanuswerk" 1956 hatte er maßgeblichen Anteil. Bekannt geworden ist H. vor allem durch zwei Gesamtdarstellungen der abendländischen Philosophiegeschichte, seine "Geschichte der Philosophie" (2 Bde., 1949-1952) sowie die "Kleine Philosophiegeschichte" (1961). In neun Sprachen übersetzt, wurden diese beiden Werke insgesamt über achtzig Mal aufgelegt, außer im deutschsprachigen Raum vor allem auch in Spanien, Lateinamerika sowie Ostasien viel benutzt und avancierten zu den weltweit wohl meistgelesenen Philosophiegeschichten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. In größtmöglicher Nähe zu den Quellen unternahm H. darin den Versuch, die Philosophiegeschichte als ein zusammenhängendes Ganzes darzustellen. Von seinen Lehrern Wittmann und Geyser übernahm H. den "ideengeschichtlichen" Ansatz, dem zufolge philosophische Begriffe und Lehrstücke zu ihrem besseren Verständnis ggf. bis zu ihrem antiken Ursprung zurückzuverfolgen sind. Folglich sah er die Geschichte der westlichen Philosophie vom Widerstreit zwischen einem bei Platon grundgelegten Idealismus und einem realistischen Empirismus geprägt, der erst in der Neuzeit - nämlich bei Platons "Antipoden" D. Hume - seine volle Ausprägung erhalte und sogleich folgerichtig in den Skeptizismus kollabiere. Daneben war H. insbesondere an Erforschung und Würdigung des platonischen Erbes im lateinischen Mittelalter gelegen. Zumal er im Anschluß an die Platon- und Aristotelesforschungen W. Jägers und A. E. Taylors die nicht-naturalistischen Elemente der - von Platon her verstandenen - aristotelischen Philosophie hervorhob, konnte H. nachweisen, daß dieses Erbe wesentlich schwerer ins Gewicht fiel als von der Neuscholastik lange angenommen. So sah er insbesondere auch in der mittelalterlichen Lehre von der Seinsanalogie letztlich eine Transformation der platonischen Ideenlehre. Die letzte Phase seines geistigen Wirkens widmete er religionsphilosophischen Fragen (Versuch einer Rehabilitierung der - nach H. zumeist mißverstandenen - Gottesbeweise) sowie der Cusanus-Forschung. Die Schriften seiner Frankfurter Schüler sind weitgehend in der von H. in Verbindung mit B. Lakebrink herausgegebenen Reihe "Studien zur Problemgeschichte der antiken und mittelalterlichen Philosophie" versammelt.

Werke (Aufsätze in Auswahl): Die Phronesis in der Philosophie Platons vor dem Staate, Leipzig 1932; Wert und Wissen im platonischen Symposion, in: PhJ 46 (1933), 201-227; Geschichte der Philosophie als Erkenntniskritik, in: A. Lang et al. (Hrsg.), Aus der Geisteswelt des Mittelalters (FS M. Grabmann), Münster 1935, 131-148; "Quod sit officium sapientis", in: Festschrift für J. Geyser, PhJ 53 (1940), 30-44; (Mithrsg.) Festschrift für M. Wittmann, PhJ 53 (1940), Heft 3; "Omne ens est bonum", in: M. Grabmann/J. Hirschberger (Hrsg.), Festschrift für M. Wittmann, PhJ 53 (1940), 292-305; Geschichte der Philosophie, Bd. I: Altertum und Mittelalter, Bd. II: Neuzeit und Gegenwart, Freiburg 1949-1952 (151991, Ndr. Frechen 1999), Übers.: Spanisch (2 Bde., Barcelona 141997), Portugiesisch (4 Bde., São Paulo 21965-68), Englisch (2 Bde., Milwaukee 1958-59), Japanisch (4 Bde., Tokyo 1967-72), Koreanisch (2 Bde., Daegu 1983-87); Platonismus und Mittelalter, in: PhJ 63 (1954), 120-130; Paronymie und Analogie bei Aristoteles, in: PhJ 68 (1959), 191-203; Kleine Philosophiegeschichte, Freiburg 1961 (241994), Übers.: Japanisch (Tokyo 111978), Spanisch (Barcelona 111988), Niederländisch (Utrecht-Amsterdam 1968), Italienisch (Roma 1973), Französisch (Fribourg 21990), Englisch (Guildford-London 1976), Kroatisch (Zagreb 1995); Europäisches Denken und das Problem einer Philosophia perennis, in: F. Burgbacher (Hrsg.), Bekenntnis zu Europa, Freiburg-Basel-Wien 1963, 61-70; (Mithrsg.) Denkender Glaube. Philosophische und theologische Beiträge zu der Frage unserer Zeit nach Mensch, Gott und Offenbarung (FS W. Kempf), Frankfurt a.M. 1966, span. Übers. Salamanca 1968; Gottesbeweise. Vergängliches - Unvergängliches, in: J. Hirschberger/J.G. Denninger, Denkender Glaube, Frankfurt a.M. 1966, 101-149; Seinsmetaphysik und Person, in: J. Speck (Hrsg.), Das Personverständnis in der Pädagogik und ihren Nachbarwissenschaften, Münster 1966, 20-32, 226-234; Der Gott der Philosophen, in: N. Kutschki, Gott heute. Fünfzehn Beiträge zur Gottesfrage, Mainz 1967, 11-19; Gegenstand und Geist bei Nikolaus von Cues, in: StudGen 21 (1968), 274-284; Seele und Leib in der Spätantike (Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, Main, Bd. VIII.1), Wiesbaden 1969; Das Platon-Bild bei Nikolaus von Kues, in: Nicolò Cusano agli inizi del mondo moderno, Firenze 1970; Ähnlichkeit und Seinsanalogie vom Platonischen Parmenides bis Proklos, in: B. Palmer/R. Hamerton-Kelly (Hrsg.), Philomathes. Studies and Essays in the Humanities in Memory of Philip Merlan, Den Haag 1971, 57-74; Das Prinzip der Inkommensurabilität bei Nikolaus von Kues, in: R. Haubst (Hrsg.), Nikolaus von Kues in der Geschichte des Erkenntnisproblems (Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanusgesellschaft, Bd. XI), Mainz 1975, 39-54, 54-61; Die Stellung des Nikolaus von Kues in der Entwicklung der Deutschen Philosophie (Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Main, Bd. XV.3), Wiesbaden 1978; Vom Sinn des Analogiebegriffes in der Metaphysik, in: Festschrift der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Wiesbaden 1981, 165-179; Menschliches Sprechen von Gott, in: R.M. Hübner et al. (Hrsg.), Der Dienst für den Menschen in Theologie und Verkündigung (FS A. Brems), Regensburg 1981, 55-65.

Lit.: K. Flasch (Hrsg.), Parusia: Studien zur Philosophie Platons und zur Problemgeschichte des Platonismus. Festgabe für Johannes Hirschberger, Frankfurt a.M. 1965; - G. Schrimpf, Johannes Hirschberger zum Gedächtnis, in: PhJ 99 (1992), 165-170; - LThK3 V, 153.

Bernd Goebel

Letzte Änderung: 20.09.2003