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Band III (1992) Spalten 1290-1293 Autor: Eckhard Plümacher

KEIL, Carl August Gottlieb, evangelisch, Professor der Theologie, * 23.4. 1754 in Großenhain bei Dresden, † 22.4. 1818 in Leipzig. - Der früh verwaiste Sohn eines Akzise-Inspektors wuchs in der Obhut von Verwandten zunächst in Großenhain, seit 1764 in Leipzig auf. Nach dem Besuch der dortigen Nikolaischule studierte K. von 1773-1778 am gleichen Ort Philologie, Philosophie, Mathematik, Physik und Theologie; letztere rückte bald in den Mittelpunkt seiner Studien. Dabei galt K.s Interesse insbesondere der Hermeneutik und der Exegese, Fächern, in denen er, 1781 nach dreijähriger Hauslehrerzeit magister legens (Privatdozent) geworden, auch seine ersten Vorlesungen hielt. 1785 wurde ihm, stets in Leipzig, eine außerordentliche Professur für Philosophie, 1787 eine ebensolche in der Theologischen Fakultät übertragen; im gleichen Jahr übernahm er außerdem das Amt eines Frühpredigers an der Universitätskirche. Einem Ruf als Nachfolger des zum Dresdener Oberhofprediger berufenen Franz Volkmar Reinhard an die Universität Wittenberg konnte sich K. 1792 nicht verschließen. Der plötzliche Tod von K.s Lehrer Samuel Friedrich Nathanael Morus ermöglichte es K. dann aber doch, in Leipzig zu bleiben; 1793 wurde er zum Konsistorialassessor und Inhaber der vierten ordentlichen Professur der Theologie berufen. 1799 erhielt er die dritte, 1805 die zweite und 1815 schließlich die erste theologische Lehrstelle seiner Heimatuniversität. - Vom gemäßigten Rationalismus geprägt, führte K. die Arbeit seines Lehrers Morus weiter. Johann Salomo Semler hatte gefordert, bei der Auslegung der neutestamentlichen Schriften deren jeweiligen historischen Kontext zu berücksichtigen, der Leipziger Johann August Ernesti (auch er Lehrer K.s) darauf gedrungen, sie im Rahmen der grammatischen Auslegung aus sich selbst heraus verstehbar werden zu lassen. Morus hatte beide Gesichtspunkte miteinander verknüpft, und diesem Programm grammatisch-historischer Exegese als dem einzig angemessenen Auslegeprinzip auch für die biblischen Schriften war K. gleichermaßen verpflichtet. Das Amt des Interpreten schien ihm am meisten dem des Historikers vergleichbar zu sein (summa similitudine cum historici munere coniunctum est interpretis munus); der Ausleger habe allein danach zu fragen, was die biblischen Schriftsteller selbst gedacht und was die Leser, denen ihre Bücher zuerst zugedacht waren, nach dem Willen jener hätten denken sollen (adeoque horum librorum erit historica interpretatio, quatenus in iis explicandis id quolibet loco quaeri debet, quid scriptores sacri cum ipsi cogitaverint, tum lectores etiam suos, quibus libri ipsorum primum fuerant destinati, cogitare voluerint). Rücksichtnahme auf den Offenbarungscharakter der biblischen Schriften sollte hingegen nicht zum Geschäft des Auslegers gehören, ebensowenig hatte dieser über Richtigkeit oder Unrichtigkeit des von den interpretierten Schriftstellern Gemeinten zu urteilen. In einer Vorlesung aus Anlaß des Antritts seiner außerordentlichen theologischen Professur (De historica librorum sacrorum interpretatione eiusque necessitate) trug K. seine hermeneutischen Prinzipien 1788 erstmals vor; in den folgenden Jahrzehnten arbeitete er sie immer umfassender aus. Das Ergebnis dieser Arbeit und zugleich K.s Hauptwerk stellt das 1810 auf deutsch, 1811 auch auf lateinisch erschienene »Lehrbuch der Hermeneutik des neuen Testaments nach Grundsätzen der grammatisch- historischen Interpretation« dar, in dem jene Grundsätze so vollständig und detailliert wie nie zuvor für die neutestamentliche Wissenschaft in Gebrauch genommen wurden. Als Exeget sah K. das Neue Testament wesentlich stärker vom jüdischen als vom hellenistischen Hintergrund bestimmt; für den Dogmatiker K. bedeutete dies freilich, daß wesentliche Vorstellungsbereiche des Urchristentums - z. B. seine messianischen Anschauungen oder seine Geistlehre - keinen Anspruch darauf erheben konnten, als Bestandteile der christlichen Offenbarung zu gelten. Als Dogmenhistoriker suchte K. nachzuweisen, daß die Kirchenväter keineswegs vom Platonismus, sondern ebenfalls von orientalischem Geiste beeinflußt gewesen seien. - Die Theologiegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts war K. nicht sehr günstig gesonnen; G. Frank nennt ihn einen »Mann ohne geniale Blicke und glänzende Begabung«; J. P. Lange urteilte, es seien »seine exegetischen Anschauungen rationalistisch dürftig, seine historischen Resultate ... vielfach verfehlt, und seine eleganten Verflachungen legen sich wie ein grauer Flor über den helleren Hintergrund allgemeiner und abgeschwächter, z. B. arianisirender supernaturalistischer Voraussetzungen«.

Werke: De modo, quo scriptores sacri in dogmatibus tradendis versantur, 1780; Historia dogmatis de regno Messiae Christi et Apostolorum aetate ad illustranda N.T. loca accomodate exposita, 1781; Systemat. Verzeichniß derjenigen theol. Schriften und Bücher, deren Kenntniß allgemein nöthig und nützlich ist, zum Gebrauch der Vorlesungen entworfen, 1784 [vielm. 1783], 21792; De causis alieni Platonicorum recentiorum a religione christiana animi, 1785; De historica librorum sacrorum interpretatione eiusque necessitate, 1788 (dt.: šber die hist. Erklärungsart der hl. Schrift. Aus dem Lat. von C. H. Hempel, 1793); De exemplo Christi recte imitando, 1792; De doctoribus veteris ecclesiae culpa corruptae per Platonicas sententias theologiae liberandis commentationes I-XXII, 1793-1816; [Addenda zu:] J. A. Fabricius, Bibliotheca graeca. Ed. nova, cur. G. C. Harless. Vol. IV, 1795, 774 f., Vol. VII, 1801, 143-183. 275-334; Ob die ältesten christl. Lehrer einen Unterschied zwischen dem Sohne und H. Geiste gekannt, und welche Vorstellung sie sich davon gemacht haben? Eine patrist. Unters., in: Magazin für christl. Dogmatik und Moral 4, 1798, 34-76; De definiendo tempore itineris Pauli Hierosolymitani Gal. 2, 1.2 commemorati, 1798 (verm. u. verb. abgedr. in: D. J. Pott und G. A. Ruperti (Hrsgg.), Sylloge commentationum theologicarum 3, 1802, 68-85); Commentatio I et II in locum epistolae ad Philipp. 2, 5-11, 1803-1804 (wieder abgedr. in: ebd. 7, 1806, 20-52); Noch ein paar Worte über die Reise Pauli nach Jerusalem. Gal. 2, 1.2, in: Journal für auserlesene theol. Lit. Bd. 3, St. 1, 1807, 5-27; De argumento loci Matth. 25, 31-46, 1809 (dt.: Allgem. Ansicht der Stelle Matth. 25,31-46 aus dem gramm.-hist. Gesichtspuncte, in: Analekten für das Studium der exeget. und systemat. Theologie. Bd. 1, St. 3, 1813, 177-204); Quinam sint Rom. 8,23 οἱ ἀπαρχὴν τοῦ πνεύματος ἔχοντες ostenditur, 1809; Proponitur exemplum iudicii de diversis singulorum scripturae sacrae locorum interpretationibus ferendi, examinandis variis interpretum de loco Gal. 3,20 sententiis, 1809-1812 (7 Programme); Lehrbuch der Hermeneutik des neuen Testaments, nach Grundsätzen der gramm.-hist. Interpretation, 1810 (lat.: Elementa hermeneutices Novi Testamenti latine reddita a C. A. G. Emmerling, 1811); Vertheidigung der gramm.-hist. Interpretation der Bücher des N.T. gegen die neuerlich wider sie erregten Zweifel und ihr gemachten Vorwürfe, in: Analekten für das Studium der exeget. und systemat. Theologie. Bd. 1, St. 1, 1812, 47-85; Kurze Erläuterung der Stelle Luc. 16,1-13 als parabolische Erzählung betrachtet, in: ebd. Bd. 2, St. 2, 1814, 152-165 (lat. in: Opuscula [s. u.] 389-405); Nachschrift zu: Chronologie der Apostelgesch. von J. E. C. Schmidt, in: ebd. Bd. 3, St. 1, 1816, 142-150; Ueber die Zeit der Abfassung des Briefes an die Galater, in: ebd. Bd. 3, St. 2, 1816, 55-79 (lat. in: Opuscula [s. u.] 351-368); Disseritur de Paulo πρὸ ἐτών ... εἰς τὸν παράδεισον ad locum 2, Cor. 12,1-7, 1816; Opuscula academica ad N.T. interpretationem grammatico-historicam et theologicae christianae origines pertinentia, ed. J. D. Goldhorn, 1821 (enthält die meisten der o. gen. Programme und Aufsätze). - Herausgeber: S. F. N. Morus nachgelassene Predigten, aus dessen eigenen Hss. zum Druck befördert, 3 Bde., 1794-1797; S. F. N. Morus, Dissertationes theologicae et philologicae, 2 Bde., 1794; [Zus. m. L. F. G. E. Gedike:] C. A. Schwarze, Schulreden, 1810; [Zus. m. H. G. Tzschirner u. E. F. C. Rosenmüller:] Analekten für das Studium der exeget. und systemat. Theologie. 4 Bde., 1812-1822.

Lit.: E. H. Albrecht, Sächs. ev.-luth. Kirchen- und Predigergesch. von ihrem Ursprunge an bis auf gegenw. Zeiten, Bd. 1, 1799, 114-118; - H. G. Kreußler, Beschr. der Feierlichkeiten am Jubelfeste der Univ. Leipzig den 4. December 1809. Nebst kurzen Lebensbeschr. der Herren Professoren, 1810, 10-16 [10-15: Autobiographie K.s bis 1796]; - J. D. Goldhorn, Praefatio zu: Ders. (Hrsg.), Opuscula (s. o.), III - XXX; - H. Döring, Die gelehrten Theologen Teutschlands im 18. und 19. Jh. Bd. 2, 1832, 70-74; - J. P. Lange, K., C. A. G., in: Realencyklopädie für prot. Theol. und Kirche (Herzog), Bd. 7, 1857, 504 f.; - G. Frank, Gesch. der Prot. Theologie. Tl. 3. Von der dt. Aufklärung bis zur Blüthezeit des Rationalismus (1750-1817), 1875, 352 f.; - W. G. Kümmel, Das Neue Testament. Gesch. der Erforschung seiner Probleme, 21970, 128-130, 585; - Meusel IV, 60 f.; X, 68 f.; XIV, 276; XVIII, 320 f.; - Wetzer-Welte VI, 60-62; - ADB XV, 532 f.; - Jöcher-Adelung VII, 463 f.; - RE X, 196 f.

Eckhard Plümacher

Letzte Änderung: 29.12.2009