KEIL, Carl August Gottlieb, evangelisch, Professor der Theologie,
* 23.4. 1754 in Großenhain bei Dresden, † 22.4. 1818 in Leipzig.
- Der früh verwaiste Sohn eines Akzise-Inspektors wuchs in der
Obhut von Verwandten zunächst in Großenhain, seit 1764 in Leipzig
auf. Nach dem Besuch der dortigen Nikolaischule studierte K. von 1773-1778
am gleichen Ort Philologie, Philosophie, Mathematik, Physik und Theologie;
letztere rückte bald in den Mittelpunkt seiner Studien. Dabei galt
K.s Interesse insbesondere der Hermeneutik und der Exegese, Fächern,
in denen er, 1781 nach dreijähriger Hauslehrerzeit magister legens
(Privatdozent) geworden, auch seine ersten Vorlesungen hielt. 1785
wurde ihm, stets in Leipzig, eine außerordentliche Professur für Philosophie,
1787 eine ebensolche in der Theologischen Fakultät übertragen; im
gleichen Jahr übernahm er außerdem das Amt eines Frühpredigers an
der Universitätskirche. Einem Ruf als Nachfolger des zum Dresdener
Oberhofprediger berufenen Franz Volkmar Reinhard an die Universität
Wittenberg konnte sich K. 1792 nicht verschließen. Der plötzliche
Tod von K.s Lehrer Samuel Friedrich Nathanael Morus ermöglichte es
K. dann aber doch, in Leipzig zu bleiben; 1793 wurde er zum Konsistorialassessor
und Inhaber der vierten ordentlichen Professur der Theologie berufen.
1799 erhielt er die dritte, 1805 die zweite und 1815 schließlich die
erste theologische Lehrstelle seiner Heimatuniversität. - Vom
gemäßigten Rationalismus geprägt, führte K. die Arbeit seines Lehrers
Morus weiter. Johann Salomo Semler hatte gefordert, bei der Auslegung
der neutestamentlichen Schriften deren jeweiligen historischen Kontext
zu berücksichtigen, der Leipziger Johann August Ernesti (auch er Lehrer
K.s) darauf gedrungen, sie im Rahmen der grammatischen Auslegung aus
sich selbst heraus verstehbar werden zu lassen. Morus hatte beide
Gesichtspunkte miteinander verknüpft, und diesem Programm grammatisch-historischer
Exegese als dem einzig angemessenen Auslegeprinzip auch für die biblischen
Schriften war K. gleichermaßen verpflichtet. Das Amt des Interpreten
schien ihm am meisten dem des Historikers vergleichbar zu sein (summa similitudine cum historici munere
coniunctum est interpretis munus); der Ausleger habe allein danach
zu fragen, was die biblischen Schriftsteller selbst gedacht und was
die Leser, denen ihre Bücher zuerst zugedacht waren, nach dem Willen
jener hätten denken sollen (adeoque horum librorum erit historica
interpretatio, quatenus in iis explicandis id quolibet loco quaeri
debet, quid scriptores sacri cum ipsi cogitaverint, tum lectores etiam
suos, quibus libri ipsorum primum fuerant destinati, cogitare voluerint).
Rücksichtnahme auf den Offenbarungscharakter der biblischen Schriften
sollte hingegen nicht zum Geschäft des Auslegers gehören, ebensowenig
hatte dieser über Richtigkeit oder Unrichtigkeit des von den interpretierten
Schriftstellern Gemeinten zu urteilen. In einer Vorlesung aus Anlaß
des Antritts seiner außerordentlichen theologischen Professur (De
historica librorum sacrorum interpretatione eiusque necessitate) trug
K. seine hermeneutischen Prinzipien 1788 erstmals vor; in den folgenden
Jahrzehnten arbeitete er sie immer umfassender aus. Das Ergebnis dieser
Arbeit und zugleich K.s Hauptwerk stellt das 1810 auf deutsch, 1811
auch auf lateinisch erschienene »Lehrbuch der Hermeneutik des neuen
Testaments nach Grundsätzen der grammatisch- historischen Interpretation«
dar, in dem jene Grundsätze so vollständig und detailliert wie nie
zuvor für die neutestamentliche Wissenschaft in Gebrauch genommen
wurden. Als Exeget sah K. das Neue Testament wesentlich stärker vom
jüdischen als vom hellenistischen Hintergrund bestimmt; für den Dogmatiker
K. bedeutete dies freilich, daß wesentliche Vorstellungsbereiche des
Urchristentums - z. B. seine messianischen Anschauungen oder seine
Geistlehre - keinen Anspruch darauf erheben konnten, als Bestandteile
der christlichen Offenbarung zu gelten. Als Dogmenhistoriker suchte
K. nachzuweisen, daß die Kirchenväter keineswegs vom Platonismus,
sondern ebenfalls von orientalischem Geiste beeinflußt gewesen seien.
- Die Theologiegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts war K.
nicht sehr günstig gesonnen; G. Frank nennt ihn einen »Mann ohne geniale
Blicke und glänzende Begabung«; J. P. Lange urteilte, es seien »seine
exegetischen Anschauungen rationalistisch dürftig, seine historischen
Resultate ... vielfach verfehlt, und seine eleganten Verflachungen
legen sich wie ein grauer Flor über den helleren Hintergrund allgemeiner
und abgeschwächter, z. B. arianisirender supernaturalistischer Voraussetzungen«.
Werke: De modo, quo scriptores sacri in dogmatibus tradendis
versantur, 1780; Historia dogmatis de regno Messiae Christi et Apostolorum
aetate ad illustranda N.T. loca accomodate exposita, 1781; Systemat.
Verzeichniß derjenigen theol. Schriften und Bücher, deren Kenntniß
allgemein nöthig und nützlich ist, zum Gebrauch der Vorlesungen entworfen,
1784 [vielm. 1783], 21792; De causis alieni Platonicorum recentiorum
a religione christiana animi, 1785; De historica librorum sacrorum
interpretatione eiusque necessitate, 1788 (dt.: šber die hist. Erklärungsart
der hl. Schrift. Aus dem Lat. von C. H. Hempel, 1793); De exemplo
Christi recte imitando, 1792; De doctoribus veteris ecclesiae culpa
corruptae per Platonicas sententias theologiae liberandis commentationes
I-XXII, 1793-1816; [Addenda zu:] J. A. Fabricius, Bibliotheca graeca.
Ed. nova, cur. G. C. Harless. Vol. IV, 1795, 774 f., Vol. VII, 1801,
143-183. 275-334; Ob die ältesten christl. Lehrer einen Unterschied
zwischen dem Sohne und H. Geiste gekannt, und welche Vorstellung sie
sich davon gemacht haben? Eine patrist. Unters., in: Magazin für christl.
Dogmatik und Moral 4, 1798, 34-76; De definiendo tempore itineris
Pauli Hierosolymitani Gal. 2, 1.2 commemorati, 1798 (verm. u. verb.
abgedr. in: D. J. Pott und G. A. Ruperti (Hrsgg.), Sylloge commentationum
theologicarum 3, 1802, 68-85); Commentatio I et II in locum epistolae
ad Philipp. 2, 5-11, 1803-1804 (wieder abgedr. in: ebd. 7, 1806, 20-52);
Noch ein paar Worte über die Reise Pauli nach Jerusalem. Gal. 2, 1.2,
in: Journal für auserlesene theol. Lit. Bd. 3, St. 1, 1807, 5-27;
De argumento loci Matth. 25, 31-46, 1809 (dt.: Allgem. Ansicht der
Stelle Matth. 25,31-46 aus dem gramm.-hist. Gesichtspuncte, in: Analekten
für das Studium der exeget. und systemat. Theologie. Bd. 1, St. 3,
1813, 177-204); Quinam sint Rom. 8,23 οἱ ἀπαρχὴν τοῦ πνεύματος ἔχοντες ostenditur, 1809; Proponitur exemplum iudicii de diversis singulorum scripturae sacrae locorum interpretationibus
ferendi, examinandis variis interpretum de loco Gal. 3,20 sententiis,
1809-1812 (7 Programme); Lehrbuch der Hermeneutik des neuen Testaments,
nach Grundsätzen der gramm.-hist. Interpretation, 1810 (lat.: Elementa
hermeneutices Novi Testamenti latine reddita a C. A. G. Emmerling,
1811); Vertheidigung der gramm.-hist. Interpretation der Bücher des
N.T. gegen die neuerlich wider sie erregten Zweifel und ihr
gemachten Vorwürfe, in: Analekten für das Studium der exeget. und
systemat. Theologie. Bd. 1, St. 1, 1812, 47-85; Kurze Erläuterung
der Stelle Luc. 16,1-13 als parabolische Erzählung betrachtet, in:
ebd. Bd. 2, St. 2, 1814, 152-165 (lat. in: Opuscula [s. u.] 389-405);
Nachschrift zu: Chronologie der Apostelgesch. von J. E. C. Schmidt,
in: ebd. Bd. 3, St. 1, 1816, 142-150; Ueber die Zeit der Abfassung
des Briefes an die Galater, in: ebd. Bd. 3, St. 2, 1816, 55-79 (lat.
in: Opuscula [s. u.] 351-368); Disseritur de Paulo πρὸ ἐτών ... εἰς τὸν παράδεισον ad locum 2, Cor. 12,1-7, 1816;
Opuscula academica ad N.T. interpretationem grammatico-historicam
et theologicae christianae origines pertinentia, ed. J. D. Goldhorn,
1821 (enthält die meisten der o. gen. Programme und Aufsätze). -
Herausgeber: S. F. N. Morus nachgelassene Predigten, aus dessen eigenen
Hss. zum Druck befördert, 3 Bde., 1794-1797; S. F. N. Morus, Dissertationes
theologicae et philologicae, 2 Bde., 1794; [Zus. m. L. F. G. E. Gedike:]
C. A. Schwarze, Schulreden, 1810; [Zus. m. H. G. Tzschirner u. E.
F. C. Rosenmüller:] Analekten für das Studium der exeget. und systemat.
Theologie. 4 Bde., 1812-1822.
Lit.: E. H. Albrecht, Sächs. ev.-luth. Kirchen- und Predigergesch.
von ihrem Ursprunge an bis auf gegenw. Zeiten, Bd. 1, 1799, 114-118;
- H. G. Kreußler, Beschr. der Feierlichkeiten am Jubelfeste der
Univ. Leipzig den 4. December 1809. Nebst kurzen Lebensbeschr. der
Herren Professoren, 1810, 10-16 [10-15: Autobiographie K.s bis 1796];
- J. D. Goldhorn, Praefatio zu: Ders. (Hrsg.), Opuscula (s. o.),
III - XXX; - H. Döring, Die gelehrten Theologen Teutschlands im
18. und 19. Jh. Bd. 2, 1832, 70-74; - J. P. Lange, K., C. A. G.,
in: Realencyklopädie für prot. Theol. und Kirche (Herzog), Bd. 7,
1857, 504 f.; - G. Frank, Gesch. der Prot. Theologie. Tl. 3. Von
der dt. Aufklärung bis zur Blüthezeit des Rationalismus (1750-1817),
1875, 352 f.; - W. G. Kümmel, Das Neue Testament. Gesch. der Erforschung
seiner Probleme, 21970, 128-130, 585; - Meusel IV, 60 f.;
X, 68 f.; XIV, 276; XVIII, 320 f.; - Wetzer-Welte VI, 60-62; -
ADB XV, 532 f.; - Jöcher-Adelung VII, 463 f.; - RE X, 196
f.