KOCH, Hans, ev.-luth. Theologe, Historiker, Osteuropaforscher. * 7.7.
1894 Lemberg/Galizien, + 9.4. 1959 München. - Der einer
Pfälzer Kolonistenfamilie entstammende K. absolvierte das dt. Staatsgymnasium
in Lemberg, ehe er 1912 in Wien das Studium der Theologie und Philosophie
aufnahm, das er indes infolge seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg und
(als Generalstabshauptmann der ukrainisch-galizischen Armee) am polnisch-ukrainischen
Krieg und sowjetrussischer Gefangenschaft 1914-1921 unterbrach. Als
»Heimkehrer ohne Heim« nach Wien zurückgekehrt nimmt K. sein Studium
wieder auf, um nach Ablegung des theol. Abschlußexamens in den Dienst
der Ev. Kirche in Österreich zu treten, zunächst als Vikar in Wien
(1922-24), dann als Studieninspektor des dortigen Theologenheimes
(1924-34), als Religionslehrer an Höheren Schulen (seit 1922) und
Leiter des Ev. Presseverbandes. 1924 zum Dr. phil. promoviert, folgte
1927 die Promotion zum Dr. theol., 1929 die Habilitation für das Fach
Kirchengeschichte und Kirchenkunde Osteuropas, schließlich nach zahlreichen
Forschungsreisen in alle ost- und südosteuropäischen Länder und zum
Päpstl.-Orientalischen Institut in Rom 1934 die Berufung nach Königsberg
in Ostpreußen auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte; 1937 wechselte
K. auf jenen für osteuropäische Geschichte in Breslau über, wo er
Nachfolger seines Wiener Lehrers Hans Uebersberger wurde; 1940 erfolgte
die Rückberufung nach Wien auf den ursprünglichen Lehrstuhl Uebersbergers,
die aber aufgrund seiner Teilnahme am 2. Weltkrieg zu keiner praktischen
Lehrtätigkeit führte; zwischen dem Polen- und Rußlandfeldzug baute
er allerdings das Deutsche Wiss. Institut an der Universität Sofia
auf. Nach dem Krieg zog sich K. in das steirische Ennstal zurück,
wo er als ev. Geistlicher in Aich-Assach (1945-51) wirkte, ehe er
nach München berufen wurde, um seine Osteuropa-Kenntnisse in Forschung
und Lehre, nunmehr unter politikwiss. Schwerpunktsetzung, zu vertreten
und die institutionellen Rahmenbedingungen (Gründung des Osteuropa-Instituts
1952) zu schaffen. Als Osteuropaexperte von Rang zählte K. zum Beraterstab
der deutschen Bundesregierung, 1955 begleitete er Adenauer auf der
Reise nach Moskau, später wurde er Leiter der »Wiss. Kommission für
deutsche Kriegsgefangenengeschichte« (1957), ehe er 1958 auf den Lehrstuhl
für Geschichte und Politik Osteuropas an der Universität München berufen
wurde. - Das Tätigkeitsfeld K.s umfaßt drei Fakultäten, die ev.-theol.
(Wien, Königsberg), die phil.-geisteswiss. (Breslau, Wien, Sofia)
und schließlich die staats- und politikwiss. (München). Dem entsprach
ein breit gefächertes Interesse an Geistes-, Religions- und Kulturgeschichte
Osteuropas (»Geschichte des hellenischen Geistes in der slavischen
Welt«), das sich in einer Reihe namhafter Beiträge, insbesondere zur
Erforschung der orthodoxen slavischen Kirchen niederschlug; er stellte
dabei die von Byzanz geprägten orthodoxen Kirchen gleichberechtigt
neben die abendländischen Kirchen, die von Rom, Wittenberg und Genf
ihre Gestalt genommen haben, nicht ohne den mannigfachen gegenseitigen
Beeinflussungen nachzugehen. Besonders verbunden war er seit Kindestagen
dem ukrainischen Volk, dem er als enger Mitarbeiter von Theodor Zöckler/Stanislau
(»Kyr Theodor«) den Zugang zur Reformation vermittelte. Im Krieg entschiedener
Verfechter einer »freien Ukraine«, geriet er in den Gegensatz zur NS-Ostpolitik und wurde deshalb
aus seiner politischen Funktion in der Heeresgruppe Mitte entfernt.
- Ausdruck seiner tiefen Affinität zum ukrainischen Volk ist schließlich
auch darin zu sehen, daß er dessen Lyrik kongenial ins Deutsche übertrug.
Bibliographie: Bibliographie H.K. in: Zur Geistesgeschichte
Osteuropas, München 1954; Alexander Adamczyk, Schriftenverzeichnis
H.K., in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 7 (1959) 130 ff.
Werke (in Auswahl): Die Slavisierung der griechischen
Kirche im Moskauer Staate als bodenständige Voraussetzung des russischen
Raskol, phil. Diss. Wien 1924, posthum gedr. in: Kl. Schriften 1962
(s.d.), 42-107; Katholizismus und Protestantismus in der russischen
Orthodoxie im Petrinischen Zeitalter, ev.-theol. Diss. Wien 1927 =
Die russische Orthodoxie im Petrinischen Zeitalter, Breslau-Oppeln
1929; Die griechische Kirche im alten Russland. Skizzen zur Kirchengeschichte
Osteuropas, masch. Habil. Wien o. J. (1929); Das kirchliche Ostproblem
der Gegenwart, Berlin-Spandau 1931; Auf Athos, dem Heiligen Berge,
Posen 1933; Die ukrainische Lyrik 1840-1940. Ausgewählt und übertragen
von H.K., Wiesbaden 1955; Evangelische Kirchengeschichte, Wien 21955
(gem. mit Josef Kolder); Die deutsch-sowjetische Konferenz von Moskau
im Sept. 1955, Konstanz 1956; Kleine Schriften zur Kirchen- und Geistesgeschichte
Osteuropas, Wiesbaden 1962; Kyr Theodor und andere Geschichten, hrsg.
von Georg Traar, Wien 1967; Beispiel eines protestantisch- orthodoxen
Consensus in Polen, in: JGPrÖ 97 (1981) 109-113.
Lit.: Günther Stökl, H.K., in: Jahrbücher f. Geschichte
Osteuropas 7 (1959) 117-129; - ders., H.K. in: HZ 190 (1960) 247
f.; - Oskar Wagner, In memoriam H.K., in: Kyrios N.F. 1 (1960/61)
5-10; - ders., in: NDB XII, 263; - Alexander Dallin, Deutsche
Herrschaft in Rußland 1941-1945, Düsseldorf 1958, 129 ff.; - Georg
Traar, Eine Wolke von Zeugen, Wien 21974, 302-305; - Walter
Leitsch/Manfred Stoy, Das Seminar für osteuropäische Geschichte der
Universität Wien 1907-1948, Wien-Köln-Graz 1983; - Karl Schwarz,
H.K. (1894-1959) in: Glaube und Heimat 1992, 76-82.