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Band IV (1992) Spalten 208-210 Autor: Karl Schwarz

KOCH, Hans, ev.-luth. Theologe, Historiker, Osteuropaforscher. * 7.7. 1894 Lemberg/Galizien, + 9.4. 1959 München. - Der einer Pfälzer Kolonistenfamilie entstammende K. absolvierte das dt. Staatsgymnasium in Lemberg, ehe er 1912 in Wien das Studium der Theologie und Philosophie aufnahm, das er indes infolge seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg und (als Generalstabshauptmann der ukrainisch-galizischen Armee) am polnisch-ukrainischen Krieg und sowjetrussischer Gefangenschaft 1914-1921 unterbrach. Als »Heimkehrer ohne Heim« nach Wien zurückgekehrt nimmt K. sein Studium wieder auf, um nach Ablegung des theol. Abschlußexamens in den Dienst der Ev. Kirche in Österreich zu treten, zunächst als Vikar in Wien (1922-24), dann als Studieninspektor des dortigen Theologenheimes (1924-34), als Religionslehrer an Höheren Schulen (seit 1922) und Leiter des Ev. Presseverbandes. 1924 zum Dr. phil. promoviert, folgte 1927 die Promotion zum Dr. theol., 1929 die Habilitation für das Fach Kirchengeschichte und Kirchenkunde Osteuropas, schließlich nach zahlreichen Forschungsreisen in alle ost- und südosteuropäischen Länder und zum Päpstl.-Orientalischen Institut in Rom 1934 die Berufung nach Königsberg in Ostpreußen auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte; 1937 wechselte K. auf jenen für osteuropäische Geschichte in Breslau über, wo er Nachfolger seines Wiener Lehrers Hans Uebersberger wurde; 1940 erfolgte die Rückberufung nach Wien auf den ursprünglichen Lehrstuhl Uebersbergers, die aber aufgrund seiner Teilnahme am 2. Weltkrieg zu keiner praktischen Lehrtätigkeit führte; zwischen dem Polen- und Rußlandfeldzug baute er allerdings das Deutsche Wiss. Institut an der Universität Sofia auf. Nach dem Krieg zog sich K. in das steirische Ennstal zurück, wo er als ev. Geistlicher in Aich-Assach (1945-51) wirkte, ehe er nach München berufen wurde, um seine Osteuropa-Kenntnisse in Forschung und Lehre, nunmehr unter politikwiss. Schwerpunktsetzung, zu vertreten und die institutionellen Rahmenbedingungen (Gründung des Osteuropa-Instituts 1952) zu schaffen. Als Osteuropaexperte von Rang zählte K. zum Beraterstab der deutschen Bundesregierung, 1955 begleitete er Adenauer auf der Reise nach Moskau, später wurde er Leiter der »Wiss. Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte« (1957), ehe er 1958 auf den Lehrstuhl für Geschichte und Politik Osteuropas an der Universität München berufen wurde. - Das Tätigkeitsfeld K.s umfaßt drei Fakultäten, die ev.-theol. (Wien, Königsberg), die phil.-geisteswiss. (Breslau, Wien, Sofia) und schließlich die staats- und politikwiss. (München). Dem entsprach ein breit gefächertes Interesse an Geistes-, Religions- und Kulturgeschichte Osteuropas (»Geschichte des hellenischen Geistes in der slavischen Welt«), das sich in einer Reihe namhafter Beiträge, insbesondere zur Erforschung der orthodoxen slavischen Kirchen niederschlug; er stellte dabei die von Byzanz geprägten orthodoxen Kirchen gleichberechtigt neben die abendländischen Kirchen, die von Rom, Wittenberg und Genf ihre Gestalt genommen haben, nicht ohne den mannigfachen gegenseitigen Beeinflussungen nachzugehen. Besonders verbunden war er seit Kindestagen dem ukrainischen Volk, dem er als enger Mitarbeiter von Theodor Zöckler/Stanislau (»Kyr Theodor«) den Zugang zur Reformation vermittelte. Im Krieg entschiedener Verfechter einer »freien Ukraine«, geriet er in den Gegensatz zur NS-Ostpolitik und wurde deshalb aus seiner politischen Funktion in der Heeresgruppe Mitte entfernt. - Ausdruck seiner tiefen Affinität zum ukrainischen Volk ist schließlich auch darin zu sehen, daß er dessen Lyrik kongenial ins Deutsche übertrug.

Bibliographie: Bibliographie H.K. in: Zur Geistesgeschichte Osteuropas, München 1954; Alexander Adamczyk, Schriftenverzeichnis H.K., in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 7 (1959) 130 ff.

Werke (in Auswahl): Die Slavisierung der griechischen Kirche im Moskauer Staate als bodenständige Voraussetzung des russischen Raskol, phil. Diss. Wien 1924, posthum gedr. in: Kl. Schriften 1962 (s.d.), 42-107; Katholizismus und Protestantismus in der russischen Orthodoxie im Petrinischen Zeitalter, ev.-theol. Diss. Wien 1927 = Die russische Orthodoxie im Petrinischen Zeitalter, Breslau-Oppeln 1929; Die griechische Kirche im alten Russland. Skizzen zur Kirchengeschichte Osteuropas, masch. Habil. Wien o. J. (1929); Das kirchliche Ostproblem der Gegenwart, Berlin-Spandau 1931; Auf Athos, dem Heiligen Berge, Posen 1933; Die ukrainische Lyrik 1840-1940. Ausgewählt und übertragen von H.K., Wiesbaden 1955; Evangelische Kirchengeschichte, Wien 21955 (gem. mit Josef Kolder); Die deutsch-sowjetische Konferenz von Moskau im Sept. 1955, Konstanz 1956; Kleine Schriften zur Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas, Wiesbaden 1962; Kyr Theodor und andere Geschichten, hrsg. von Georg Traar, Wien 1967; Beispiel eines protestantisch- orthodoxen Consensus in Polen, in: JGPrÖ 97 (1981) 109-113.

Lit.: Günther Stökl, H.K., in: Jahrbücher f. Geschichte Osteuropas 7 (1959) 117-129; - ders., H.K. in: HZ 190 (1960) 247 f.; - Oskar Wagner, In memoriam H.K., in: Kyrios N.F. 1 (1960/61) 5-10; - ders., in: NDB XII, 263; - Alexander Dallin, Deutsche Herrschaft in Rußland 1941-1945, Düsseldorf 1958, 129 ff.; - Georg Traar, Eine Wolke von Zeugen, Wien 21974, 302-305; - Walter Leitsch/Manfred Stoy, Das Seminar für osteuropäische Geschichte der Universität Wien 1907-1948, Wien-Köln-Graz 1983; - Karl Schwarz, H.K. (1894-1959) in: Glaube und Heimat 1992, 76-82.

Karl Schwarz

Letzte Änderung: 09.06.1998