LANDWEHR, Gordian, Pater, Dominikaner, Geburtsname: Hermann Landwehr. Er wurde am 30.12. 1912 als viertes von insgesamt zwölf Kindern eines Kolonialwarenhändlers in Lohne bei Oldenburg geboren. Er verstarb am 11.6. 1998 an den Folgen eines Schlaganfalls in Leipzig. - Nachdem Gordian die Volksschule und eine zweijährige Rektoratsschule in Lohne besucht hat, wechselt er mit 13 Jahren in die von Dominikanern geleitete Ordens- und Missionsschule St. Josef in Vechta bei Oldenburg und legt dort 1932 die Reifeprüfung ab. Am 12. Mai 1932 tritt er in Warburg in Westfalen dem Dominikanerorden bei und bindet sich am 13. Mai 1936 durch die Ewige Profess an den Orden. Am 27. Juli 1938 wird er durch den Kölner Weihbischof Hammels zum Priester geweiht. Am 1. November 1940 wird Gordian gemustert und wird als Sanitätssoldat im Ostfeldzug eingesetzt. Am 1. April 1944 wird er zum Unteroffizier ernannt. Während des Ostfeldzuges lernt Gordian die russische Sprache, um besseren Kontakt zur einheimischen Bevölkerung aufnehmen zu können. Er feiert in Minsk (Rote Kirche) und Umgebung öfters Gottesdienste und spendet den dankbaren Gläubigen die Sakramente. Im Frühjahr 1945 flieht Pater Gordian vor der Roten Armee auf dem Kreuzer "Leipzig" nach Dänemark. Im Mai 1946 kehrt er zu seinem Konvent nach Düsseldorf zurück. 1951 wird Gordian auf eigenen Wunsch von Düsseldorf nach Leipzig versetzt, um als Volksmissionar in einem atheistischen Umfeld tätig werden zu können, was seinem Herzenswunsch entspricht. Im Leipziger Oratorium kommt die Idee auf, Jugendpredigten zu halten und Pater Gordian wird zunächst beauftragt, diese zu übernehmen. Seine Predigten erfreuen sich eines gewaltigen Zuspruchs der Zuhörer und somit beginnt er regelmäßig Jugendpredigten in der Universitätskirche in Leipzig und in ca. 30 weiteren Städten der ehemaligen DDR zu halten und er erreicht fast 20 000 Jugendliche im Monat mit seinen Predigten. Seine Tätigkeit erstreckt sich bald nahezu auf das gesamte Gebiet der DDR. Die außergewöhnliche Faszination, welche die Predigten Gordians auf die Jugendlichen ausüben, läßt sich dadurch belegen, daß für die ein- bis anderthalbstündigen Predigten von manchen Jugendlichen 60 Kilometer lange Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Um eine ordentliche Pfarrseelsorge garantieren zu können, erfolgt am 12. Oktober 1951 die Grundsteinlegung der Kirche St. Albert in Leipzig-Wahren, die am 16. November 1952 von Bischof Wienken eingeweiht wird. Am 16.11. 1957 erhebt die "Sächsische Zeitung" gegen Pater Gordian den Vorwurf des "Natopredigers im Jesuitengewand" und es wird ihm von Seiten der SED der Vorwurf gemacht, daß er in seinen Predigten eindeutig das westliche Wertesystem repräsentieren würde und er wird als Staatsfeind betrachtet. Im Mai 1968 protestiert Gordian öffentlich mit nur wenigen Mitbürgern gegen die drohende Sprengung der Universitätskirche in Leipzig. Pater Gordian, für den die ökumenische Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen ein wichtiges Anliegen darstellt, ist in den folgenden Jahren auch oft als Gast in die Evangelische Kirche eingeladen worden, um für Interessenten Kurse in Exerzitien und Stillen Tagen durchzuführen. 1987 gibt Gordian aus Gesundheitsgründen die Pfarrei St. Albert ab. Am 27. Juli 1988 feiert er sein goldenes Priesterjubiläum. Am 25. November 1994 wird ihm vom Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Roman Herzog, das Bundesverdienstkreuz verliehen für seine Verdienste um Volk und Staat vor und während der Wende. Nach seinem Ableben wird ihm eine letzte besondere Ehre zuteil, die Beisetzung am 19. Juni 1998 in "seiner" Kirche, der St. Albert Kirche in Leipzig-Wahren. Pater Gordian führte den Ehrentitel "Praedicator Generalis", der vom Dominikanerorden nur selten vergeben worden ist. - Pater Gordian zeichnet sich besonders durch seine Unbeugsamkeit aus, mit welcher er sich kompromißlos dem atheistischen System der DDR entgegengestemmt hat. Immer wieder wird von Zeitzeugen seine Authentizität und seine charismatische Kraft hervorgehoben. Pater Gordian erlangte einen Bekanntheitsgrad, der ihn in den Augen der politischen Machthaber zum Volksfeind werden ließ. Durch sein Vorbild und sein Wirken half er seinen Zuhörern, ihrer Überzeugung treu zu bleiben. In besonderer Weise muß der beispielhafte Glaubensmut von Pater Gordian herausgestellt werden. Es war ein großer Verdienst von Pater Gordian, vor allem ein atheistisch gesteuertes Volk dem christlichen Glauben wieder näher zu bringen. Pater Gordian wird als vernehmbare Stimme gegen Unrecht und Unterdrückung bezeichnet. Er gehört schließlich zu den beharrlichen Wegbereitern der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 in der DDR und ist sozusagen geistiger Wegbereiter dieser Wende.
Werke: Hoffnung für uns. Verkündigung unter Ulbricht und Honecker, Graz/Wien/Köln 1991; Gebt uns den Himmel wieder. Worte, für die man leben kann, Graz/Wien/Köln 1993; Was ich erleben durfte, Graz/Wien/Köln 1995.
Lit.: Manfred Queißer, Natoprediger im Jesuitengewand, in: Sächsische Zeitung vom 16.11.1957; - Ders., Keine Christen, sondern Feinde des Volkes, in: Sächsische Zeitung vom 28.11.1957; - Karin Löffler, Der NATO-Prediger im Pfaffengewand. Der alltägliche Sozialismus in der DDR., in: Anzeiger für die Seelsorge Nr. 8/1993. Auch abgedruckt in dem Sammelband: Bernd Börger und Michael Kröselberg, Die Kraft wuchs im Verborgenen, Düsseldorf 1993, 318-321; - Thomas Raabe, SED-Staat und katholische Kirche. Politische Beziehungen 1949- 1961 (Diss. München), 1995, 246 ff.; - Martin Höllen, Loyale Distanz? Katholizismus und Kirchenpolitik in SBZ und DDR. Ein historischer Überblick in Dokumenten, Bd. I, Berlin 1994, 231-232; - Joachim Seeger, Glaubensmut unter den Bedingungen des Sozialismus anhand der Predigten des Paters Gordian Landwehr (Diss. Nimwegen), 2001 (Rez. v. Donald J. Dietrich, in: The Catholic Historical Review, Bd. LXXXVIII, Washington, D.C. Nr.1/2002, 143-145; - Joachim Seeger (Hrsg.), Ausgewählte Predigten von Pater Gordian Landwehr, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien 2004.
Joachim Seeger
Literaturergänzung:
Joachim Seeger (Hrsg.), Pater Gordian Landwehr. Ein unermüdlicher Verfechter des Glaubens in der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus, Aachen 2005; - Theresa Schneider, Als "politischer Hetzer" diffamiert - als Vorbild im Glauben gefeiert. P. G.L. OP u. seine Bedeutung für d. Kirche in Mitteldeutschland, in: JbmKg 1.2005, S. 66-78; - Andreas Kathe, Pater Gordian Landwehr OP (1912-1998), in: Der katholische Klerus im Oldenburger Land. Ein Handbuch, hrsg. v. Willi Baumann u. Peter Sieve, Münster 2006, S. 377-379.