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Band XXX (2009) Spalten 865-870 Autor: Wolfgang G. Schöpf

LEBERSORG, Wolfgang; *?, Innsbruck; Profeß 23. März 1591, Priester 29. September 1595, Fürstenburg; † als Konventsenior 2. Oktober 1646. - Der bedeutende Chronist und Gelehrte P. Wolfgang Lebersorg OCist entstammt einer ursprünglich oberösterreichischen Familie, die sich in Innsbruck seit 1539 nachweisen läßt (vgl. K. Schadelbauer - M. Fritz, Die Innsbrucker Inwohneraufnahmen von 1508 bis 1567 [Veröffentlichungen aus dem Innsbrucker Stadtarchiv]. Innsbruck 1964, 17). 1555 erwarb der Großvater des künftigen Mönches das Bürgerrecht, und dessen Sohn Bartholomäus, der Vater L.s, wurde schon in Innsbruck geboren. Dieser wiederum ehelichte - vor 1570 - Magdalena Schrader, die ihm neben Wolfgang noch zwei Kinder, die Tochter Anna und den jüngsten Sohn Christoph gebar. Da in Innsbruck noch keine Taufmatriken geführt wurden, ist für alle drei Kinder kein Geburts- oder Taufdatum bezeugt, auch L. selber macht später keine näheren Angaben zu seinem Geburtstag oder -jahr. Der Tradition des Klosters Stams nach verschied der Chronist L. als Senior des Konventes im doch für damalige Verhältnisse sehr hohen Alter von 75 oder 76 Jahren. Von hier aus ist sein Geburtsjahr rekonstruierbar, wenn man dann noch hinzu nimmt, daß es nach kanonischer Vorschrift notwendig war, zur Priesterweihe das 24. Lebensjahr vollendet zu haben, ergäbe das für L. ein Geburtsdatum um die Jahre 1570 oder 1571. - Über die Ausbildung und schulische 'Karriere' der drei Lebersorg-Sprößlinge ist nichts aufgezeichnet, auch sonst fließen Nachrichten recht spärlich. Seine unverheiratet gebliebene Schwester Anna starb 1507 in Prag (vgl. O. Bachmann, P. Wolfgang Lebersorg. Der Chronist von Stams. Ein Gedenkblatt [Sonderabdruck aus der CistC 47 (1935)]. Bregenz 1935, 9); der Bruder Christoph heiratete und ließ sich im elterlichen Haus in Innsbruck nieder (vgl. ebd.). Einer der Söhne des Bruders ist später als Klosterkoch- und metzger zu Stams bezeugt (ebd.). - Das Noviziat in Stams begann für L. am 23. März 1590, nach dem der spätere Chronist wohl die erst kurz zuvor von Ferdinand II. in Innsbruck gestiftete Latein-Schule (vgl. J. Egger, Geschichte Tirols von den ältesten Zeiten bis in die Neuzeit. Innsbruck 1876, 241) besuchte; sichere Nachricht vor der Zeit in Stams haben wir aus L.s Leben aber nicht. Mit der Profeß im Jahr nach dem Noviziatsbeginn folgten auch die niederen Weihen (29. September1591) und genau vier Jahre darauf erteilte Fürstbischof Petrus Raschèr von Chur (1581-1601) dem Mönch in der Kapelle seines Schlosses Fürstenberg (bei Burgeis im Vinschgau) die Priesterweihe. Er hatte ihm schon im Mai 1593 in der Stamser Stiftskirche - anläßlich der Benediktion des neuen Stamser Abtes Nikolaus Bachmann (*?; Profeß vor 1567, Abtwahl 30. August 1590/22. Abt von Stams; † 2. März 1601. Vgl. Album Stamsensis seu Catalogus religiosorum sacri et exempti Ordinis Cisterciensis archiducalis Monasterii B. V. Mariae et S. Joann. Bapt. in Stams. 1272-1898 [ed. K. Lindner]. Salzburg 1898, Nr. 373) und des ebenfalls neu erwählten Wiltener Propstes Johannes Sauerwein - am selben Tag zum Diakon ordinierte. - Unbeantwortet bleiben muß die Frage, welche theologische Ausbildung zwischen Profeß und Weihe für L. möglich war, an den traditionellen Stamser Studienorten (Dillingen, Augsburg, ...) läßt sich L. nicht nachweisen. Es gibt keinerlei gesicherte Nachricht, ob er in der Abtei ausgebildet wurde oder auswärts entsprechenden Studien oblag. Vermutlich war das Hausstudium gewählt worden, weil die einstigen süddeutschen Ausbildungsstätten dem Abt und den Mitbrüdern doch der 'lutherischen Häresie' verfallen zu sein schienen. Er erwarb sich jedoch in diesen Jahren ein umfängliches Wissen, nicht allein historischer Art, so daß seine Oberen ihn für viele verantwortungsvolle Aufgaben heran zogen (vgl. Bachmann, Lebersorg 13). Er war Novizenmeister, nach 1615 Kustos (damit verwaltete er einen Teil der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Klosters, war also ein Unterpfisterer [in Stams wurde der Zellerar 'Pfister' oder 'Pfistermeister' genannt]). Ihm wurde die Sorge um die Sakristei, um die Kirche und ihre Angelegenheiten - oft gehörte da auch die Verwaltung des 'armarium' (Bücher- und Urkundensammlung) dazu - anvertraut. Um 1616 ernannte ihn sein Abt, Thomas Lugga, (*?, Innsbruck, Pfarrer in Mais 1590-1615, Abtwahl 29. Juni 1615/24. Abt von Stams; † 16. Mai 1631. Vgl. Album Stamsensis, Nr. 463) zum Subprior, wohl zum selben Zeitpunkt als der nachmalige Abt Paulus Gay (* 27. Juni 1587, Innsbruck; Prior: 11. November 1616?, Abtwahl: 9. Juni 1631/25. Abt von Stams, † 25. Mai 1638, Stams. Vgl. ebd. Nr. 418) sein Priorat antrat. - In diesen Jahren sollte er auch seine Hauptaufgabe finden, aber wann genau der Mönch mit der Bibliothek und Archivführung betraut wurde, kann nicht gesagt werden - es dürfte aber zwischen 1610 und 1612 geschehen sein. Bis zum 9. März 1644 - an diesem Tag übernimmt sein jüngere Mitbruder P. Martin Stöger (auch: Steger; * 30. September 1592, Innsbruck; † Senior 19. Dezember 1677, Stams. Vgl. ebd. Nr. 430) Bibliothek und Archiv - sollte L. nun unermüdlich tätig sein, um die immer noch spürbaren Schäden nach den Plünderungen von 1525 durch marodierende Bauernhorden und dem brutalen Überfall durch die Schmalkaldischen Truppen des Moritz von Sachsen im Mai 1552 zu beheben. Da auch die Bibliothek und besonders das Archiv in Mitleidenschaft gezogen waren, mußte L. nun damit beginnen, mittels Reorganisation eine neue, dauerhafte Ordnung in beiden Bereichen herzustellen, und bis auf den heutigen Tag "begegnen uns ständig Zeugnisse seines Wirkens. Sein Fleiß und seine Schaffenskraft ließen ihn die Bestände ordnen, signieren und verzeichnen. Er legte Abschriften, Regesten, Aufstellungen, Güterverzeichnisse ect. In großer Zahl an, wobei nicht nur der Umfang seiner Werke, sondern auch deren Übersichtlichkeit beeindruckt" (Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik des Klosters Stams. Stiftsarchiv Stams, Codex D 40. Edition und Übersetzung von Ch. Haidacher [Tiroler Geschichtsquellen 42]. Innsbruck 2000, XI). - Als er dann seine Ämter aus den Händen gab, war ihm nur noch eine kurze Zeit beschieden: 1645 feierte er noch den 50. Jahrestag seiner Weihe, über die sein Prior, P. Benedikt Stephani in einem Brief vom 18. Januar 1655 berichtet. Der körperliche Verfall - 'marasmus senilis', Altersschwäche diagnostiziert P. Benedikt in einem Brief dem Innsbrucker Arzt Weilheim - zwingt L. mehr und mehr auf seine geliebte Tätigkeit in Archiv und Bibliothek zu verzichten. Im September 1646 war er nicht mehr imstande, das Bett zu verlassen: er war, so Stephani, "ridiculus phantasiis et deliriis occupatus ac nesciens, qua hora filius hominis sit venturus" (Stephani an Weilheim, Brief 1 September 1664. Zit. nach Baumann, Lebersorg 16). In den Morgenstunden des 2. Oktobers 1664 gab P. Wolfgang seine Seele dem Schöpfer zurück. Beigesetzt wurde L. nicht wie alle anderen Mönche auf dem um die Apsiden der Kirche gelegenen Friedhof, sondern auf Anordnung des Abtes Bernhard II. Gemelich (Taufn. Tobias; * 11. April 1600, Innsbruck; Abtwahl: 11. August 1638/26. Abt von Stams , Generalvikar der Oberdeutschen Zisterzienser-Kongregation, Hofrat und Vorsitzender der Innsbrucker Kammer, Erbauer des Neuen Konvents; † 10. Juli 1660, Innsbruck. Vgl. Album Stamsensis Nr. 439) vor dem Altar des Evangelisten Johannes in der Stiftskirche. - Die Bedeutung L.s liegt zuerst einmal in seiner langjährigen Arbeit als Archivar und Bibliothekar der Stamser Zisterze. Ohne sein 'Chronicon Stamsense usque ad annum 1601' wäre etwa das mittelalterliche Aussehen des Klosterkomplexes und vor allem die Inneneinrichtung der Stiftskirche nicht mehr bekannt. Er war neben allem schriftstellerischen Können auch als Illustrator begabt genug, so daß seine im ‚Chronicon ' überlieferten Zeichnungen ein gutes Bild ergeben, wie die zwischen 1650-1750 barockisierte Klosterkirche in Stams davor aussah. Neben Darstellungen der Altäre, der für das Kloster bedeutsamen Gruft der Landesfürsten Tirols ('Österreichisches Grab') war es dem Chronisten auch wert etwa den Fließenboden zu abzubilden oder das Aussehen der Holzdecke in einem Aquarell zu überliefern. Alle Gebäulichkeiten, die zu seiner Zeit noch das mittelalterliche Gepräge hatten, überlieferte er in seinen Zeichnungen, außerdem Ansichten von Altären und anderen Kunstwerken. Dazu finden sich Nachzeichnungen von Siegeln und Wappenschilden in großer Zahl in seinem 'Chronicon' (vgl. Abbildungen in: Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik, Anhang). - Daß er daneben hunderte von Diplomen aus der Geschichte Stams' kopierte und kommentierte, und damit der Nachwelt einen riesigen Fundus an historischen Belegen tradierte, braucht nicht eigens erwähnt zu werden. In seiner Klostergeschichte gibt L. auch Einblick, wie er zu arbeiten gewohnt war, er nennt seine Quellen so genau, daß es leicht nachvollziehbar ist, woher seine Fülle der Information stammt. Neben den im Archiv befindlichen, rein auf die Abtei bezogenen Unterlagen, zieht er auch Druckwerke, so vor allem drei damals beliebte Autoren, heran: Ausführlich nutzt er das sehr geschätzte Annalenwerk des Dominikaners Abraham Bzowski (vgl. Annales ecclesiastici Authore Abrahamo Bozovio. Rom - Köln 1616-1672), sowie die die Annalen des Gerard von Roo (Annales rerum belli domique domus Austriacis Habspurgicae gentis principibus [...] gestarum. Innsbruck 1592). Daneben zog er Werke von Wigileus Hund, (vgl. Metropolis Salisburgensis. Ingolstadt 1582-München 1620) und Andreas Brunner (Annales rerum boiorum. Augsburg 1637) zur Arbeit an der Chronik heran. Bachmann, Lebersorg 46-60, zeigt in einer konkordanten Gegenüberstellung, wie L. vor allem die Annalen des Bzowski nutzte. Immer noch in Frage steht, wo er dieses Werk kennen lernte und exzerpierte, da es im Stamser Bibliothekskatalog für diese Zeit nicht vermerkt ist. Den Hauptteil der Quellen machen naturgemäß die in Stams vorhandenen Handschriften und Urkunden aus, die durch vielerlei einst im Archiv und Bibliothek vorhanden Gewesenes, ihre Ergänzung erfahren. Von daher allein gehört diese Stamser Stiftschronik zu den wertvollsten Quellen derr Tirolischen Landesgeschichte, gerade weil sie vieles, das verloren ist, exakt und verläßlich tradiert. Auch bewahrte er eine kritische Distanz zu den Quellen und Darstellungen, die er benutzte, "deutliche Ansätze gesunder Analyse und Quellenkritik" (Bachmann, Lebersorg 95) zeichnen das umfangreiche Werk ebenso aus, wie der Wille des Autors "nur Wahres zu berichten" (ebd.). - L. war aber, und das darf trotz aller wissenschaftlicher Leistung des frommen Mönches nicht übersehen werden, zuerst und vor allem Zisterzienser: Klösterlicher Wandel und Umkehr zum Herrn sind die Grundlagen seines Lebens, die persönlichen Kraftquellen, die das große Werk erst ermöglichten. Neben seiner wissenschaftlichen Leistung, die für ein Menschenleben erstaunlich ist und von höchstem Fleiß zeugt, galt L. auch als Priester seinen Zeitgenossen als Vorbild: etwa diente er ein ganzes Priesterleben lang als Beichtvater seinen Mitbrüdern. Seine umfangreichen Aufzeichnungen und Sammlungen sind heute in Bibliothek und Archiv des Zisterzienserstiftes in Stams verwahrt, wo sie - mit Ausnahme der 2000 mustergültig edierten Chronik - der Bearbeitung harren.

Werke: Chronicon Stamsense usque ad annum 1601; Extractus oder kurze Verzaichnus der Originalen und Reversen, auch andere brieflicher Gerechtikaiten des Gottshaus Stambs guetter, so in dem Ambt Mays begriffen. Stiftarchiv Stams, Cod. 283. - Weitere Sammelbände: Stiftarchiv Stams, Cod. 287. Cod. B (506 folii); Folgt die Verzaichnus des Gottsaus Stambs guetter so vil aus desselben Coppey büechern hat mügen erkhannt werden. Stiftarchiv Stams, Cod. 285.

Lit.: Album Stamsensis seu Catalogus religiosorum sacri et exempti Ordinis Cisterciensis archiducalis Monasterii B. V. Mariae et S. Joann. Bapt. in Stams. 1272-1898 [ed. K. Lindner]. Salzburg 1898; - O. Baumann, P. Wolfgang Lebersorg und seine Chronik von Stams. Diss. masch, innsbruck 1923; - Ders., P. Wolfgang Lebersorg, der Chronist von Stams. Ein Gedenkblatt (Sonderabdruck aus der CistC 47 [1935]). Bregenz 1935; - J. Riedmann, Zur Chronologie der Gründung von Stams. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 52 (1972) 223-233; - W. Köfler, der Stamser Chronist P. Wolfgang Lebersorg. In: Das Fenster 12 (1973) 1116-1121; - S. Sepp, Neuzeitliche Quellen zur Stamser Bibliotheksgeschichte. In: Innsbrucker historische Studien 6 (1983) 81-127. M. Pizzinini, Stams als Stätte europäischer Diplomatie. In: Tiroler Heimatblätter 72 (1997) 70-77; - Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik des Klosters Stams (Stiftsarchiv Stams, Codex D 40). Ed. u. Übers. von Ch. Haidacher (Tiroler Geschichtsquellen 42). Innsbruck 2000; - C. Fischnaler, Innsbrucker Chronik. Mit Bildschmuck nach alten Originalen und Rekonstrukions-Zeichnungen, sowie dem Gesamtregister. 4 Bde., Innsbruck1929-1930, hier 3. Wirtschafts- und Literatur-Chronik. 20.

Wolfgang G. Schöpf

Letzte Änderung: 31.12.2008