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Band XVIII (2001)Spalten 836-838 Autor: Daniel Heinz

LINDERMANN, Johann Heinrich, reformierter Laienprediger, Nonkonformist und Begründer der freikirchlichen »Christen-Gemeinden«, einer autochthonen, sabbatarischen Bewegung, aus der 1875 die ersten deutschen Siebenten-Tags-Adventisten hervorgingen. * 20.2. 1806 in Neuss, † 1.2. 1892 in Elberfeld. - L.s Vater, Wilhelm, besaß eine Weberei in Mühlheim-Saarn. Er erlernte ebenfalls das Weberhandwerk, wirkte später aber auch als Steindreher und Sandformer. 1830 heiratete er. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor. - L. stand unter dem mystischen Einfluß Tersteegens und wirkte in Opposition zum äußeren Kirchentum in Konventikeln und Bibelkreisen mit. 1846 berief ihn die Bergische Bibelgesellschaft als Kolporteur und 1849 trat er im Raum Mühlheim und Solingen als »Evangelist« der Evangelischen Gesellschaft auf, einem 1848 gegründeten lutherischen Heimatmissionsverein. Sein erweckliches und volksmissionarisches Auftreten sicherten ihm Zulauf unter dem einfachen Volk, während er von offizieller landeskirchlicher Seite als »Separatist« abgelehnt wurde. Um 1850 verwarf er die Kindertaufe, trennte sich von H. H. Grafe und C. Brockhaus, die ihn vorübergehend im neu gegründeten Evangelischen Brüderverein beschäftigt hatten und rief zusammen mit Friedrich Arnold Herring (geb. 1812) aus Elberfeld die »Bergische Taufbewegung« ins Leben, die sich unabhängig von baptistischen Einflüssen im Bergischen Land ausbreitete. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung zählte diese freikirchliche Bewegung, die die Glaubens- oder Erwachsenentaufe praktizierte, immerhin etwa 700 Mitglieder. - Als Herring um 1855 nach Amerika auswanderte, blieb L. als alleiniger Führer der Bewegung zurück. Er lehnte einen Zusammenschluß mit den Baptisten ab, die erst 1852 in Elberfeld-Barmen ihre erste Gemeinde in Rheinpreußen gegründet hatten. Trotzdem wanderten viele Anhänger L.s in das zu dieser Zeit neu entstehende, regionale Freikirchentum (Brüderbewegung, Freie evangelische Gemeinde) ab. Um der missionarischen Konkurrenz entgegenzuwirken, gründete L. 1852 offiziell eine eigene Gemeinde, die »Getaufte Christen-Gemeinde«. 1856 erhielt seine Gemeinde, jetzt unter dem Namen »Christen-Gemeinde« registriert, ein neues »Glaubens-Bekenntnis«, in dem L. das Millennium als bald eintretendes, »Königs- und Friedensreich« auf Erden betonte und daraufhinwies, daß »keines von den Zehn Geboten aufgehoben ist«. L. hatte wahrscheinlich um diese Zeit die Sabbatlehre von einigen seiner Anhänger (Familien Weinand, Drinhaus und Dörner) übernommen, die schon seit den 1840er Jahren unter pietistischem Nachwirken das Sabbatgebot hielten und eine rege Naherwartung der Parusie pflegten. In einem um 1869 von ihm verfaßten »Gesang-Büchlein« lassen sich seine letzten theologischen Entwicklungen erkennen. 1872 veröffentlichte L. in Barmen eine bislang verschollen gebliebene Schrift mit dem Titel »Gedenke des Sabbattages«. Aufgrund der neuen chiliastischen Einsichten und der Sabbatlehre verlor er einen großen Teil seiner Anhängerschaft. Zuletzt scharte er noch etwa 40 bis 50 Sabbathalter um sich, die sich in Vohwinkel (Wuppertal) und Mönchengladbach regelmäßig zu Gottesdiensten zusammenfanden. Im Februar 1875 erschienen die adventistischen Missionare John N. Andrews und Jakob Erzberger in Vohwinkel. Von ihrer Verkündigung überzeugt, schlossen sich die meisten der Lindermann-Anhänger dem Adventismus an und gründeten die erste Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland. L. selbst wurde kein Adventist.

Werke: Gesang-Büchlein der getauften Christen-Gemeinde, Langenberg-M.Gladbach (ca. 1869); Gedenke des Sabbattages, Barmen 1872; Das Tausendjährige Reich, Elberfeld 1872 (beide Schriften bislang nur literarisch bezeugt).

Lit.: H. Osterburg, Der Väter Weise, in: Adventbote, 15. Oktober 1958 - 15. Januar 1959 (Artikelserie in 7 Teilen); - I. Simon, Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in volkskundlicher Sicht, Münster 1965, 48-55; - B. E. Pfeiffer, The Pioneer to Germany, in: H. H. Leonard (Hrsg.), J. N. Andrews: The Man and the Mission, Berrien Springs, MI 1985, 261-71; - A. Jung, Als die Väter noch Freunde waren, Wuppertal-Kassel-Witten 1999; D. Heinz, J. H. L. und die pietistisch-freikirchlichen Wurzeln der deutschen Adventisten, in: Adventecho, April 2000, I-IV; - A. Jung/D. Heinz, Und hilf uns in Dein Königreich - J. H. L. und die pietistisch-freikirchlichen Wurzeln der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland, Frankfurt/M. 2000 (in Vorbereitg.).

Daniel Heinz

Letzte Änderung: 04.01.2001