Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
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WHITEHEAD, Alfred North Band XIII (1998) Spalten 1020-1025 Autor: Bernd Kettern WHITEHEAD, Alfred North, engl. Mathematiker und Philosoph, * 15. Februar 1861 in Ramsgate (Grafschaft Kent), † 30. Dezember 1947 in Cambridge (Mass.) -

Der Sohn eines anglikanischen Pastors studierte Mathematik in Cambridge und war dort seit 1884 Fellow des Trinity College. Über sein Fach hinaus interessierte sich W. sehr für Physik, aber auch für die Theologie, mit der er sich zeitweilig intensiv beschäftigte, angeregt durch John Henry Kardinal Newman. Seit 1903 gehörte W. der Royal Society an. Seine Arbeiten dieser Zeit betrafen die formale Grundlegung der Naturwissenschaften, Aspekte der theoretischen Physik, der abstrakten Algebra sowie der projektiven und darstellenden Geometrie. 1898 lernte W. Bertrand Russell kennen, als er diesen wegen der Vergabe eines Stipendiums prüfen sollte. Russell entwickelte sich rasch zu W.s begabtestem Schüler und Mitarbeiter. Mit ihm veröffentlichte er zwischen 1910 und 1913 die drei Bände »Principia Mathematica«, das klassische Werk der mathematischen Logik. Es war der umfassende Versuch einer rein mengentheoretischen Axiomatisierung der Mathematik sowie der formallogischen Beschreibung ihrer Verfahren. Ein geplanter vierter Band, der die Geometrie zum Gegenstand haben sollte, erschien nicht. Einen weitergefaßten Leserkreis hat die 1911 erschienene »Introduction to mathematics« im Blick. Im gleichen Jahr wurde W. an das University College in London berufen, drei Jahre später übernahm er den Lehrstuhl für Angewandte Physik am Imperial College in South Kensington. In dieser Lebensphase entwickelte W. ausgehend von naturphilosophischen Überlegungen Grundelemente seiner »Philosophy of organism«, die er nach der, auf Einladung der Harvard University zustande gekommenen, Übersiedlung in die Vereinigten Staaten in zahlreichen Vorträgen und Vorlesungen ausformulierte und anschließend publizierte. In Harvard lehrte W. in erster Linie Philosophie. In den drei, von ihm selbst als Hauptwerke betrachteten Schriften »Science and the modern World« (1925), »Process and reality« (1929) und »Adventures of ideas« (1933) legte er seine nicht leicht nachzuvollziehende Philosophie vor.

Begriffe sind Versuche, die Komplexität der Wirklichkeit auf konkrete Tatsachen zurückzuführen. Anders als der Positivismus beschränkte W. solche Versuche jedoch nicht auf den Bereich der Naturwissenschaften. So seien etwa religiöse Dogmen Ansätze, die in der religiösen Erfahrung des Menschen enthüllten Wahrheiten präzise zu formulieren (vgl. »Religion in the making«, 1926). Kants Verständnis der objektiven Welt als Konstrukt der subjektiven Erfahrung war W. gleichfalls zu eng. In »Process and reality« entwickelte W. seinerseits ein Kategoriensystem, das den Anspruch erhob, Einzelphänomene im Gesamtkontext der Natur zu interpretieren. Im Zentrum seiner Philosophie steht der Begriff »Prozeß«, der einen scharfen Gegensatz zur hergebrachten, substanzorientierten Metaphysik darstellt. Metaphysik ist das wissenschaftliche Bemühen um allgemeine Ideen, denen bei der Analyse von allem Geschehenden Bedeutung zukommt. In diesem Sinne möchte W. eine neue Metaphysik entwickeln. Ihr ontologisches Prinzip resultiert aus der Frage nach der Bestimmtheit alles Wirklichen und trägt der Tatsache, daß alles geworden ist, Rechnung. Dieses Prinzip findet sich nur in einer prozessualen Weltdeutung. Das Prozeßdenken liegt allen einzelwissenschaftlichen Verfahren zugrunde und ist damit Maßstab beim Entwurf von Modellen zur Erklärung der Realität. W. beschreibt seine Philosophie als eine Philosophie des Organismus. Organismus ist das sich der Deskription entziehende kleinste Zentrum der Selbstorganisation, das die Gesamtheit aller unmittelbar vorausgehenden Entitäten zu seiner Genese nutzt und seinerseits der Genese neuer Entitäten zugrundeliegt. Diese konkreten Mikrozentren wachsen zusammen (Vorgang der Konkreszenz) und stellen wirkliche Einzelwesen dar. In solchen Gedankengängen finden sich Anklänge an Leibniz' Monadenlehre, wobei der entscheidende Unterschied zu Leibniz in den gegenseitigen Beeinflussungen der Organismen besteht. Gott, nach W. beständig seiend, aber nicht unveränderlich ewig, garantiert nicht eine prästabilisierte Harmonie, sondern ist Quelle der Unruhe im Universum; er wächst und entfaltet sich durch diese Interaktion mit der übrigen Wirklichkeit. Damit lenkt er alles Geschehende zu immer höheren Formen der Selbstverwirklichung und zu neuartigen Konstellationen von Einzelwesen. Begriffen und Ideen kommen in diesem Beziehungsgeflecht wichtige Bedeutung zu, sie sind wirksam, indem sie Zusammenhänge herstellen oder im Denken neue Wirklichkeiten ermöglichen (vgl. »Adventures of ideas«, 1933). W. empfand seine Philosophie seinerseits prozeßhaft und damit unabgeschlossen. Im Raum des menschlichen Begreifens bleiben Begriffe notwendigerweise unscharf. W.s Philosophie fand, trotz ihrer sprachlichen wie inhaltlichen Komplexität, vor allem in den Vereinigten Staaten Anhänger. Sein prozeßtheologisches Denken schien der modernen Naturwissenschaft, aber auch dem Bedürfnis entgegen zu kommen, an Stelle des unveränderlichen Gottes der klassischen Metaphysik einen veränderlichen Gottesbegriff anzunehmen, der in lebendiger Beziehung zum Menschen und seiner Wirklichkeit steht. Charles Hartshorne, John Cobb und in jüngster Zeit einige deutsche Rezipienten, ausgelöst durch deutsche Übersetzungen von W.s Werken, entwickelten diese theologischen Überlegungen weiter.

Werke: Principia Mathematica, Cambridge 1910-1913 (gemeinsam mit Bertrand Russell, dt. Auszug: München u.a. 1932); An introduction to mathematics, London u.a. 1911 (dt. Wien 1948); An enquiry concerning the principles of natural knowledge, Cambridge 1919; The concept of nature, Cambridge 1920 (dt. Weinheim 1990); The principle of relativity, Cambridge 1922; Science and the modern world, New York 1925 (dt. Frankfurt a.M. 1984); Religion in the making, New York 1926 (dt. Frankfurt a.M. 1985); Symbolism, its meaning and effect, New York 1927; Modest of thought, New York 1928; Process and reality. An essay in cosmology, New York 1929 (dt. Frankfurt a.M. 1979); The function of reason, Princeton 1929 (dt. Stuttgart 1976); The aims of education and other essays, New York 1929; Adventures of ideas, New York - Cambridge 1933 (dt. Frankfurt a.M. 1971); Modes of thought, New York 1938 (daraus dt.: Das Verstehen, in: H.-G. Gadamer/G. Boehm (Hrsg.), Philosophische Hermeneutik, Frankfurt a.M. 1978); Essays in science and philosophy, New York 1947 (dt. teilweise in: Philosophie und Mathematik, Wien 1949).



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