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Band XXIV (2005) Spalten 1115-1122 Autor: Manfred Berger

MÜLLER, Maria, * 3. Oktober 1881 in Tarforst bei Trier, † 10. April 1933 in Köln, Oberlehrerin, aktiv tätig im "Katholischen Deutschen Frauenbund" (KDF) und im "Verein katholischer deutscher Lehrerinnen " (VkdL), gründete den "Sozialpädagogischen Ausschuß" im VkdL, Vorsitzende des "Vereins katholischer deutscher Ober-Lehrerinnen" (später "Verein katholischer deutscher Philologinnen") sowie Mitglied des "Katholischen Akademikerinnenverbandes". - Maria war das erste von drei Kindern des Lehrers Johannes Müller und seiner Ehefrau Anne Maria Josepha, geb. Kellerisch. Der Vater sorgte sich um eine gute Bildung seiner Kinder, die er anfänglich selbst unterrichtete. Die Mutter, Hausfrau und einfühlsame Erzieherin, ließ ihren Kindern, bei einer durchaus streng katholisch geprägten Erziehung, große Freiheiten. Vermutlich war es die Atmosphäre des Elternhauses, die die erstgeborenen Tochter und ihren jüngeren Bruder Nikolaus für den Lehrberuf bestimmte. Im März 1901 legte M. die Prüfung für kath. Volksschulen in Saarburg ab, ferner im Mai 1906 die Prüfung für mittlere und höhere Mädchenschulen in Koblenz. Zwischendurch und weiterhin war sie Lehrerin an den Volksschulen in Senheim und Trier, sowie als Präparandenlehrerin der Präparandie des Kath. Volksschullehrerinnenseminars in Saarburg. Zusätzlich bereitete sich M. ab 1910 auf die Oberlehrerinnenprüfung vor, die sie im Dezember 1912 in den Fächern Philosophie, Deutsch und Geschichte erfolgreich ablegte. Ab Ostern 1913 wirkte M. als Studienrätin an der staatlichen "Auguste Viktoria-Schule" in Trier. Ihre Unterrichtstätigkeit unterbrach sie für neun Monate, in dieser Zeit leitete sie das Referat für Arbeiterinnen- und Kinderfürsorge an der Kriegsamt-Nebenstelle in Diedenhofen. Die Not und das Elend während des Ersten Weltkrieges und danach aktivierten M.s "Helferwillen". So sammelte sie die ehemaligen Schülerinnen in Freundeskreisen um sich, lehrte diese die sozialen Mißstände zu sehen und nach Wegen der Hilfe zu suchen: - "Immer weiter dehnt sie ihr Wirken aus. Ihr Arbeiten, das zunächst der Formung der Einzelpersönlichkeit galt, weitet sich sozialpädagogisch aus und tritt in die fruchtbare Spannung, in die Individualität und Gemeinschaft als sich ergänzende Größen gesehen werden, ein Weg, den alle großen Menschenbildner gegangen sind. - Zunächst sind es alte Schülerinnen, Menschen, die ihr erreichbar sind, die sie zu einem sozialpädagogischen Kurs herbeiholt... Sie wirft diese jungen Menschen in eine soziale Not hinein, sie geht mit ihnen in die Fabriken und Elendsviertel und sie entläßt sie tiefbeeindruckt, beunruhigt und bereit, zu ihrer beruflichen Arbeit noch ein Mehr an Belastung in der sozialen Arbeit auf sich zu nehmen. - Die ersten Jahre nach dem Weltkrieg sind durch eine starke soziale Welle gekennzeichnet... Daß Maria Müller ihr erzieherisches Wirken in diese Bewegung einbaute, kennzeichnet die Wachheit ihres Wesens und ihres Arbeitens. - Jener Kursus war aber nur der Auftakt zu ihrer sozialpädagogischen Wirksamkeit. Im Katholischen Deutschen Frauenbund begann sie ihre Arbeit an den Müttern des Volkes, den Müttern jener Jugend, der sie unablässig diente. Keine Erziehungsfrage war ihr zu unbedeutend, um von ihr nicht besprochen, nicht beantwortet zu werden" (Tyciak 1949, S. 71 f). - Bald gab es Freundeskreise in West- und Mitteldeutschland, die letztlich einer gewissen Strukturierung bedurften. Und so gründete M. innerhalb des VkdL einen "Sozialpädagogischen Ausschuß", "der nun in regelmäßigen Arbeitskreisen unter ihrer Leitung und der Führung eines erfahrenen Benediktiners die religiöse, soziale und staatsbürgerliche Fortbildung der Lehrerinnen übernehmen sollte" (Prüm o. J., S. 95). - Ostern 1925 ließ sich M. vom Schuldienst beurlauben. Folgend studierte sie, nachdem sie als Externe das Abitur abgelegt hatte, an den Universitäten in Berlin und Köln. Ihr Studium, das sich vornehmlich auf Psychologie, Pädagogik und Deutsch erstreckte, schloß sie Juli 1927 mit der Promotion ab. Das Thema ihrer Dissertation, die auch heute noch lesenswert und als wertvoller Beitrag zur Fröbel-Pädagogik zu sehen ist, lautete: "Leben und Wirken namhafter Frauen im Dienste der Pädagogik Fröbels. Wilhelmine Hoffmeister, Bertha von Marenholtz-Bülow, Henriette Schrader-Breymann und Henriette Goldschmidt". In ihrer wissenschaftlichen Arbeit vertrat M. die These, ohne die zeitgenössische Geschlechteranthropologie vergleichend herangezogen zu haben, daß alle vier genannten Frauen wie Friedrich Fröbel (der 1840 in Blankenburg den Kindergarten "stiftete") vom "Charisma" der Hingabe an das Erziehen beseelt waren. Die Promovendin kam zu folgendem Fazit: - "So wie Fröbel es für selbstverständlich gehalten hat, daß seine Mutter für ihn das Leben ließ (des Pädagogen Mutter starb neun Monate nach seiner Geburt; M. B.), so forderte er auch von allen Menschen, die sich zur Mitarbeit an seinem Werke bereit erklärten, Opfergesinnung und Opfertat bis zum letzten Atemzuge. Eine erstaunliche Hingabefähigkeit ist sozusagen das Charisma der vier Frauen, die aus der Schar der Fröbeljüngerinnen herausragen. Mit Starkmut trägt Wilhelmine Hoffmeister (Fröbels erste Ehefrau, M. B.) die harten Leidens- und Kampfjahre in Keilhau, in der Schweiz und in Blankenburg... Von der Begegnung mit Fröbel an widmet Bertha von Marenholtz ihren Geist und ihre Kraft der Verbreitung seiner Ideen. Henriette Schrader-Breymann entzündete ihre Liebe zu den Kindern, zur Jugend, zur Menschheit an der großen Liebe Fröbels. Henriette Goldschmidt verdankte Fröbel die zentrale Idee ihres pädagogischen Schaffens und gab sich ihr hin mit der Ganzheit ihres Frauentums. - Diese vier Frauen haben das gemeinsam, daß sie manche Frucht zur Reife brachten, aber nicht zu ihrem eigenen Genusse, sondern zum Dienste der Menschheit" (Müller 1928, S. 15 f). - Nach ihrer Promotion wurde M. zur "Oberin" der "Königin-Luise-Frauenoberschule" in Köln berufen. In einem sehr umstrittenen Exposé zur "Lebensgrundlage der Frauenoberschule" hatte sie einen Bildungsweg für Mädchen dieses neuen Schultypus entworfen, der nach einer Synthese von Wissen und Leben strebte. Diesbezüglich vermerkte M.: - "Wie jede andere lebendige Schulgemeinde empfängt die Frauenoberschule ihr Gepräge durch die Berührung mit der Kulturwelt unserer Zeit. Ihre besondere Struktur gewinnt sie durch die Art wie sie sich verschiedene Bildungskreise zu einem Ganzen zusammenschließen, wie diese das Leben empfangen und ihm zur Form verhelfen. - Sozusagen im inneren Kreise dieser neuen Schule stehen Lebenszellen, zu denen fast jede Frau eine naturhafte Beziehung hat: Küche und Laboratorium, Garten und Werkraum. Diese Einzelbereiche sind eingefügt nicht in eine 'Schule', sondern in ein 'Heim', in ein von Frauenhänden gestaltetes Heim. Von hier aus ergeben sich mannigfache Verknüpfungen mit Hauswirtschaft und Volkswirtschaft, mit Technik und Rationalisierung. Dieses differenzierte Schaffen in den Arbeits- und Werkräumen wird unterbaut und getragen von gedanklicher Vertiefung, von theoretischer Unterweisung. Um das praktische Tun gruppieren sich die Unterrichtsgebiete: Mathematik, Chemie, Biologie, Hauswirtschaft. Über allem Stofflichen steht das Bildungsprinzip: vom Schauen, Tasten, Versuchen, Erarbeiten zum Erkennen, Erleben. Bei ernster Durchführung dieses Prinzips versagt methodische Routine, vorwärts führt nur das ehrliche Ringen, das aus jedem Mißerfolg Kraft schöpft für ein mutiges Neubeginnen. - Dieses Leben der Frauenoberschule in der Sphäre des Hauswirtschaftlichen bedarf einer Ergänzung aus der Welt des Schönen. In der Frau ruhen Kräfte zu einer künstlerischen Lebensformung. Diese Kräfte müssen genährt werden aus dem Reiche der Kunst. Als Vorbedingung für ästhetische Empfänglichkeit und Gestaltungsfähigkeit gilt eine Körperbildung (Turnen, Rhythmik, Wandern) die gerade in den Jahren der Entwicklung Kräfte lockert und frei macht und sie in einen gesunden Formungsprozeß überleitet. Der Reifung persönlicher Bildung und wesensgemäßer Haltung kommt der heutige Musik-, Zeichen-, Nadelarbeits- und Werkunterricht entgegen, aber auch die Wertschätzung der sprachlichen und mimischen Darstellungsmöglichkeiten: alles Quellen für eine Bildung, die der Frauennatur gemäß ist, die der Beseelung und Lebenssteigerung dienen. - Doch gerade in diesem Bildungskreise muß dahin gestrebt werden, daß die Schülerinnen der Frauenoberschule nicht steckenbleiben in gefühlsmäßigem Genießen. Auf die gute Leistung, auf technisches Können, auf hochwertiges Schaffen muß immer hingearbeitet werden. Auch hier gilt es, Brücken zu schlagen vom Tun zum Wissen, von dem technisch-künstlerischen Arbeitsgebiete zur Kulturkunde, zur Musik- und Kunstgeschichte, zur Deutschkunde und Geschichte, zur Geisteswelt einer anderen Nation durch Pflege einer Fremdsprache. Aber die Vergangenheit soll nicht an erster Stelle als Wissens- sondern als Lebensgut in die jugendlichen Frauenseelen eindringen. Der Pulsschlag einer Zeit- und Kulturepoche soll verspürt werden, vor allem der Pulsschlag unserer Zeit" (Müller 1930, S. 268 f). - Ferner sollte der Frauenoberschule auch ein Kindergarten, der eine eigene kleine soziale Welt darstellt, angegliedert sein: - "Ob der Kindergarten zu den jungen Menschen spricht in der Sprache des Kinderlebens, ob er Einblicke gestattet in Kindernot: stets ist er eine Grundlage des Lebens und kann mancher theoretischen Erörterung über Fragen der Psychologie, des sozialen Lebens, der Wohlfahrt, die konkrete Unterlage bieten. Bei einer solchen Geöffnetheit dem Leben gegenüber werden die Schülerinnen von selbst empfänglich für den Sinn der Frauenbewegung, aber auch für die Sendung der Frau in unserer Zeit, die im wesentlichen eine Sendung der Liebe ist" (Müller 1930, S. 269). - Trotz ihrer beruflichen Verpflichtungen hielt M. noch unzählige Vorträge auf großen Versammlungen u. a. des KDF, des VdkL, des "Katholischen Akademikerverbandes" oder 1932 auf dem Katholikentag in Essen, wo sie das Thema "Christus und die Bildungskräfte der Großstadt" behandelte. Sie schien eine begnadete Rednerin gewesen zu sein, wie aus einem Nachruf deutlich hervorgeht. Dort ist über M. nachzulesen: - "Wenn ich an sie denke, sehe ich sie vor mir an dem Platz, für den sie in erster Linie bestimmt war. Ich sehe sie in aller Öffentlichkeit, in Versammlungen und Vorträgen, vor einer lauschenden, an ihr Wort hingegebenen Schar von Männern und Frauen. Sie steht vor ihnen, nicht hinter, sondern neben dem Rednerpult, denn sie duldet keine Schranke zwischen sich und den Menschen" (zit. n. Tyciak 19439, S. 70). - Bedingt durch eine schwere Krankheit mußte sie ihre rege Vortragstätigkeit einstellen und schließlich ihren Posten als "Oberin" der Kölner Frauenoberschule in jüngere Hände legen. Als M. wenige Tage nach ihrem Tod beerdigt wurde, begleitete eine unüberschaubare Schar von Menschen den Sarg. Unter den Trauergästen waren bedeutende frauenbewegte Katholikinnen: Albertine Badenberg, Marie Buczkowska, Amalie Lauer, Else Peerenboom, Maria Schmitz, Christine Teusch, Helene Weber, Emmy Wingerath, Maria Zettler, um nur einige der vielen zu nennen. Die Vorsitzende des KDF, Gerta Krabbel, sagte in ihrer Traueransprache treffsicher: "Ein Leben voll Barmherzigkeit, Religiosität, Bescheidenheit und Nächstenliebe ist zu Ende gegangen. Es brannte das Lebensgesetz eines wahrhaft christlichen Menschen in ihr, der sich Gott und seiner Welt gegenüber verantwortlich und verpflichtet fühlte - das Lebensgesetz einer christuserfüllten Frau, die aus ihrem So-Sein heraus auf die Forderungen und Anrufe der Zeit die Antwort der tätigen Liebe fand" (zit. n. Tausch-Thorun 1993, S. 124).

Werke (Ausw.): Die vaterländische Aufgabe der Lehrerin in großer Zeit, Köln 1914; Grundsätzliches zu Konservatismus und Fortschritt, in: Die Christliche Frau, 20 1922, 65 ff.; Grundzüge katholischen Frauentums, in: Mädchenbildung auf christlicher Grundlage, 24 1928, 411 ff.; Frauen im Dienste Fröbels. (Wilhelmine Hoffmeister, Bertha von Marenholtz-Bülow, Henriette Schrader-Breymann, Henriette Goldschmidt), Leipzig 1928; Leben und Wirken namhafter Frauen im Dienste der Pädagogik Fröbels, Naumburg 1928; Die Lebensgrundlage der Frauenoberschule, in: Die Christliche Frau, 28 1930, 268 f; Die Erziehung zur Hausfrau und Mutter, in: Nohl, H./Pallat, L. (Hrsg.): Handbuch der Pädagogik, Bd. 3, Langensalza 1930, 444 ff.; Die geistige Haltung der katholischen Jungelehrerin zu universalen Zeitfragen und Zeitforderungen. Vortrag auf der 45. Hauptversammlung des VkdL in Berlin, Pfingsten 1930, in: Rhein-Mainische Volkszeitung vom 22. Juli 1930; Herber, Pauline, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Erster Band, Freiburg/Br. 1930, 1147 f; Entschiedene Schulreformer, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Erster Band, Freiburg/Br. 1930, 605 ff.; Key, Ellen, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Erster Band, Freiburg/Br. 1930, 1339 f; Eine große Mutter, in: Die Christliche Frau, 30 1932, S. 130 ff.; Geist und Leben im Wesen der Frau, in: Die katholische Frau, 24 1931, 5 ff.; Lange, Helene, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Zweiter Band, Freiburg/Br. 1932, 156 f; Lebensgemeinschaftsschule, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Zweiter Band, Freiburg/Br. 1932, 164 ff.; Lebenskunde, in: Spieler, J. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Zweiter Band, Freiburg/Br. 1932, 168 ff.; Die Lebensgrundlage der Frauenoberschule, Köln o. J. (unveröffentl. Manuskript).

Archiv: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen.

Lit. (Ausw.): Bender, A.: Maria Müller, in: Die Christliche Frau, 31 1933, 112 ff.; - Tyciak, D.: Maria Müller, in: Krabbel, G. (Hrsg.): Selig sind des Friedens Wächter. Katholische deutsche Frauen aus den letzten hundert Jahren, Regensburg 1949, 66 ff.; - Brehmer, I./Ehrich, K.: Mütterlichkeit als Profession? Lebensläufe deutscher Pädagoginnen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Band 2: Kurzbiographien, Pfaffenweiler 1993, 190; - Tausch-Thorun, M.: Der "Verein katholischer deutscher Lehrerinnen" und seine Bedeutung für die Mädchenbildung in Deutschland, München 1993 (unveröffentl. Diplomarbeit); - Sack, B.: Zwischen religiöser Bindung und moderner Gesellschaft. Katholische Frauenbewegung und politische Kultur in der Weimarer Republik (1918/19-1933), Münster 1998, 458; - Prüm, A.: Dr. Maria Müller 1881-1933, in: Schmücker, E./Emmerich, M. (Hrsg.): Lebendige Tradition im Wirken führender Frauen des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen, Bochum, o. J. 93 ff.; - Kosch, W.: Das Katholische Deutschland. Biographisch-bibliographisches Lexikon. 2. Band: John-Rehbach, Augsburg o. J. 3127.

Manfred Berger

Letzte Änderung: 24.01.2005