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Band XXVI (2006) Spalten 1184-1196 Autor: Andreas Losch

POLANYI, Michael, ungarischer Chemiker und Wissenschaftsphilosoph, * 11. März 1891 in Budapest, † 22. Februar 1976 in Oxford - Mihály Polányi wird als fünftes Kind einer liberalen jüdischen Familie geboren. Nach Abschluß des Medizinstudiums in Budapest nimmt er ein Chemiestudium in Karlsruhe auf, unterbrochen vom Einsatz als Sanitätsoffizier Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg. Nach seiner Promotion in Physikalischer Chemie in Budapest (1917) und kurzer Lehrtätigkeit dort kehrt P. nach Karlsruhe zurück, wo er seine Frau Magda Kémeny, ebenfalls Chemikerin, kennen lernt. Seine 1919 erfolgende katholische Taufe ist möglicherweise von dem Glauben seiner Frau beeinflußt. Aus der 1921 geschlossenen Ehe gehen die beiden Söhne George (1922-1975, Ökonom) und John (geb. 1929, Chemiker in Toronto, Nobelpreis für Chemie 1986) hervor. Der weitere Weg führt P. nach Berlin, wo er die Leitung einer Abteilung des Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie an der Universität übernimmt. Die politische Entwicklung in Deutschland läßt P. jedoch 1933 einen Ruf auf den Lehrstuhl für physikalische Chemie in Manchester annehmen, den er bis 1948 innehat. 1944 wird er zum Fellow der Royal Society gewählt. Zu ersten Publikationen zu ökonomischen, politischen und philosophischen Themen führen P. Besuche in der Sowjetunion und besonders ein Treffen mit Bucharin 1935. Bucharin, damals noch führender Theoretiker der Kommunistischen Partei, konfrontiert P. mit der der These, daß um ihrer selbst betriebene "reine" Wissenschaft ein morbides Symptom der Klassengesellschaft sei, wohin gegen im Sozialismus sich die Interessen der Wissenschaftler harmonisch und spontan auf die Erfüllung des Fünfjahresplanes richteten. Demgegenüber verficht P. in seinen Publikationen die Überzeugung, Fundament allen Forschens sei die Kraft unabhängigen Denkens und das Motiv der Wahrheitssuche. Seine Artikel dazu sind gesammelt 1940 ("The Contempt of Freedom") und 1952 ("The Logic of Liberty") veröffentlicht worden. Seine wissenschaftsphilosophische Position legt P. erstmals 1946 in "Science, Faith and Society" (SFS) dar. Damit hat er seine Berufung als Philosoph gefunden. Die Einrichtung eines eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhls für Sozialwissenschaften in Manchester stellt P. 1948 von allen Lehrverpflichtungen frei und erlaubt ihm, sich auf die Vorlesung der Gifford Lectures in Aberdeen (1951/52) vorzubereiten, aus denen er in neunjähriger Arbeit sein philosophisches Hauptwerk "Personal Knowledge" (PK, 1958) entwickelt. Es folgt ein kleiner Nachfolgeband "The Study of Man" (1959), in dem er seine Gedanken auf die Humanwissenschaften anwendet. Nach seiner Emeritierung 1959 verläßt P. Manchester und läßt sich in Oxford nieder, wo er als Senior Research Fellow ans Merton College eingeladen wird. Er findet im dortigen akademischen und philosophischen Umfeld wenig Resonanz, viel mehr jedoch in den USA, wo er mehrere Vortragsreihen hält. Die Terry Lectures von 1962 (Yale) werden 1966 in überarbeiteter Form als "The Tacit Dimension" (TD) veröffentlicht. Eine Sammlung zentraler Aufsätze P. aus den Jahren 1959-1968 wird 1969 von Marjorie Grene unter dem Titel "Knowing and Being" herausgegeben. Besondere Erwähnung verdient der in diese Sammlung aufgenommene Artikel "Life's irreducible structure", erschienen ursprünglich 1968 in Science. Darin entfaltet er auf der Basis seiner Vorstellungen über stillschweigendes Wissen das Konzept der "Randbedingungen", ohne die keine Maschine und kein Lebewesen adäquat verstanden werden könne. Es ist die gelungene Integration dieser Randbedingungen im Akt der Wahrnehmung, die für P. erst Bedeutung herstellt. Dem Thema Bedeutung widmet sich ausführlich seine 1975 entstandene letzte Monographie "Meaning", verfaßt mit Hilfe Harry Proschs, der zu diesem Zweck P. Vorlesungen an den Universitäten von Texas und Chicago 1969-1971 editiert. - P. Tod hinterläßt insbesondere die Frage, wie sein Erbe in religiöser Hinsicht angemessenen zu interpretieren ist; im Sinne Harry Proschs einfach als Wertschätzung eines Traditionalismus oder im Sinne Richard Gelwicks und Thomas F. Torrance als Ausdruck eines tiefen christlichen Glaubens. 1997 publiziert Richard Allen eine weitere Zusammenstellung von Artikeln P. unter dem Titel "Society, Economics and Philosophy". Sie führt noch einmal die große Bandbreite von P. Denken vor Augen und erscheint zu einem Zeitpunkt, zu dem P. Bedeutung für die Wende zur Postmoderne in der Wissenschaftstheorie verstärkt wahrgenommen wird. - Kerngedanken: "We can know more than we can tell" (TD 4) ist die Aussage, durch die P. am bekanntesten geworden ist. Die Frage, der er sich in seinem Werk widmet lautet: Wie sind wissenschaftliche Entdeckungen überhaupt möglich? Menos Paradox nach ist die Suche nach einer Problemlösung eine Absurdität; denn entweder weiß man, wonach man suchen soll, dann gibt es aber kein Problem; oder man weiß nicht, wonach man suchen soll, dann kann man aber auch nicht danach suchen und also nicht erwarten, irgend etwas zu finden (SFS 1964, 14). P. versucht eine Antwort zunächst von der Überzeugung her zu finden, daß es die verborgene Wirklichkeit selbst ist, die uns auf die rechte Spur bei der Lösungssuche leitet. Diese verborgene geistige Wirklichkeit zu entdecken sei Aufgabe des seiner Intuition folgenden Wissenschaftlers und würde sich, wenn es gelänge, in der stetigen Aufdeckung immer weiterer Wahrheiten bezeugen. Seine daran anschließende Definition von Wirklichkeit behält P. zeitlebens bei: wirklich ist das, von dem man erwartet, daß es sich in noch unbestimmter Weise in der Zukunft offenbaren wird (10). Eine schlüssige Antwort darauf, wie sich diese Aufdeckung oder Offenbarung vollzieht, kann P. jedoch zunächst nicht finden. Von den möglichen Faktoren einer wissenschaftlichen Entdeckung bleibt nach kritischer Reflexion nur die Analogie zur Gestaltwahrnehmung übrig. Im Unterschied zur Gestaltpsychologie sieht P. das Entstehen einer "Gestalt" jedoch nicht als spontan, sondern als Ergebnis einer aktiven Gestaltung von Erfahrung an. Diese Gestaltung oder Integration von gemachten Erfahrungen hält er für die die große und unentbehrliche stillschweigende Macht, durch die alles Wissen entdeckt und für wahr gehalten wird. Damit wendet sich P. gegen ein unpersönliches positivistisches Wissenschaftsideal, welches in ‚dynamisch-objektiver Verkopplung' mit einem verborgenen moralischen Perfektionismus für ihn Ursache für die nihilistische Korruption der Gesellschaft wurde, wie sie in Marxismus und Faschismus zum Ausdruck gekommen ist (PK 230-3). Der Laplacesche Dämon kann uns aber bei all seinem Detailwissen nichts von wirklicher Bedeutung verraten, weil Bedeutung erst durch die aktive persönliche Gestaltung von subsidiären Wahrnehmungen entsteht. Das Bewußtsein dieses persönlichen Anteils im Wissenserwerb schließt die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und macht deutlich, daß jedes Wissen, weil persönlich gestaltet, einen Unbestimmtheitsfaktor enthält (Meaning 44). P. Auffassung von Gestaltung umfaßt dabei sowohl intellektuelles als auch praktisches Wissen, weil beide keine Art ohne die jeweils andere Auftritt. "Denken wir daran, wie ein Blinder seinen Weg mittels eines Stocks erfühlt; dies involviert die Umwandlung der Stöße, die an seine Hand und an die den Stock haltenden Muskeln weitergegeben werden, in eine Wahrnehmung der Dinge, die von der Spitze des Stocks berührt werden. Hier haben wir den Übergang vom knowing how zum knowing what und können sehen, wie ähnlich die Struktur der beiden ist." (PK 55f) Gegenüber PK meint P. später erkannt zu haben, daß in der Ausarbeitung der Struktur stillschweigenden Wissens etwas weniger Gewicht auf die notwendige persönliche Bedingtheit des Wissens zu legen ist. Er betont statt dessen die von-zu-Struktur des Denkens, die deutlich macht, "daß jeder unserer Gedanken Komponenten umfaßt, die wir nur mittelbar, nebenbei, unterhalb unseres Denkinhalts registrieren - und daß alles Denken aus dieser Unterlage, die gleichsam ein Teil unseres Körpers ist, hervorgeht" (TD Dt. 10). In dieser von-zu-Struktur des Denkens unterscheidet P. einen proximalen ("von") und einen distalen ("zu") Term. Im genannten Beispiel des Blinden, der sich seinen Weg mit Hilfe eines Stocks ertastet, wären die Stöße, die der Stock an den Arm des Blinden weitergibt, wenn er auf ein Hindernis stößt, der proximale Term. Sie werden aber nicht als solche wahrgenommen, sondern als Verweis auf ein existierendes Hindernis (den distalen Term) interpretiert. P. nennt dies die funktionale Struktur stillschweigenden Wissens. Im Folgenden unterscheidet er des weiteren einen phänomenalen, einen semantischen und einen ontologischen Aspekt. Weil wir uns im Prozeß des stillschweigenden Wissens(erwerbs) von etwas her etwas anderem zuwenden und seiner im Lichte dieses anderen gewahr werden, hat der Prozeß auch eine phänomenale Struktur. Damit wird unsere Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des anderen gelenkt, was den semantischen Aspekt darstellt. Weil schließlich stillschweigendes Wissen eine sinntragende Beziehung zwischen zwei Gliedern herstellt, können wir es in seinem ontologischen Aspekt auch mit dem Verstehen der komplexen Entität gleichsetzten, die beide Terme zusammen bilden. P. erkennt damit eine Korrespondenz zwischen der Struktur des Verstehens und der Struktur der verstandenen Entität. Aus dieser Beobachtung folgert P. die Gliederung der gesamten Welt in Wirklichkeitsschichten, die in Paaren von jeweils einer höheren und einer niedrigeren Schicht zugeordnet sind. Es ergibt sich das Bild einer hierarchischen Schichtung des Universums. Das Beispiel einer Rede dient dazu, diese Überzeugung zu illustrieren: "Fünf Ebenen sind dabei im Spiel, nämlich die Erzeugung (1) der Stimme, (2) der Wörter, (3) der Sätze, (4) eines Stils und (5) der literarischen Komposition. Jeder dieser Ebenen ist ihren eigenen Gesetzen, unterworfen, wie sie (1) von der Phonetik, (2) der Lexik, (3) der Grammatik, (4) der Stilistik und (5) von der Literaturkritik vorgegeben werden. Diese Ebenen bilden eine Hierarchie komplexer Entitäten, denn die Prinzipien, die auf eine Ebene jeweils anwendbar sind, stehen unter der Aufsicht der nächst höheren." (38) Hieran schließen sich P. Überlegungen zum Thema "Randbedingungen" an. Darunter sind diejenigen Verhaltensbeschränkungen zu verstehen, die Maschinen und Organismen den physikalischen und chemischen Gesetzen ihrer Bestandteile auferlegen. Die Existenz dieser Beschränkungen beweist, daß die Morphologie der analog zu Maschinen verstandenen lebenden Objekte die Gesetze der Physik und Chemie transzendieren (Knowing and Being 226f). Wenn Leben in diesem Sinne über Physik und Chemie hinausgeht, läßt sich annehmen, daß es weitere Prinzipien gibt, die auch über die mechanistischen Prinzipien von Lebewesen hinausgehen, so z.B. Bewußtsein und Geist. Auch innerhalb des Geistes läßt sich eine hierarchische Staffelung der Prinzipien ausmachen, gekrönt vom Prinzip Verantwortung. Die von P. durch das Konzept der Rahmenbedingungen herausgearbeitete "from-at" Struktur entspricht dabei der von-zu Struktur des stillschweigenden Wissens. Geist ist demnach die Bedeutung bestimmter subsidiärer körperlicher Mechanismen, welche verloren geht, werden die Detailmechanismen selbst fokussiert. - Rezeption: Während auf Deutsch neben dem kleinen Büchlein "Jenseits des Nihilismus" mit "Implizites Wissen" ein einziges Hauptwerk P. vollständig übersetzt worden ist und P. daran anschließend - vor allem durch Georg Hans Neuweg - lerntheoretisch rezipiert wurde, haben seine Arbeiten in Originalsprache von Anfang an reiche Wirkung in dem Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie entfaltet. Man kann von P. mit Fug und Recht behaupten, "daß er weit größeren Einfluß auf religiöse Literatur hatte als seine Wissenschaftskollegen." (McGrath) Besonders seine Gifford Lectures sind dabei zu berücksichtigen, ist es doch ihr Anliegen, die natürliche Theologie zu befördern. In diesen als PK veröffentlichten Vorlesungen stellt P. seinen "post-kritischen" philosophischen Ansatz bewußt in die Tradition der Kirchenväter und wendet sich insbesondere gegen die kritische Philosophie von Descartes, Locke und Kant. Sie führe zu einer Unterschätzung der Bedeutung des Glaubens, weil sie diesen auf Subjektivität reduziere. Dagegen muß nach P. zwischen unseren subjektiven Zuständen, in denen wir nur passiv unsere Gefühle erfahren und dem Personalen in uns, das aktiv in unsere Selbstverpflichtungen einfließt, unterschieden werden. Diese Unterscheidung etabliert das Konzept des Personalen, welches die Trennung zwischen "subjektiv" und "objektiv" transzendiert (300). P. beobachtet darüber hinaus eine Parallele zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und dem Paulinischen Erlösungsschema. In beiden Fällen besteht die Technik der Erlösung besteht darin, uns selbst in der Ausübung einer Pflicht zu verlieren, die wir akzeptieren, auch wenn sie unmöglich zu erreichen scheint - in der Hoffnung dabei von Mächten heimgesucht zu werden, die wir nicht im Rahmen unserer Fähigkeiten ausdrücken können. (324) Diese explizite Bezugnahme P. auf die kirchliche Tradition legt es nahe, die Bedeutung seiner Philosophie für den christlichen Glauben zu untersuchen, und eben dies hat eine Konferenz in Windsor/UK 1978 unternommen. Sie wurde organisiert von Thomas F. Torrance, der P. in dessen Oxforder Zeit kennen gelernt hat und zu seinem ersten Nachlaßverwalter bestimmt worden ist. In dem Dokumentationsband der Tagung knüpft Torrance an P. Kritik des Rationalismus an. "Indem er gezeigt hat, daß alles Wissen auf Glauben basiert und sich unter der Führung eines Glaubensrahmens entwickelt, hat Michael P. uns viel zu bieten, was die Erhellung der Natur und des Funktionierens von Glauben in dem Verstehen und Leben der Kirche heute angeht." (Belief 11) Die Philosophie P. durchzieht Torrances theologisches Werk (vgl. Weightman). Angesichts dieser intensiven theologischen Verarbeitung mag es verwundern, wenn ein Philosoph wie Harry Prosch der Ansicht ist, P. habe sich selbst nicht als Christ verstanden. Diese Tatsache ist 1980 Anlaß einer eigenen Debatte auf einer Konsultation der Jahrestagung der American Academy of Religion (Dallas, Texas) geworden. Sie wurde in dem Journal Zygon dokumentiert und hat weitere Diskussionen in dem Publikationsorgan der P. Society "Tradition and Discovery" gefunden. Der erste Kontrahent Proschs ist Richard Gelwick, Autor der P.-Biographie "The Way of Discovery". Die Auseinandersetzung geht zurück auf Proschs Rezension derselben, in der dieser die These aufstellt, P. habe eine scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Religion hinsichtlich ihres Wirklichkeitsbezuges vollzogen; nur in der Wissenschaft gehe es um eine unabhängig von uns existierende Wirklichkeit, während in Kunst, Mythos und Religion Wirklichkeit nur solange bestehe, wie wir sie durch einen kontinuierlichen Erschaffungsprozeß erhalten. Gelwick sieht eine solche Auffassung als verwegen an und zitiert eine Passage aus PK, in der P. zwischen dem Verfahren der Verifikation (für die Wissenschaften) und der Validation (für Mathematik, Religion und Kunst) unterscheidet, beides jedoch auf das Vorhandensein einer externen Wirklichkeit bezieht (PK 202). Der Unterschied liege demnach nicht im Wirklichkeitsbezug, sondern im Grad der persönlichen Anteilnahme. Gelwick argumentiert dabei vor dem weltanschaulichen Hintergrund eines Stufenbaus der Wirklichkeit, an dem auch P. festgehalten hat, impliziert aber weiterhin, innerhalb dieses Stufenbaus seien Kunst und Religion auf den höchsten Stufen anzusiedeln. Tatsächlich hat sich P. in Auseinandersetzung mit Tillich gegen eine Aufteilung von Naturwissenschaft und Religion auf verschiedene Bereiche eingesetzt (Science and Religion). Doch bleibt die Frage, ob P. wie Gelwick und auch Torrance die Theologie als höchste Wissenschaft in das Stufensystem eingebracht hätte, und erst recht, ob er in der Stufenhierarchie der Wirklichkeit Gott als höchstes Wesen angesiedelt hätte - oder ob sich hier ein thomistische Wirklichkeitsauffassung wieder spiegelt, die in P. Ausführungen hineininterpretiert wird. Prosch, der in seiner Gegendarstellung vorsichtshalber sein Gemeinschaftswerk mit P. außen vor läßt, unterscheidet die Wirklichkeit der Wissenschaft als einzig unabhängig von uns existierender Wirklichkeit von der Wirklichkeit von Mathematik, Kunst und Religion als nur innerhalb der jeweiligen Referenzsysteme existierende (vgl. PK 189). Die Frage, die man wiederum an Prosch stellen kann, ist, ob man im Verständnis P. Religion, Mathematik und Kunst auf ein und dieselbe Stufe stellen kann. - P. ist im Hinblick auf das Gespräch zwischen Naturwissenschaften und Theologie nicht nur auf Torrance einflußreich gewesen. Ebenso wurde er von Ian G. Barbour, Arthur Peacocke und John C. Polkinghorne rezipiert. Barbour benutzt P. neben Thomas Kuhn und anderen als Gewährsmann zur Unterstützung seines "kritischen Realismus". Tatsächlich ist es nicht falsch, hier einen Zusammenhang herzustellen, denn auch die Gedanken Kuhns sind von P. Ausführungen angeregt worden (ebd. 44). Objektivität ist demnach nicht die Abwesenheit persönlichen Urteilens, sondern, wie P. sagt, die Anwesenheit universaler Absicht. Daher seien nicht die Naturwissenschaft "objektiv" und Religion "subjektiv", sondern beide sind Teil eines Kontinuums, in dem der subjektive Anteil in der Forschung nur graduell variiert. Kritisch muß allerdings angemerkt werden, daß Barbours Verständnis des Personalen nicht an die den Subjekt-/Objekt-Gegensatz überwindende Bedeutung, die es bei P. gewonnen hat, heranreicht. In seinen späteren Gifford Lectures rezipiert Barbour P. in Bezug auf dessen Konzept der Randbedingungen und stellt dieses ganz zu recht in einen Zusammenhang mit Donald T. Campbells Konzept der top-down causation. Tatsächlich versteht Campbell seine Ausführungen als "reduktionistische Übersetzung" der Gedanken P. - John Polkinghorne rezipiert in seinen ersten Büchern nur PK, und so liegt sein Rezeptionsschwerpunkt denn auch in dem Prinzip des fides quaerens intellectum. In dieser Aufnahme P. liegt Polkinghorne nah an Torrance. Von Barbour übernimmt Polkinghorne das Konzept des Kritischen Realismus und benutzt innerhalb dessen ebenfalls P., um ein Kontinuum der Wissenschaften auszudrücken, in dem nur der Grad der personalen Partizipation variiert. "Der Glaube, daß Wissenschaft und Theologie nahe verwandt sind, bestärkt das theologische Interesse an der Wissenschaftsphilosophie. Es wird offensichtlich sein, daß ich merklich von den Werken Michael P. beeinflußt bin. Ich empfinde seine Darstellung dessen, was Wissenschaftler tun als eine solche, wie sie auch von einem praktizierenden Wissenschaftler anerkannt werden kann." (Science and Christian Belief 47). In dieser Bedeutung rückt P. damit zunehmend ins Zentrum von Polkinghornes Verständnis des kritischen Realismus. Es ist allerdings zu fragen, ob der Verweis auf P. "post-kritische" Philosophie als Gewährsmann eines "kritischen Realismus" glücklich ist. Unzweifelhaft war P. "Realist", aber in welchem näher zu bestimmenden Sinne? - Anders als Polkinghorne rezipiert bereits Peacockes "Science and The Christian Experiment" P. in ziemlicher Breite. Peacocke meint, in P. Konzept der Randbedingungen einen Fürsprecher für das Konzept der Emergenz gefunden zu haben. Die Postulierung eines phylogenetischen Feldes, welche die Prozesse der Evolution regiere, wird von Peacocke allerdings zurückhaltend aufgenommen. Obwohl P. von Peacocke im weiteren Werk immer weniger referenziert wird, bleibt der grundlegende Einfluß auf sein Denken doch erhalten. Nach einer zunächst kritischen Auseinandersetzung mit P. Konzept der Randbedingungen erfolgt eine positive Wiederaufnahme desselbigen vermittelt durch Campbells Konzept der downward causation in "Theology for a Scientific Age" (53-57). - Daß seiner Hinwendung zur Philosophie über 200 naturwissenschaftliche Publikationen und eine beachtliche Laufbahn als Naturwissenschaftler vorausgingen, ist der Beachtung von P. philosophischen Gedanken innerhalb der Gemeinschaft der Naturwissenschaftler sicherlich zuträglich gewesen. Als Philosoph ist er zeitlebens isoliert geblieben. Zeitgenössische Philosophen werden von ihm so spärlich verwandt, daß er treffend als "hoch begabter Amateur" charakterisiert worden ist (Toulmin 212). Die eindringliche Art und Weise, in der er seine Gedanken vortrug, hat ihn zur Zielscheibe der Kritik gemacht. Eugene Wigner hat dies mit den Worten umschrieben: "Erfolgreiche Wissenschaftler dürften zehn oder zwanzig Jahre auf ihren Ritterschlag warten müssen; Propheten müssen in der Regel noch eine ganze Weile länger darauf warten." (434f)

Werke: A Békeszerzökhöz, Budapest 1917; Atomic Reactions, London 1932; U.S.S.R. Economics, Manchester 1936; General Physics (gemeinsam mit P. Debye, F. Simon, M. Wiersma, C.V. Raman und B. van der Pol), Paris 1938; The Contempt of Freedom, London 1940; Full Employment and Free Trade, London 1945; Science, Faith and Society [SFS], London 1946 (span. Madrid 1961; mit neuer Einführung Chicago 1964); The Logic of Liberty, Chicago 1951; Personal Knowledge [PK], Chicago 1958 (mit neuem Vorwort 1964); The Study of Man, Chicago 1959 (span. Buenos Aires 1966); Beyond Nihilism, London 1960 (dt. Dordrecht 1961); The Tacit Dimension [TD], Garden City 1966 (dt. Frankfurt a.M. 1985); Knowing and Being, Essays by Michael Polanyi: hrsg. von Marjorie Grene, Chicago 1969; Scientific Thought and Social Reality, Essays by Michael Polanyi: hrsg. von Fred Schwartz, New York 1974, Meaning (gemeinsam mit Harry Prosch), Chicago 1977; Society, economics & philosophy, selected papers by Michael Polanyi: hrsg. von Richard Allen, New Brunswick 1997.

Wissenschaftstheoretische Aufsätze und Artikel, die nicht in den aufgeführten Werken wiedergegeben sind: "The Value of the Inexact", in: Philosophy of Science 3 (April 1936), 233-34; "Cultural Significance of Science", in: Nature 147 (25. Januar 1941), 119; "The Revaluation of Science", in: The Manchester Guardian (7. November 1942), 6; "Jewish Problems", in: The Political Quarterly 14 (Januar-März 1943), 33-45; "Research and Planning", in: Nature 152 (21. August 1943), 217-18; "Science - its Reality and Freedom", in: The Nineteenth Century 135 (Februar 1944), 78-83; "Science and the Decline of Freedom", in: The Listener (1. Juni 1944), 599; "The Value of Pure Science", in: Time and Tide 26 (15. Dezember 1945), 1954-55; "Can Science bring Peace?", in: The Listener (25. April 1946), 531-32; "Rededication of Science in Germany", in: Nature 158 (13. Juli 1946), 66; "Policy of Atomic Science", in: Time and Tide 27 (10. August 1946), 749; "The Foundations of Freedom in Science", in: The Bulletin of the Atomic Scientists 2 (1. Dezember 1946), 6-7; "Science: Observation and Belief", in. Humanitas 1 (Februar 1947), 10-15, "Organization of Universities, I", in: Time and Tide 28 (19. Juli 1947), 777; "Organization of Universities, II", in: Time and Tide 28 (26. Juli 1947), 802-03; "Humanitas", in: Humanitas 2 (Herbst 1947), 1; "Science: Academic and Industrial", in: Universities Quarterly 2 (November 1947), 71-76; "The Universities Today", in: The Adelphi 24 (Januar-März 1948), 98-101; "The Free Society", in: Time and Tide 29 (13. März 1948), 265-66; "The Place of Universities in the Community", in: The Advancement of Science 5 (April 1948), 13-14; "The Authority of the Free Society", in: The Nineteenth Century 146 (Dezember 1949), 347-60; "Der Glaube an die Wissenschaft", in: Physikalische Blätter 6 (Oktober 1950), 337-49; "Die Freiheit der Wissenschaft", in: Physikalische Blätter 7 (1951), 97-102; "Science and Faith", in: Question 5 (Winter 1952), 15-36; "Social Illusions", in: Christian News-Letter (April 1953), 77-82; "Protests and Problems", in: Time and Tide 34 (Juli 1953), 984-85; "On Liberalism and Liberty", in: Encounter 4 (März 1955), 29-34; "This Age of Discovery", in: The Twentieth Century 159 (März 1956), 227-34; "Passions and Controversy in Science", in: The Lancet 270 (16.Juni 1956), 921-25; "Ethics and the Scientist", in: The Bulletin of the Institute of Physics (Juli 1956), 1-21; "The Next Stage of History", in: A Special Supplement to the Bulletin of the Committee on Science and Freedom (November 1956), 21-24; "Clues to an Understanding of Mind and Body", in: The Scientist Speculates: hrsg. von I.J. Good (New York 1962), 71-78; "Science and Religion: Separate Dimensions or Common Ground?", in: Philosophy Today 7 (Frühjahr 1963), 4-14; Comments on Thomas S. Kuhn's "The Function of Dogma in Scientific Research", in: Scientific Change: hrsg. von A.C. Crombie (New York 1963), 375-80; "The Feelings of Machines", in: Encounter 22 (Januar 1964), 85-86; "Science and Man's Place in the Universe", in: Science as a Cultural Force: hrsg. von Harry Wolf (Baltimore 1964), 54-76; "The Creative Imagination", in: Chemical Engineering News 44 (25.April 1966), 85-93); "Polanyi's Logic", in: Encounter 27 (September 1966), 92; "Life Transcending Physics and Chemistry", in: Chemical and Engineering News 45 (August 1967), 54-66; "Science and Reality", in: The British Journal for the Philosophy of Science 18 (November 1967), 177-96; "Wider die Skepsis des modernen Denkens", in: Gehört Gelesen (Januar 1968), 28-40; "Logic and Psychology", in: "The American Psychologist" 23 (Januar 1968), 27-43; "On Body and Mind", in: The New Scholasticism, 43 (Frühjahr 1969), 195-204; "Transcendence and Self-Transcendence", in: Soundings 53 (Frühjahr 1970), 88-94; "What is a painting?", in: The British Journal of Aesthetics 10 (Juli 1970), 225-36; "Science and Man", in: Proceedings of the Royal Society of Medicine 63 (September 1970), 969-76; "Genius in Science", in: Encounter 38 (Januar 1972), 43-50; Eine vollständige Bibliographie auch der naturwissenschaftlichen Aufsätze und Rezensionen bietet Scott/Moleski, Michael Polanyi, 327ff.

Lit.: Stephen Toulmin, "Review of personal Knowledge by Michael Polanyi", in: Universities Quarterly 13 (Februar 1959), 212-16; - The Logic of Personal Knowledge: Essays presented to Michael Polanyi on his Seventieth Birthday, London 1961; - Thomas Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962; - William T. Scott, Polanyi's theory of personal knowledge: a Gestalt philosophy, The Massachusetts Review 3 (Winter 1962), 349-68; - Thomas A. Langford / William H. Poteat (Hrsg.), Intellect and Hope. Essays in the Thought of Michael Polanyi, Durham 1968; - M.A. Jeeves, The Scientific Enterprise and Christian Faith, London 1969; - John V. Apczynski, Doers of the word: toward a foundational theology based on the thought of Michael Polanyi, Missoula 1971; - Donald T. Campbell, ‚"Downward causation" in hierarchically organised systems', in: Francisco José Ayala (Hrsg.), Studies in the philosophy of biology: reduction and related problems, Berkeley 1974; - Richard Gelwick, The Way of Discovery. An introduction to the thought of Michael Polanyi, New York 1977; - Eugene P. Wigner / Robin A. Hodgkin, "Michael Polanyi 1891-1976, Elected F.R.S. 1944", in: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, Vol. 23 London 1977, 413-438; - Robert E. Innis, In Memoriam Michael Polanyi, Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 8 (1977), 21-29; - Harry Prosch, "The Way of Discovery: An Introduction to the Thought of Michael Polanyi. By Richard Gelwick", in: Ethics 89 (Januar 1979), 211-16; - Thomas F. Torrance (Hrsg.), Belief in Science and Christian Life. The relevance of Michael Polanyi's Thought for Christian Faith and Life, Edinburgh 1980; - Arthur Peacocke, Science and the Christian Experiment, Stocksfield 1981; - Science and Religion in the Thought of Michael Polanyi, Zygon Journal of Religion and Science, vol. 17 no.1 (März 1982); - Jeffrey Kane, Beyond empiricism: Michael Polanyi reconsidered, New York 1984; - Drusilla Scott. Everyman Revived: The Common Sense of Michael Polanyi, Lewes 1985; - Alexander Thomson, Tradition and authority in science and theology: with reference to the thought of Michael Polanyi, Edinburgh 1985; - Harry Prosch, Michael Polanyi: a critical exposition, Albany New York 1986; - Thomas F. Torrance, "Letter to the Editor: Answer to Prosch on Polanyi's convictions about God", in: Tradition and Discovery. The Polanyi Society Periodical, vol. 14 no.1 (1986-87), 30; - Harry Prosch, "Postscript To Meaning: Prosch Replies To T.F. Torrance", in: Tradition and Discovery. The Polanyi Society Periodical, vol.15 no.1 (1987-88), 24-25; - Howard Kirschenbaum / Valerie Land Henderson (Hrsg.), Carl Rogers: Dialogues. Conversations with Martin Buber, Paul Tillich, B. F. Skinner, Gregory Bateson, Michael Polanyi, Rollo May, and others, Boston 1989; - Richard T. Allen, Thinkers of our time: Polanyi, London 1990; - Richard T. Allen, Transcendence and immanence in the philosophy of Michael Polanyi and Christian Theism, Lewiston 1992; - Renate Breithecker-Amend, Wissenschaftsentwicklung und Erkenntnisfortschritt: zum Erklärungspotential der Wissenschaftssoziologie von Robert K. Merton, Michael Polanyi und Derek de Solla Price, Münster 1992; - Arthur Peacocke, Theology for a scientific Age. Being and Becoming - Natural, Divine, and Human, Minneapolis 1993; - Joan Crewdson, Christian doctrine in the light of Michael Polanyi's theory of personal knowledge: a personalist theology, Lewiston 1994; - John C. Polkinghorne, Science and Christian Belief , London 1994; - Colin Weightman, Theology in a Polanyian Universe. The Theology of Thomas Torrance, New York 1994; - Richard T. Allen, Beyond liberalism: the political thought of F. A. Hayek and Michael Polanyi, New Brunswick 1998; - Albert Bagood, The role of belief in scientific discovery: Michael Polanyi and Karl Popper, Freiburg 1998; - Peter Christopher Goodman, Beyond objectivism and subjectivism: the post-critical philosophy of Michael Polanyi, Sheffield 1999; - Georg Hans Neuweg, Könnerschaft und implizites Wissen, Münster 1999; - Jerry H. Gill, The Tacit Mode. Michael Polanyi's Postmodern Philosophy, Albany 2000; - Martin X. Moleski, Personal Catholicism: the theological epistemologies of John Henry Newman and Michael Polanyi, Washington D.C. 2000; - Thomas F. Torrance, "Michael Polanyi and the Christian Faith - A Personal Report", in: Tradition and Discovery. The Polanyi Society Periodical, vol. 27, no.2 (2000-2001), 26-32; - Alister E. McGrath, Naturwissenschaft und Religion. Eine Einführung, Freiburg im Breisgau 2001, 104-107; - Mikhael Dua, Tacit Knowing: Michael Polanyi's exposition of scientific knowledge, München 2003; - Struan Jacobs / Richard T. Allen (Hrsg.), Emotion, reason and tradition: essays on the social, political and economic thought of Michael Polanyi, Aldershot 2005; - William T. Scott / Martin X. Moleski, Michael Polanyi. Scientist and Philosopher, Oxford 2005.

Andreas Losch

Literaturergänzung:

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Letzte Änderung: 28.05.2009