POTHMANN, Alfred, Katholischer Priester, Studiendirektor, Prälat, Essener Domkustos und Gründungsdirektor des Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen, Dr. theol. h.c. designatus. * 25.4. 1930 Duisburg-Hamborn, † 22.6. 2002 Duisburg-Huckingen. Alfred Pothmann wurde als erstes Kind der Eheleute Clemens Pothmann (1895-1964) und seiner Frau Cäcilia geborene Helf (1905-1994) am 25. April 1930 in Duisburg-Hamborn geboren. Sein Vater war als Chemiker Leiter der Kokerei in Duisburg-Neumühl; seine jüngeren Geschwister Brunhilde († 1931) und Hermann-Josef (1931-1937) starben bereits im Kindesalter. Seine Jugend in einem katholischen Elternhaus stand unter den Vorzeichen der sich ab dem Jahre 1933 etablierenden nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. So gehörte Alfred Pothmann schon im Alter von 11 Jahren auch zu den zahlreichen Duisburger Schülerinnen und Schülern, die angesichts der alliierten Bombenangriffe auf die Städte des Industriegebietes an der Ruhr ab 1941 mit der "Kinderlandverschickung" unter der Aufsicht des nationalsozialistischen Staates in ruhige und ländliche Gebiete außerhalb der Reichweite von Luftangriffen verbracht wurden. Er kam vorübergehend in den Ort Luhacovice, der sog. "Perle Mährens", damals im Protektorat Böhmen-Mähren, heute in der Tschechischen Republik, wurde aber schon bald von seiner Mutter in das vom Luftkrieg verschonte Bettinghausen bei Soest zurückgeholt, so daß er zunächst das Gymnasium in Eickelborn besuchen konnte. Nach der kriegsbedingten Schließung dieser Schule arbeitete Pothmann vorübergehend auf einem Bauernhof, bis seine Mutter nach Duisburg zurückkehrte und er seine fast 15-jährige Schulzeit auf dem Leibnitz-Gymnasium mit dem Abitur (7.3. 1951) abschließen konnte. - Geprägt durch sein katholisches Elternhaus, die Kriegszeit und das starke "Katholische Milieu" der Nachkriegszeit entschloß sich der 21-jährige Pothmann Theologie zu studieren und wechselte ins Münsterer Theologenkonvikt Borromäum. Die sog. Freisemester verbrachte er an der rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn und begann auch schon Geschichte und Kunstgeschichte zu studieren. Mit 42 Konsemestern wurde Alfred Pothmann am 15. März 1957 in Münster von Bischof Michael Keller (1947-1961) zum Priester geweiht. - Aus dem Ruhrgebiet stammend erhielt er auch seine erste Kaplansstelle am 5. April 1957 im damaligen Münsterer Dekanat Buer-Süd in der typischen Industriepfarrei St. Ludgerus in Gelsenkirchen- Buer. In das am 1.1. 1958 neu gegründete Ruhrbistum Essen inkardiniert, wurde Pothmann am 15. Dezember 1958 in die Industriepfarrei St. Joseph in Oberhausen-Osterfeld versetzt, wo er sich erste Verdienste durch die künstlerische Umgestaltung der Innenaustattung der Kirche im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) erwarb. Noch in der Kirchenzeitung des Bistums Münster "Kirche und Leben" verfaßte er 1958/59 die ersten acht Artikel zu den Hauptthemen der Essener Bistumsgeschichte, mit denen er sich dann sein Leben lang beschäftigen sollte. Er schloß diese Zeit der praktischen Pfarrseelsorge mit einem ersten Charakterbild des Essener Stiftsgründers Bischof Altfrid von Hildesheim († 874) in dem Sammelband "Das erste Jahrtausend. Kunst und Kultur im werdenden Abendland an Rhein und Ruhr" (1964) ab. - Am 6. April 1964 wechselte Pothmann als hauptberuflicher Religionslehrer ans Theodor-Heuss-Gymnasium in Duisburg-Meiderich über sowie nebenberuflich vorübergehend noch an zwei Duisburger Mädchengymnasien. Schon 1962 zum Geistlichen Beirat der Katholisch-Kaufmännischen Vereinigung (KKV) in Duisburg bestellt, wurde er am 11. März 1965 zum nebenberuflichen Seelsorger (Subsidiar) an die Kirche Maria Königin in Duisburg-Meiderich-Ratingsee ernannt; beide priesterlichen Aufgaben hat er mit großem Engagement und hohem Ansehen bis in die letzten Wochen seines Lebens ausüben können. Nach einem Ergänzungsstudium der Geschichte (5.12. 1967) avancierte er schnell im Schuldienst, wurde u.a. schon am 1. Juni 1970 Fachleiter für Katholischen Religion am Staatlichen Studienseminar Duisburg und am 27. Oktober 1974 zum Studiendirektor ernannt. So prägte er eine ganze Generation von jungen so genannten Religionsphilologen für den Schuldienst. Im "Schulmanagement" übernahm Pothmann weitere Aufgaben im Staatlichen Prüfungsamt (1977), in der Lehrbuchkommission des Landes NRW (1978) und im katechetischen Rat des Bistums Essen, so daß eigentlich eine Gymnasialleiterstelle nahe gelegen hätte. - Doch ein Anruf des ersten Essener Ruhrbischofs und späteren Kardinals (1988) Franz Hengsbach (1958-1991) im Jahr 1973, der ihn in die Vorbereitung des Altfridjahres 1974 berief, sollte die bedeutendste Schaffensperiode im bistumsgeschichtlichen Wirken seines Lebens einleiten. Beginnend mit dem Sammelband "Bischof Altfrid - Leben und Werk" (1974) und den Feiern für den Münsterer Bischof und Gründer der Benediktinerabtei (Essen-)Werden (1975) übernahm Pothmann immer mehr Aufgaben nebenberuflich für die Essener Bistumsgeschichte. Dazu ermöglichte dann eine Stiftungsinitiative der Alfred-Krupp-Stiftung am 26. März 1976 dem Essener Bischof Hengsbach die Errichtung des "Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen" als unselbständige, kirchliche und gemeinnützige, wissenschaftliche Einrichtung zur kirchengeschichtlichen Forschung im Ruhrgebiet sowie besonders im Bistum Essen. Noch "auf der Rückfahrt im Auto" bzw. offiziell am 1. Mai 1976 wurde Alfred Pothmann zum ehrenamtlichen Direktor des Instituts ernannt. Bis 1988 noch voll im Schuldienst und ohne die Möglichkeit auf Vorhandenes zurückzugreifen, nur von ehrenamtlichen Vorstands-, Kuratoriums- und Beiratsmitgliedern begleitet sowie erst ab 1994 durch eine Teilzeit-Mitarbeiterin unterstützt, hat Alfred Pothmann als Gründungsdirektor in den folgenden 25 Jahren das Institut vorbildlich auf- und ausgebaut. Neben den eigenen wissenschaflichen Beiträgen und der Beteiligung an einem Dutzend von Ausstellungen konnte Pothmann beim 25-jährigen Jubiläum des Instituts (28.3. 2001) auf vier Veröffentlichungsreihen mit insge-samt 20 Publikationen verweisen. - Aus den engen Kontakten und dem Vertrauensverhältnis mit Bischof Hengsbach wuchs Pothmann mit seiner einschlägigen kunstgeschichtlichen Kompetenz nach dem Tod von Prälat Prof. Dr. Leonhard Küppers († 2.6. 1985) am 21. August 1985 die Aufgabe des Kustos der Domschatzkammer der Essener Münsterkirche als neue Hauptaufgabe zu. Schwerpunkte der vielfältigen Arbeiten als Domkustos, in denen Pothmanns besonderes Talent zu lebendigen und jeweils einmaligen Führungen hervortrat und dieses allen Teilnehmern in lebendiger Erinnerung bleiben wird, waren natürlich die Goldene Madonna, die Handschriften und das Zeremonialschwert der Essener Domschatzkammer, zu denen er selbst auch mehrere und grundlegende Veröffentlichungen vorlegte. Noch im gleichen Jahr (21.8. 1985) wurde Pothmann auch Direktor des von Ruhrbischof Hengsbach gegründeten (5.4. 1979) und im Aufbau befindlichen Essener Diözesanmuseums, dessen Bestände Pothmann eifrig vermehrte und bemüht war, sie aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Ebenfalls 1985 übernahm er den Vorsitz (bis 1996) des Vereins für christliche Kunst des Bistums Essen und ab 1986 leitete er als Vorstandsmitglied die Redaktion des Mitteilungsblattes des Vereins für die Erhaltung des Essener Münsters (Münsterbauverein e.V.) bis zu seinem Tod. - Diese vielfältigen und verdienstvollen Arbeiten für Domschatz und Münsterkirche wurden schon am 28. Oktober 1985 mit der Ernennung zum Ehrendomherrn im Essener Domkapitel ausgezeichnet, so daß Alfred Pothmann seine letzte Ruhestätte im Innenhof des Kreuzganges der Essener Münsterkirche auf dem Kapitelsfriedhof fand, ganz nahe an seinen Wirkungsstätten Domschatzkammer, Münsterkirche und Institut. Für die profilierten, pionierhaften und vielfältigen Aufbauarbeiten seiner ersten 15 Jahre ehrte Bischof Kardinal Franz Hengsbach "seinen" Domkustos am 6. Juni 1990 mit der Verleihung des Titel eines päpstlichen Ehrenprälaten. Eine sehr schwere und zugleich die letzte große Herausforderung war für ihn die große Renovierung "seiner" Schatzkammer gewesen, die dann pünktlich zur Eröffnung des Essener Jubiläumsjahres 1150 Jahre Stift und Stadt Essen am 5. Februar 2002 noch von ihm mit breiter öffentlicher Resonanz wieder eröffnet wurde. Ebenfalls mit dem zweiten Ruhrbischof Dr. Hubert Luthe (1991-2002), der sich schon anläßlich von Pothmanns 70. Geburtstag für eine akademische Ehrung ausgesprochen hatte, pflegte der Domkustos Pothmann ein gutes persönliches Verhältnis, konnte aber dann bei der Überreichung der Festgabe des Institutes zum 75. Geburtstag des Bischofs, des 2. Bandes Christen an der Ruhr (2002), am 22. Mai 2002 krankheitsbedingt schon nicht mehr persönlich anwesend sein. Da die nach der Neueröffnung der Domschatzkammer erkannte schwere Erkrankung sich für Pothmann als unheilbar erwies, wurde er auf eigenen Wunsch in das Hospitz St. Raphael in Duisburg-Huckingen verlegt. Dort erreichte ihn noch bei vollem Bewußtsein die Nachricht, daß der Fachbereich Katholische Theologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter seinem Dekan Prof. Dr. Johannes Meier am 5. Juni 2002 einmütig beschlossen hatte, Pothmann für sein Lebenswerk, seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Christlichen Kunstgeschichte und der Kirchengeschichte sowie für seine Verdienst um das historische Selbstbewußtsein der Kirche an der Ruhr in der Aufbauarbeit der Domschatzkammer und des Instituts den akademischen Grad eines Doktors der Theologie ehrenhalber (Dr. theol. h.c.) anzutragen. Da die Verleihung dazu erst für den 20. November vorgesehen war, verstarb Alfred Pothmann am 22. Juni 2002 in christlicher Erwartung (1. Kor 11, 26) als "Doctor Theologie honoris causa designatus" (Dr. theol. h.c. des.). Der Diözesanadministrator Weihbischof Dr. Franz Grave bekannte in seiner Traueransprache, daß er mit Alfred Pothmann einen Priester erlebt habe, "der in seinem Sterben seine überzeugendste Predigt vom Leben gehalten hat". Besonders in dem von ihm als Gründungsdirektor geleiteten Institut für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen soll die Erinnerung an Alfred Pothmann wach gehalten werden.
Lit.: Reimund Haas (Hrsg.), Bewahren und Erinnern. Kirchenschätze und Kirchengeschichte. Domschatzkammer und Institut. Ansprachen und Beiträge zum 70. Geburtstag von Alfred Pothmann, (Institut für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen, Beiträge und Miscellen), Essen 2000, darin: Felix W. Heinrichs, Veröffentlichungsverzeichnis, 35-42; - Johannes Hilger, Alfred Pothmann wird 70, in: KKV-Forum Neue Mitte 2000, Heft 2, 23; - H. Dieter Hoffmann, Prälat Alfred Pothmann 70 Jahre, in: Einig und Treu. Nachrichtenblatt der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Alania Bonn im CV 1999-2000-2001, Emmerich 2001, 56-63 (mit Auswahlbibliographie); - Katrinette Bodarwé - Thomas Schilp, Herrschaft, Liturgie und Raum. Studien zur mittelalterlichen Geschichte des Frauenstiftes Essen, (Essener Forschungen zum Frauenstift, Bd. 1, Essen 2002, 4: In Memoriam; - Reimund Haas, Nekrolog Alfred Pothmann, in: Das Münster 55 (2002), 277; - Ders., Domkustos Prälat Dr. theol. h.c. des. Alfred Pothmann (1930-2002), in: Das Münster am Hellweg 55 (2002), 5-17; - Alfred Pothmann. Hüter und Bewahrer - Forscher und Erzähler. Gedenkschrift (S. 6 mit Nachtragsbibliographie), hrsg. Reimund Haas und Gabriele Beudel, Essen 2003, ISBN 3-00-012328-8 [= Das Münster am Hellweg 56 (2003)]; - H. Dieter Hoffmann, Dr. theol. h.c. des. Alfred Pothmann. Domkustos, Ehrenprälat, Ehrendomherr, in: Einig und Treu. Nachrichtenblatt der ... Alania Bonn im CV 2002-2003, H 3, Emmerich 2003, 79-81.