QUASTEN, Johannes, Patrologe, * 3.5. 1900 Homberg/Niederrhein, † 10.3. 1987 Freiburg i. Br. - Nach dem Abitur am Adolfinum in Moers studierte Q. seit 1921 kath. Theologie an der Univ. zu Münster und wurde am 27.2. 1926 in Münster zum Priester geweiht; nach kurzer Seelsorgstätigkeit als Kaplan in Recklinghausen und Freckenhorst zum Weiterstudium freigestellt. 1927 (14.11.) promovierte der musisch begabte Q. mit einer Arbeit über »Musik u. Gesang in den Kulten der heidnischen Antike u. christlichen Frühzeit« (= LQF 25, Münster 1930, 21973; engl.: Music and worship in pagan and Christian antiquity, Washington D.C. 1983) bei F. J. Dölger (s.d.), der in Münster den Lehrstuhl für Religionswissenschaft innehatte. Weitere Studien führten Q. 1927-1929 nach Rom an das Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana (zugleich Kaplan am Campo Santo Teutonico) und als Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft an das dortige Deutsche Archäologische Institut; die Görres-Gesellschaft ermöglichte ihm die Teilnahme an internationalen Grabungen. 1931 habilitierte er sich in Münster bei Adolf Rücker (1880-1948) mit der Schrift »Poimen Soter. Der Gute Hirte in frühchristlicher Totenliturgie und Grabeskunst« (Teilveröffentlichungen u.a. in »Pisciculi«, der Festschrift zum 60. Geburtstag seines Doktorvaters [1940] und in Bd. 1 der Miscellanea G. Mercati [1946]) für Geschichte des kirchlichen Altertums, Liturgiegeschichte und religiöse Volkskunde (Antrittsvorlesung 27.2. 1931). Während seiner Zeit als Privatdozent erwarb sich Q. bereits Verdienste durch die Herausgabe der »Monumenta eucharistica et liturgica vetustissima« (= Florilegium Patristicum 7,1/7, Bonn 1935/37). Aufgrund von Verleumdungen entzogen ihm die Nationalsozialisten 1937 (13.8.) Assistentenstelle (die er seit 15.11. 1935 innehatte) und venia legendi (14.9.) aus politischen Gründen. Q. ging daraufhin zu weiteren Studien nach Rom; durch seinen Bischof Clemens August von Galen empfohlen, verwiesen die Kardinäle Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) und Mercati Q. an den Rektor der Catholic University of America (Washington D.C.), der ihm zum 1.10. 1938 eine (außerordentliche, 1941 ordentliche) Professur für Alte KG, Patrologie u. Christliche Archäologie anbot, die Q. aufgrund der aussichtslosen Lage in der Heimat annahm. - In Washington entfaltete Q. in einer über 30jährigen Universitätskarriere eine fruchtbare Tätigkeit. Das Forschungsprogramm »Antike und Christentum« (vgl. G. Schöllgen, F. J. Dölger und die Entstehung seines Forschungsprogramms »Antike und Christentum«, in: JbAC 36 [1993] 7-23; E. Dassmann [Hrsg.], Das Reallexikon für Antike und Christentum und das F.J. Dölger-Institut in Bonn, Stuttgart 1994, bes. 1f.) seines Lehrers Dölger, der Q. als seinen »wahren Erben« bezeichnet haben soll, exportierte er in die USA: Generationen von Studenten interessierte er für den Auseinandersetzungsprozeß des missionierenden Christentums mit der antik-heidnischen Kultur. Dem diente auch die Gründung wissenschaftlicher Reihen, etwa der »Studies in Christian Antiquity« (1941) oder der »Ancient Christian Writers« (1946; bis 1970 38 Bde.), einer international angesehenen Übersetzungsreihe antiker christlicher Literatur. Aus der praktischen Lehrtätigkeit heraus empfand er die Notwendigkeit zur Herausgabe eines Handbuchs, das sowohl die theologische und dogmengeschichtliche Entwicklung aufzeigen als auch Einblicke in Arbeit und Schriften der Väter geben sollte: 1950 erschien der erste Band seiner auf fünf Bände angelegten »Patrology« (Bd. II: 1953, Bd. III: 1960), die im englischsprachigen Raum zu einem Standardwerk wurde und bereits parallel in frz. (Initiation aux Pères de l'Église, 1955.1957.1962), seit 1961 in span. (21968 in 2 Bdn.) und seit 1967 in it. (21980 in 2 Bdn.) erschien. Daneben fand er Zeit zur Mitwirkung an namhaften Lexika (LThK, LThK2, RGG3, NCE). - Schnell hatte sich Q. nicht nur in die amerikanischen Verhältnisse eingelebt, wobei ihm fachlich die in Washington gebotenen, äußerst günstigen Arbeitsbedingungen sehr zustatten kamen, sondern beeindruckte aufgrund seines persönlichen Auftretens auch Studenten und Kollegen. Seine fachliche Kompetenz fand vielfache Anerkennung: Von 1945/49 war Q. Dekan der theol. Fakultät, seit 1949 Senator der Univ.; 1960 verlieh ihm der amerikanische Episkopat den Cardinal Spellman Award of the Catholic Theological Association of America für seine Verdienste auf dem Gebiet der Theologie; Papst Johannes XXIII. berief ihn 1960 zum Mitglied der Pontificia Commissio de sacra Liturgia praeparatoria Concilii Vaticani II und Papst Paul VI. ernannte ihn 1964 zum Consultor Consilii ad exsequendam Constitutionem de sacra Liturgia. Außerdem war er Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Kommissionen: 1948 Korrespondierendes Mitglied des Abt-Herwegen-Instituts für Liturgiewissenschaftliche Forschung (Maria Laach), 1951 Mitglied der Gründungskommission der Patristic Conference Oxford University, 1963 Mitglied der Oxford Historical Society u.a.m. - Versuche, Q. nach dem II. Weltkrieg als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht auf einen Lehrstuhl an einer dt. kath.-theol. Fakultät (in Münster war er 1950 für den Lehrstuhl für Alte KG, 1955 für den Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Patristik im Gespräch, in Bonn und Trier für Alte KG und Patrologie) zu holen, scheiterten zuletzt (1962) aus Altersgründen. Nach seiner Emeritierung in Washington wurde Q. 1970 zum Honorarprofessor an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Freiburg i. Br. ernannt. In Freiburg nahm er auch seinen Alterswohnsitz; hier wurde er, als er nach langer, schwerer Krankheit starb, am 16.3. 1987 auf dem Bergäckerfriedhof begraben. Q.s Worte über den Kirchenvater Origenes münzt K. S. Frank in seinem Nachruf auf Q. selbst: »Er war ein hervorragender Lehrer und Gelehrter der Alten Kirche, ein Mann von edlem Charakter und umfassendem Wissen und dazu wirklich ein Mann der Kirche.«
Werke: Sein auf fünf Bände berechnetes Hauptwerk Patrology, 3 Bde., Utrecht/Brüssel bzw. Antwerpen/Westminster, Md. (mehrere Aufl. u. Nachdrucke), blieb unvollendet bzw. wurde vom Institutum Patristicum Augustinianum (Rom) fortgeführt (it. Bd. III 1978 = span. Bd. III 1981 = engl. Bd. IV 1986, frz. Bd. IV 1987; it. Bd. IV 1996); zum weiteren Schrifttum vgl. die Bibliographie in: Kyriakon. FS J.Q., hrsg. v. Patrick Granfield/Josef A. Jungmann, 2 Bde., Münster 1970, II, 924-938 (P. Granfield). Nach 1970 war Q. nicht mehr wissenschaftlich tätig; es erschienen wohl noch Übersetzungen oder Neuauflagen früherer Werke.
Lit.: Kosch, KD 3742 f.; - Walter J. Burghardt, J. Q. as Teacher, Scholar, and Friend, in: Kyriakon II, 915 f.; - Patrick Granfield, J. Q. A Biographical Essay, in: ebd., 921-923; - Eduard Hegel, Geschichte der Kath.-Theol. Fakultät Münster 1773-1964, 2 Bde. = MBTh 30,1/2, 1966. 1971, bes. II, 118-120 (Kurzbiogr. u. Bibliographie) u. ö. (s. Reg.); - Karl Suso Frank, J. Q. zum Gedenken, in: Freiburger Universitätsblätter 97, Nov. 1987; - Karl Hausberger, Nachruf, in: RHE 82 (1987) 348 f.; - Cath XII (1990) 346 f. (A.-G. Hamman); - Encyclopedia of Early Christianity II (21997) 969 f. (Th. Halton); - LThK3 VIII (im Druck).