QUESNAY, François, französischer Arzt und Wirtschaftstheoretiker, * 4. Juni 1694 in Méré (Ile de France), + 16. Dezember 1774 in Versailles. - Gebürtig aus einer Bauernfamilie bildete sich Q. autodidaktisch weiter, sein Studium finanzierte er mit dem Stechen anatomischer Tafeln. 1718 erlangte er den Titel eines Chirurgen. Sein hervorragender Ruf ließ ihn ab 1734 Karriere als Vertrauensarzt der Aristokratie machen. 1749 wurde er Leibarzt der Marquise de Pompadour und Ludwigs XV. In wissenschaftlichen Kreisen kannte man Q. zunächst als Kämpfer für die verkannten Rechte der Chirurgen gegenüber den Medizinern - 1744 erwarb er zudem den Titel eines Doktors der Medizin. 1751 schrieb Q. seine letzte medizinische Abhandlung; der Sechzigjährige zeigte aber zunehmend Interesse an philosophisch-politischen Fragen. Wohl ab 1754 arbeitete er an der von Diderot und d'Alembert herausgegebenen »Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers« (35 Bde., Paris u.a. 1751-1780) mit. 1756 erschien ohne Hinweis auf die Verfasserschaft der Artikel »Evidence«, geschrieben aus der Tradition cartesianischen Denkens und der Psychologie von Malebranche. Die erste Veröffentlichung zu Fragen der Wirtschaft findet sich in den Artikeln »Fermiers« und »Grains«. 1758 sprach Q. in einem Brief davon, daß er mit Hilfe eines Zirkulationsmechanismus fähig sei, die Wirtschaft neu zu begründen. Ab 1759 wurden Abzüge des ersten »Tableau économique« unter Freunden bekannt. Das mehrfach veränderte Modell des Wirtschaftsprozesses wollte die Abhängigkeit des wirtschaftlichen Geschehens systematisch erfassen und schematisch darstellen. Das Tableau bildet damit das erste makroökonomische Modell eines allseitig verflochtenen Wirtschaftskreislaufes. Es ging hervor aus der Gegnerschaft zum herrschenden Merkantilismus. Auch in der Wirtschaft sollte eine natürliche Ordnung herrschen (zur Naturrechtsauffassung siehe auch den Artikel »Droit naturel«, geschrieben für die Encyclopédie). Die von Q. maßgeblich beeinflußte ökonomische Reformbewegung der Physiokraten übertrug die Vorstellung von einer allem menschlichen Leben innewohnenden Harmonie auf die Wirtschaft und forderte dementsprechend eine freie Entfaltung der natürlich angelegten Ordnungsstrukturen. Zentraler Gedanke des Q.'schen Physiokratismus war der Gedanke, allein die landwirtschaftliche Produktion sei im eigentlichen Sinne produktiv. Handel, Handwerk (später Industrie) und Grundbesitzer seien nur in der Lage, die Erzeugnisse der Landwirtschaft - hierzu zählten auch Bergbau, Jagd und Fischfang - zu verteilen, weiterzuverarbeiten oder zu verkonsumieren. Vermehrung der Produktion konnte sich nur als Folge gesteigerter landwirtschaftlicher Produktion ergeben. Der Reichtum eines Landes ergab sich aus jenem Überschuß, genannt »produit net«, der nach Abzug aller Erzeugungskosten übrigblieb. Durch kluge Spar- und Vorratsmaßnahmen sollte stets die zukünftige Produktion gewährleistet sein. Steuerliche Eingriffe in diesen »Vorschuß« mußten unterbleiben. Als einzige direkte Steuer war die Einkommensteuer zugelassen. Wie andere Physiokraten auch - etwa Mirabeau - forderte Q. zumindest ansatzweise eine Begleitung der freien Entfaltung des Wirtschaftsprozesses durch entsprechende reformpolitische Vorstellungen. Der Absolutismus sollte effektiver in den Gesamtzusammenhang der Gesellschaft eingebunden werden. Die Erbmonarchie sollte bestehen bleiben, da nur der absolute Souverän in der Lage sei, alle partikularen Interessen zusammenzufassen, das Gemeinwohl des Staatsgebildes zu gewährleisten und Freiheit und Eigentum des einzelnen Bürgers zu schützen. Der Monarch sollte aber selbst an die natürlichen Ordnungsstrukturen gebunden sein. Obwohl die Physiokraten die Montesquieusche Theorie derGewaltenteilung ablehnten, traten sie aber ihrerseits für ein differenziertes System der institutionellen Selbstverwaltung (Munizipalitäten) ein. Der Selbstbeschränkung der Monarchie sollten ferner Meinungs- und Pressefreiheit, aber auch ein unabhängiger Richterstand dienen. Statt einer Revolution der Verfassung strebte man eine Revolution der Gesinnung an. Es ist bisweilen nicht leicht, die Q.'sche Auffassung von der seiner Anhänger zu unterscheiden. Der Physiokratismus blieb Episode in der Geschichte des ökonomischen Denkens der Neuzeit. Bleibendes Verdienst erwarb sich Q. aber durch die erstmals entworfene modelltheoretische Konzipierung des Wirtschaftsprozesses.
Werke: Dialogue sur les travaux des artisans, in: Journal de l'agriculture, November 1766; Physiocratie, 6 Bde., Paris 1767/1768; Maximes générales du gouvernement économique d'un royaume agricole, Paris 1775; Physiocrates, ed. par E. Daire, Paris 1846; Œuvres économiques et philosophiques, ed. par A. Oncken, Frankfurt/Paris 1888; Tableau Oeconomique, reproduced for the British Economic Association, London 1894; Allgemeine Grundsätze der wirtschaftlichen Regierung eines ackerbautreibenden Reiches, hg. von H. Waentig (= Übersetzung des »Droit naturel«, des »Tableau économique« und der »Maximes«), Jena 1921; F. Q. et la physiocratie, ed. par l'Institut National d'Etudes Démographiques, Paris 1958; Tableau économique, hg. von M. Kuczynski, Berlin (Ost) 1965 (english edition for the Royal Economic Society, London 1972); Ökonomische Schriften, hg. von M. Kuczynski, Berlin (Ost) 1971-1976.
Lit.: Simon-Nicolas-Henri Linguet, La pierre philosophale, La Haie 1768; - Simon-Nicolas-Henri Linguet, Réponse aux docteurs modernes, London 1771; - Adam Smith, An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations, London 1776 (vgl. dt. Ausgabe: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, hg. von Horst Claus Recktenwald, München 41988, 560-575); - J. Ch. E. Springer, Über das physiokratische System, Nürnberg 1780; - Achille-Nicolas Isnard, Traité des richesses, London/Lausanne 1781; - G. A. Will, Versuch über die Physiokratie, deren Geschichte, Literatur, Inhalt und Wert, Nürnberg 1782; - Gabriel Bonnot Mably, Collection complète des œuvres, Paris 1794-1795; - G. Kellner, Zur Geschichte des Physiokratismus, Göttingen 1847; - Alexis de Tocqueville, L'ancien régime et la révolution, Paris 1856; - Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, I, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 26.1, Berlin (Ost) 1965; - W. Neurath, Der Sozialphilosoph F. 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(1694-1774), in: Joachim Starbatty (Hg.), Klassiker des ökonomischen Denkens, I, München 1989, 114-133.306 f.; - Karl Brandt, Geschichte der deutschen Volkswirtschaftslehre, Bd. 1: Von der Scholastik bis zur klassischen Nationalökonomie, Freiburg 1992, 85-128; - Karl Pribram, Geschichte des ökonomischen Denkens, Frankfurt a.M. 1992, Bd. 1, 194-225; - Rainer Gömmel/Rainer Klump, Merkantilisten und Physiokraten in Frankreich. Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen, Darmstadt 1994; - LThK2 VIII, 934 f.