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Band VII (1994)Spalten 1128-1130 Autor: Wolfgang Kuhoff

QUIRINIUS P. SULPICIUS, römischer Senator zur Zeit des Kaisers Augustus, * zu unbekannter Zeit im ersten Jahrh. v. Chr. in Lanuvium (heute Lanuvio) südlich des Lago di Nemi im Gebiet der Colli Albani, † 21 n. Chr. Aus einer Familie des Ritterstandes stammend, stieg er aufgrund militärischer Bewährung in den Ämtern des ordo equester auf, ohne daß sich der genaue Verlauf in den spärlichen Worten von Tacitus, Ann. III 48, 1 erkennen läßt. Daraufhin wurde er von Kaiser Augustus in den Senatorenstand aufgenommen: In diesem war er also ein homo novus. Um 15 v. Chr. dürfte er nach der Prätur proconsul Cretae et Cyrenae gewesen sein: Am ehesten in dieser Funktion wird er die libyschen Stämme der Garamanten und Marmariden unterworfen haben, wie es Florus, Epit. II 31, 41 = IV 12, 41 berichtet. Dieser Erfolg war der Grund dafür, daß er vom Kaiser zum zweiten consul ordinarius (ordentlicher Konsul) des Jahres 12 designiert wurde. Wohl in den Jahren 5 und 4 übernahm er als legatus Augusti pro praetore (kaiserlicher Statthalter) die Verwaltung der Provinz Galatia et Pamphylia: Hier eroberte er die Bergfestungen des Stammes der Homonadenser in Kilikien (Strabon, Geogr. XII 6, 5) und erhielt für diese Taten die ornamenta triumphalia verliehen. Anschließend kann er für ein Jahr (in der Zeitspanne zwischen 3 v. Chr. und 2 n. Chr.) als Prokonsul Asia verwaltet und damit eine der zwei höchsten Statthalterschaften in Senatsprovinzen bekleidet haben, doch ist dies keineswegs sicher. Von 2 bis 4 n. Chr. begleitete Q. nach Tacitus' Worten (s. o.) als comes et rector den älteren der beiden Adoptivsöhne des Augustus, C. Caesar, während dessen Feldzug in Armenien. Zuvor besuchte er noch den späteren Kaiser Tiberius, der sich damals im selbstgewählten Exil auf Rhodos aufhielt, und erwarb sich dadurch dessen Freundschaft. Kurze Zeit darauf, im Jahre 6, erhielt Q. mit dem Amt des legatus Aug. pro praetore von Syrien die ranghöchste kaiserliche Statthalterschaft, wahrscheinlich durch den Einfluß des neuen Thronfolgers Tiberius. In dieser Dienststellung fügte er Judäa nach der Absetzung des Klientelkönigs Herodes Archelaos Syrien hinzu und führte hier einen census (Volkszählung) durch: Allgemeine Angaben dazu macht Fl. Josephus, Ant. Iud. 17, 13, 5; 18, 1, 1 und 18, 2, 1 f. Details sind in der Grabinschrift eines ritterlichen Offiziers in Q.'s Heer genannt (CIL III 6687 = ILS 2683), der in der Stadt Apamea die Zählung vornahm. Dieser Census, der unter den Juden zu Mißstimmung und Aufstand führte (siehe Josephus), wird im Lukasevangelium 2, 1, 2 zu Unrecht in die Zeit der Geburt Jesu Christi datiert, möglicherweise aufgrund einer Verwechslung der Statthalterschaft des Q. in Syrien mit der in Galatien. Auf jeden Fall kann ein römischer Statthalter keinen Census in einem Gebiet abgehalten haben, das einem einheimischen Fürsten unterstand: Deshalb kann Q. nicht in der wahrscheinlichen Geburtszeit Christi tätig gewesen sein, als noch Herodes der Große als König von Judäa regierte. Schon Tertullian, Adv. Marcionem IV 19, 10 erkannte das Problem und schrieb die Volkszählung einem anderen, früheren römischen Statthalter zu, doch ist dies wegen der genannten staatspolitischen Verhältnisse nicht möglich. Eine akephale Inschrift aus Tibur (Tivoli), welche die drei wohl letzten Ämter eines Konsulars aufzählt (CIL XIV 3613 = ILS 918 = IIt IV 4, 1), wird traditionell Q. zugewiesen; dies ist jedoch nicht zweifelsfrei zu belegen. Nach dem Amt des syrischen Statthalters übernahm Q. anscheinend keine weiteren. Aus seinen zwei Ehen mit Claudia Appi f(ilia) und Aemilia Lepida, beide Angehörige alter patrizischer Familien, hatte er keine Kinder, doch waren diese Verbindungen auch nicht glücklich: Von seiner zweiten Frau ließ er sich scheiden und sagte in ihrem Prozeß wegen verschiedener moralischer Vergehen vor dem Senat im Jahre 20 entschieden gegen sie aus. Q. starb im folgenden Jahre und erhielt auf Antrag des Kaisers Tiberius, in dessen früher Regierungszeit er einen beträchtlichen Einfluß ausübte (Tacitus, Ann. III 48, 2, spricht von praepotens senectas), vom Senat ein Staatsbegräbnis zugesprochen.

Lit.: Strabon, Geographica XII 6, 5; - Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae XII 13, 5; - XVIII 1, 1 und 2, 1 f.; - Tacitus, Annales III 48; - Florus, Epitoma II 31, 41 = IV 12, 41; - Tertullianus, Adversus Marcionem IV 19, 10; - William M. Ramsay, Studies in the Roman Province of Galatia I: The Homonadeis and the Homonadensian War, JRS 7, 1917, 229-283; - Emil Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, Bd. 15, 1920, 508-543 = Ders., The History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ (175 B.C. - A.D. 135), Bd. 1, Edinburgh 1973, 381 f., 399-427; - Hermann Dessau, Zu den neuen Inschriften des Sulpicius Quirinius, Klio 17, 1921, 252-258; - Wilhelm Lodder, Die Schätzung des Quirinius bei Flavius Josephus, Leipzig 1930; - Arnaldo Momigliano, Ricerche sull'organizzazione della Giudea sotto il dominio romano (63 a. C. - 70 d. C.), Bologna 1943, NDr. 1967; - Ronald Syme, Galatia and Pamphylia under Augustus; - the governorships of Piso, Quirinius and Silvanus, Klio 27, 1934, 122-148, hier 131-138; - Ders., The Augustan Aristocracy, Oxford 1986, bes. 337-341; - Thomas Corbishley, Quirinius and the Census: a Re-study of the Evidence, Klio 29, 1936, 81-93; - Friedrich M. Heichelheim, Roman Syria, in: Tenney Frank, An Economic Survey of Ancient Rome, Bd. 4, Baltimore 1938, 160 f.; - Antoon G. Roos, Die Quirinius-Inschrift, Mnemosyne 9, 1941, 306-318; - David Magie, Roman Rule in Asia Minor, Princeton 1950; - Robert K. Sherk, The Legates of Galatia from Augustus to Diocletian, Baltimore 1951; - Lily Ross Taylor, Quirinius and the Census of Judaea, AJPh 54, 1953, 120-133; - Hans Ulrich Instinsky, Das Jahr der Geburt Christi. Eine geschichtswissenschaftliche Studie, München 1957; - Horst Braunert, Der römische Provinzialzensus und der Schätzungsbericht des Lukas-Evangeliums, Historia 6, 1957, 192-214, auch in: Ders., Politik, Recht und Gesellschaft in der griechisch-römischen Antike, Stuttgart 1980, 213-237; - Stewart Perowne, The Later Herods. The Political Background of the New Testament, London 1958; - Barbara Levick, Roman Colonies in Southern Asia Minor, Oxford 1967, 203-214; - Romuald Szramkiewicz, Les gouverneurs de province à l'époque Augustéenne, 2 Bde., Paris 1975/1976; - Dietmar Kienast, Augustus, Prinzeps und Monarch, Darmstadt 1982; - Fergus Millar, State and Subject: The Impact of Monarchy, in: Caesar Augustus: Seven Aspects, Oxford 1984, 37-60, hier 43 f.; - Andreas Gutsfeld, Römische Herrschaft und einheimischer Widerstand in Nordafrika, Stuttgart 1989; - Hermann Dessau, PIR III1 287 f. Nr. 732; - Edmund Groag, RE IV A 1, 1931, 822-843, s. v. Sulpicius 90.

Wolfgang Kuhoff

Letzte Änderung: 11.02.1999