SCHNITZLER, Michael Hubert, katholischer Priester und theologischer Schriftsteller, * 10.2. 1875 in Gindorf, 19.4. 1948 in Warburg. M. H. S. wurde am 10. Februar 1875 in Gindorf im Kreis Grevenbroich als Sohn des Landwirts Nikolaus Schnitzler und seiner Ehefrau Anna Barbara geboren. Von 1881 bis 1886 besuchte er die Volksschule in Gindorf und von 1886 bis 1893 das Gymnasium in Neuß am Rhein, an dem er zu Ostern 1893 das Abitur machte. Von April 1893 bis März 1896 studierte er katholische Theologie und Philosophie an der Universität Bonn und von April 1896 bis März 1897 am Priesterseminar Köln. Am 10. August 1897 wurde er zum Priester geweiht. Am 28. August 1897 wurde er Vikar in Frechen, am 10. Oktober 1899 Vikar in der Kirchengemeinde St. Jakob in Köln und am 5. Februar 1901 Vikar in der Kirchengemeinde St. Martin in Bonn. Von Oktober 1905 bis März 1911 unterrichtete Schnitzler als Religionslehrer an der katholischen Marienschule in Krefeld. Am 27. Juli 1907 legte er in Bonn in den Fächern katholische Religion, Hebräisch und philosophische Propädeutik die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab. Vom 1. April 1911 bis zum 18. August 1919 unterrichtete er als Seminaroberlehrer am Königlichen Lehrerseminar in Brühl bei Köln. - 1911 veröffentlichte Schnitzler für den Religionsunterricht eine Broschüre über die "Methodik des biblischen Bildes". Er erteilte darin den Rat, bei dem Bild der Arche Noah darauf hinzuweisen, "wie Gottes Allmacht bewirkt, daß die Tiere überhaupt herbeikommen, daß sie sich furchtlos den Menschen nähern, daß sie den Menschen nichts anhaben und daß sie paarweise erscheinen." Die Petrus verheißenen "Schlüssel des Himmelreiches" (Mt 16,19) interpretierte er so: "Es sind zwei Schlüssel. Der eine bedeutet, daß der hl. Petrus das Tor der Kirche öffnen kann, um die Menschen in die Kirche hereinzulassen. Der andere weist darauf hin, daß er Unwürdige aus der Kirche hinausweisen und das Tor der Kirche hinter ihnen verschließen kann." Unter dem Zeichen der "Schlüssel des Himmelreiches" verstehe Christus "die oberste Regierungsgewalt über die Kirche." Zum Bild der Kreuzigung Christi notierte Schnitzler: "Der Herr ist tot, die Erlösung der Welt ist vollbracht." Zum Bild der Auferstehung Christi: "Der Heiland steigt aus eigner Kraft, ohne Hilfe eines andern, glorreich und herrlich aus der Grabesgruft hervor." Zum Bild des Jüngsten Gerichts: "Die Guten werden eingehen zum ewigen Leben, die Bösen zur ewigen Verdammnis." - Am 23. Dezember 1915 promovierte Schnitzler an der Universität Würzburg bei dem katholischen Philosophen Remigius Stölzle (1856-1921) mit einer Arbeit über den evangelischen Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811, s. Bd. VIII) zum Doktor der Philosophie. Die Schrift habe "zweifellos aktuelles Interesse", hob der katholische Religionspädagoge Wilhelm Scherer (1873-1936) hervor. Scherer schrieb weiter: "Ich stimme dem Verfasser ganz bei, wenn er die Ethik Salzmanns als einen rationalistischen Eudämonismus bezeichnet, dem die Tiefe und der Ernst der christlichen wie auch die Härte der Kantschen Moral abgehen, und ich habe nichts dagegen zu erinnern, wenn er auf Grund seiner Untersuchungen ... zu dem Ergebnis kommt, daß der Philanthropist schließlich doch die sittliche Erziehung des Kindes auf sich selbst gestellt wissen will. Die Religion spielt dabei nach Salzmanns Theorie und Praxis eine höchst nebensächliche Rolle. Und das kann ja auch gar nicht anders sein. Denn die ganze Ethik Salzmanns ist trotz häufiger Betonung der Gottesidee und des jenseitigen Lebens keine religiöse, sondern letzten Endes ein Bekenntnis zum rationalistischen Diesseitseudämonismus. ... Gerade auf dem Nachweis des Unausgeglichenen in Salzmanns Ethik und Moralpädagogik legt Schnitzler Gewicht, zeigt aber in Zusammenhang damit, daß die Moralpädagogik seines Autors ganz in der Richtung jener Ideen und praktischen Forderungen liegt, welche in unseren Tagen die Vertreter des religions- und dogmenlosen Moralunterrichtes in der Schule bei uns in Deutschland wie in Frankreich, Amerika und Japan geltend machen, wenngleich sich eine unmittelbare Einwirkung von Salzmanns Gedanken auf diese modernen Bewegungen nicht nachweisen lasse." Der evangelische Religionspädagoge Rainer Lachmann (*1940) urteilte hingegen über die Studie: "Schnitzlers einseitige Ableitung der Salzmannīschen Ethik und Pädagogik aus dem Glückseligkeitsprinzip und ihre Identifizierung mit der 'subjektiv-egoistischen Ethik Basedows' ... wird der Auffassung Salzmanns nicht gerecht." - Vom 19. August 1919 bis zum 31. März 1926 war Schnitzler Studiendirektor und Leiter des katholischen Lehrerseminars in Linnich im Kreis Jülich. Vom 1. April 1926 bis zum 31. März 1928 war er Dozent für katholische Religion an der Pädagogischen Akademie Bonn. Seit dem 1. April 1928 war er Studiendirektor und als Nachfolger des Altphilologen Anton Kreuser (1862-1937) Leiter des Gymnasiums in Jülich. 1929 regte er erfolglos einen Umzug des Gymnasiums in die seit dem Abzug der belgischen Besatzungstruppen ungenutzte Jülicher Zitadelle an. Als Lehrer am Jülicher Gymnasium arbeiteten unter seinem Direktorat u.a. der katholische Priester Johannes Hompesch (1885-1952), der katholische Priester Jakob Koschel (1874-1961), der Latinist und Augustinus-Übersetzer Peter Remark (1881-1969), ein Schüler des Bonner Professors Anton Elter (1858-1925), und der Latinist Ludwig Vossen (*1887), ein Schüler des Bonner Professors Friedrich Marx (1859-1941). Am 30. Juni 1934 wurde Schnitzler im Alter von 59 Jahren in den Ruhestand versetzt und durch das NSDAP-Mitglied Oskar Viedebantt (*1883), Altphilologe und vorher Studiendirektor in Lingen, ersetzt. Für katholische Mütter veröffentlichte Schnitzler 1937 die Broschüre "An Mutterhand In Gottes Land", zu der der Aachener Weihbischof Hermann Josef Sträter (1866-1943) das Vorwort beisteuerte. An den Beginn des Heftes stellte er vier Zitate: Mk 10,14, Spr 29,17, CIC Kan. 1113 und einen Spruch von J. M. Sailer. Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus stellte er auf der ersten Seite fest: "Der Kampf gegen Glaube und Kirche ist auf der ganzen Linie entbrannt; seine Wellen werden auch an die Seele deines Kindes schlagen." Als wichtigstes Erziehungsziel nannte er "Gottesglaube und Gebet" und als Erziehungsmittel die Gewöhnung, das Beispiel, die Belehrung, die Überwachung sowie Lohn und Strafe. Von 1934 bis 1944 lebte er in Aachen, seit 1944 im westfälischen Warburg. Hier starb Michael Hubert Schnitzler am 19. April 1948.
Werke (Auswahl): Die Methodik des bibl. Bildes. Zugl. ein Geleitwort zur "Düsseldorfer Bilderbibel". Düsseldorf 1911; Glaubenslicht im Lehrberuf. Gedanken über Beruf u. Religion. Freiburg i. Br. u.a. 1913; Christian Gotthilf Salzmann als Moralpädagoge (Päd. Forsch. u. Fragen Bd. 3). Paderborn 1916; Der Deutschunterricht als philos. Propädeutik (Wege u. Winke Bd. 14). Heidelberg 1922; Die Lehre v. Willen bei Schopenhauer u. Nietzsche u. ihre päd. Auswirkung, in: Vierteljahrsschr. für wiss. Päd. 2 (1926) 47-96; Hdb. zum kath. Katechismus. Köln 1927; An Mutterhand In Gottes Land. Eine Einf. in die Aufgaben u. die Wege der rel. Erziehung u. Unterweisung des kath. Kindes. Aachen 1937.
Rezensionen zu Werken von M. H. S. (Auswahl): Christian Gotthilf Salzmann als Moralpädagoge (Päd. Forsch. u. Fragen Bd. 3). Paderborn 1916. In: Pharus 8 (1917) 135f. (Wilhelm Scherer); - Hdb. zum kath. Katechismus. Köln 1927. In: KatBl 28 (1927) 270f. (Georg Kifinger), ThRv 27 (1928) Sp. 361 (Franz Weiler), Vierteljahrsschr. für wiss. Päd. 4 (1928) 118f. (Maria Meermann).
Lit. (Auswahl): Karl Menne (Hrsg.), Keiters Kath. Lit.-Kal. 14. Essen 1914. 574; - Paul Feja, Die Rechtsbeziehungen der kath. Kirche zur Schule (Zeitfragen), in: Der Tag (Ill. Teil), 6.6.1919; - Alois Gruber, Art. Salzmann, Christian Gotthilf, in: LThK2 Bd. 9 (1964) Sp. 291; - Herbert Lepper, Das Gymnasium Jülich u. seine Vorgängeranstalten (1816-1945), in: Btrr. zur Jülicher Gesch. 42 (1975) 1-65, hier 54; - Rainer Lachmann, Der Religionsunterricht Christian Gotthilf Salzmanns. Ein Btr. zur Religionspäd. der Aufklärung (EH R. 23, Bd. 20). Bern/Frankfurt a. M. 1974 (s. Reg.); - Alexander Hesse, Die Professoren u. Dozenten der preußischen päd. Akademien (1926-1933) u. Hochschulen für Lehrerbildung (1933-1941). Weinheim 1995. 663f.; - Richard Frank Krummel, Ausbreitung u. Wirkung des Nietzscheschen Werkes im dt. Sprachraum bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Schrifttumsverz. der J. 1919-1945. Berlin 1998. 240; - Wolfgang Gunia, 100 J. Abitur am Jülicher Gymnasium 1905-2005. Jülich 2005. 9, 38 (hier irrtümlich als "Jesuit" bezeichnet), 39, 167, 168 (Abb.), 173, 181 (Abb.), 191.