Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XXIX (2008) Spalten 1294-1300 Autor: Michael Peters

SCHÖNERER, Georg Heinrich Ritter von (1842-1921): Landgutsbesitzer und "deutschvölkischer" antiklerikaler Politiker, * 17.7. 1842, † 14.8. 1921. - S. wurde in der Habsburgermetropole Wien als erstes Kind von insgesamt fünf Sprößlingen des aus Wien gebürtigen Eisenbahningenieurs, Bauherrn und Rittergutsbesitzers Mathias von Schönerer (1807-1881) und dessen Ehefrau Marie Anna Antonia Rehmann (1819-1884) geboren. Sein Vater Mathias von Schönerer aus alter steirischer Bauernfamilie hatte die ersten Schieneneisenbahnen auf dem Kontinent, Linz-Budweis und Linz-Gmunden, errichtet. Kaiser Franz Joseph I. sollte Mathias Schönerer 1860 wegen seiner Verdienste um den Eisenbahnbau anläßlich der Einweihung der "k.k. Kaiserin-Elisabeth-Bahn" mit dem erblichen Adelprädikat dekorieren. - S. wuchs in dem völkisch sehr heterogenen und von sozialen Konflikten geschüttelten Wien auf, wo er von 1849 bis 1856 die Volks- und Realschule und anschließend die Oberrealschule besuchte. Seine jüngere Schwester Alexandrine Schönerer war die spätere Theaterdirektorin des Theaters an der Wien. - Seit 1857 wandte sich S. einer kaufmännischen Lehre an der privaten Handeslehranstalt in Dresden zu. In Berlin sollte im Ortsteil von Nikolassee in Steglitz-Zehlendorf von 1939 bis 1947 die sogenannte "Schönerer Zeile" nach dem späteren alldeutschen Politiker und "Wegbereiter" Hitlers benannt werden. Ein beruflicher Kurswechsel, den der Vater veranlaßt hatte, zwang S. dazu, seit 1861 an der berühmten "Landwirtschaftlichen Hochschule" in Hohenheim im Württembergischen Agrarwirtschaft zu studieren. Die Ausprägung seines um vieles übersteigerten nationalen Hangs zu deutscher Kultur und zu einem überpointiertem deutschen Sendungsbewußtsein fiel ab 1857 unzweifelhaft in seine "deutschen Jahre". Konfessionell sympathisierte S., der sich schon als Schüler dem katholischen Katechismus verweigerte, mit dem protestantischen preußischen Staatskirchentum eines Königs Friedrich Wilhelm IV. († 1861). - Am Vorabend des sogenannten "Deutschen Krieges" von 1866 hat S. sich dann seit 1865 einem landwirtschaftlichen Hilfsdienst auf den böhmischen Ländereien von Fürst Schwarzenberg unterzogen. Angeblich soll S., der zu keiner Zeit den Waffendienst versah und wohl nie ein Gewehr in der Hand hielt, von den Schwarzenbergschen Gütern auf das Schlachtfeld von Königgrätz (Juli 1866) geeilt sein. Am Schlachtfeldrand, wo des Abends Bismarck und König Wilhelm I. am "Wachtfeuer" standen, hat S. bei Kontakten mit preußischen Offizieren seine glühende Sympathie für die preußische Krone bekundet. Damals mußte Otto von Bismarck den vier Wochen später in den Nikolsburger Friedenspräliminarien (26.7.) festgeschriebenen politischen "Ausschluß" des Kaiserreichs Österreichs längst "geplant" haben: "Der Kaiser von Österreich anerkennt die Auflösung des bisherigen Deutschen Bundes und "gibt seine Zustimmung zu einer neuen Gestaltung Deutschlands ohne Beteiligung des österreichischen Kaiserstaates" (Artikel 2). Eine tiefgreifende politische "Kehrtwendung" in Europa war vollzogen worden. - Fortan waren auch die "Deutschen" in der k.u.k. Doppelmonarchie gleichsam in ihrem "eigenen" Staate rasch "in die Rolle einer Minderheit gedrängt" worden (Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie, 1973, 47). - S. sollte seit 1868 das von seinem Vater im Jahre 1862 erworbene Rittergut Schloß Rosenau (erbaut 1593) bei Zwettl im Waldviertel mit 120 Hektar Gutsfläche ertragreich wie mustergültig bewirtschaften. Das Waldviertel stellte bekanntermaßen jenes "Armenhaus" von "Schwarzem Doppeladler" als auch "Stephanskrone" dar, wo auch Adolf Hitlers Ahnen mütterlicherseits und väterlicherseits herstammten. Politisch sollte sich S. jetzt immer stärker einem im Zeichen des völkischen Nationalismus stehenden Antisemitismus zuwenden. Damals um das Jahr 1870 standen Antisemitismus, Antiliberalismus, "Los-von-Rom-Bewegung" (seit 1897) und Antigouvernementalismus gegen das österreichische Kaisertum in einer außerordentlich unheilvollen und von einer paranoide Züge tragenden politischen Konjunktion. In der Tat indes hatte die "Öffnung" des Kaiserreichs Österreich nach Osten dem Vielvölkerstaat eine starke Zuwanderung von Menschen israelitischen Glaubens beschert. Wien galt als "Judenhochburg". Zu Recht sprach der sehr ehrenhafte Historiker Friedrich Meinecke in seinem Spätwerk "Die deutsche Katastrophe" (1946) für die Zeit nach Königgrätz vom politischen "Wetterleuchten" des Antisemitismus. - Politisch schwebte S. vor allem eine Vereinigung Österreichs mit dem von Otto von Bismarck politisch wie militärisch in "Blut und Eisen" geschmiedetem Zweitem Deutschen Kaiserreich (vom 18.1. 1871) vor. Nachdem S. sich im Oktober 1873 als Verfechter des radikalen Flügels des "Fortschrittsklubs" in das Abgeordnetenhaus des Wiener Reichsrats hatte wählen lassen, begründete er seit dem Jahre1879 die deutschnationale Bewegung in der Donaumonarchie. Namhafte Angehörige seines frühen politischen Freundeskreises waren etwa der Politiker und Mediziner Victor Adler, der eingeschworene Antisemit Karl Lueger, der Gründer des Deutschen Schulvereins Engelbert Pernerstorfer und Heinrich Friedjung. - Im April 1878 ehelichte S. Philippine Edle von Gschmeidler (1848-1913). Aus dem von Zeitgenossen "beobachteten" und wohl als "gut" eingeschätzten "Eheverhältnis" gingen insgesamt vier Kinder hervor. Offensichtlich markierte der Tod seines "staatsbejahenden" und auf "Thron und Altar" bauenden Vaters Mathias im Oktober 1881 einen vollständigen Bruch im politischen wie gesellschaftlichen Leben von S. S. setzte alles auf Konfrontation mit jenen Persönlichkeiten und politischen Kräften, welche es Mathias von Schönerer erst ermöglicht hatten, eisenbahntechnische Pionierarbeit zu leisten, Adelstitel zu erhalten und in gesellschaftlicher Achtung im kaiserlichen Österreich Wohlstand und Besitz zu erlangen. An der Formulierung und politischen Gewichtung des Linzer Programms der österreichischen Deutschnationalen von 1882 mit seinen auf die "Schaffung eines gemeinsamen Zollgebietes mit dem Deutschen Reiche" (§ 7,19) festgeschriebenen zwölf Entwurfsklauseln war S. maßgeblich federführend. S. hatte auch die Verstaatlichung des Eisenbahnwesens (§ 8,22) sowie die "Beschränkung der Kinder- und Frauenarbeit" nebst einer "Haftpflicht der Arbeitgeber für Unfälle der Arbeiter" (§ 9,26) beansprucht. In einem "Wahlaufrufe der deutschnationalen Partei zu den Reichsratswahlen" vom 1. Mai 1885 hat S. den Passus von der Unerläßlichkeit einer "Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens" zum Erreichen seiner "Reformpläne" dem Linzer Programm als Endpunkt angefügt. Später in den 1890er Jahren sollte S. wiederholt den Versammlungen des im Sommer 1890 in Hamburg gegründeten "Antisemitischen Wahlvereins" beiwohnen. Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 hatte der Hamburger Senat die Gründungsversammlung des von der Hamburger "Politischen Polizey" scharf ins Visier genommenen Antisemitischen Wahlvereins am 25.7. 1890 genehmigen lassen. Wegen wiederholter Majestätsbeleidigung ließ Kaiser Franz Joseph I. S. für vier Monate in Kerkerhaft festsetzen und aberkannte ihm den Adelstitel sowie das Reichsratsmandat, das er 1897 zurückerlangte. Im Jahre 1901 formierten die "Schönerianer" die Alldeutsche Vereinigung im österreichischen Reichsrat. Sie ward nach dem Zerfall (1891) von Georg von Schönerers deutschnationaler Bewegung konstituiert. S. politisches Engagement in der "Los-von-Rom-Bewegung" im Gefolge der "Badeni-Krise" von 1897 bezeichnete bereits den politischen Niedergang des romfeindlichen und antijüdischen Volksverhetzers. S. trat 1900 aus der röm.-katholischen Kirche aus und konvertierte zum lutherischen Protestantismus. Seit dem Tod des Reichsgründers und Eisernen Kanzlers (1898) unternahm S. zusammen mit seiner Gemahlin alljährlich eine "Wallfahrt" nach dem Bismarck-Mausoleum in Friedrichsruh im Sachsenwald. Politisch war aus S.' Alldeutscher Vereinigung 1910 der "Deutsche Nationalverband" hervorgegangen. - S., der nunmehr zurückgezogen auf seinem Schloß Rosenau lebte, hielt anläßlich der hundertjährigen Erinnerungsfeier an die Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1913 nochmals eine politische Rede. Bei dieser im "Sophiensaal" zu Wien gehaltenen Rede kam es auch zu einer "Abrechnung" mit der Politik des von dem Mainzer Rechtsanwalt Heinrich Claß präsidierten Alldeutschen Verbandes, den S. als "Werkzeug jesuitischer Politik" stigmatisierte, nachdem S. wohl "einige Hoffnungen" in die politische Schwesterorganisation gesetzt hatte. S., der im Ersten Weltkrieg den Adelstitel zurückerhalten hatte (1917), verstarb in vollkommener Zurückgezogenheit am 14. August 1921 auf Schloß Rosenau, ohne ein geistliches Begräbnis zu finden. Um so nachhaltiger und unheilvoller wirkte S.' politischer Nachhall. Ein hoher Funktionär des Gaupropagandaamts der Gauleitung Wien der NSDAP resümierte im Jahre 1942 in seiner "Georg Ritter von Schönerer. Künder und Wegbereiter des Großdeutschen Reiches" überschriebenen Schrift lapidar: "Ich glaube, daß sein [von Schönerers, M.P.] Ruf mitgewirkt hat in die nationalsozialistische Revolution hinein".

Werke: 12 Reden, o.O. 1886; Judenthum und Deutschthum in der Ostmark. Vier Reden von Georg Ritter von Schönerer österr. Reichsrathsabgeordneten, Marburg 18872; 5 Reden, o.O. 1891; Unser Programm. Programm der Deutschnationalen Partei in Österreich, Wien 1885; Heil dem Hort unserer Zukunft, Heil deutschem Hohenzollernreich! Wien 1906 [= Flugschriften des Alldeutschen Tagblattes, 15]; Zukunftsgedanken. Rede gehalten von Georg Schönerer bei der alldeutschen Leipzigerfeier im Sophiensaale zu Wien am 18. Gilbarts 2026 n.N. (Oktober 1913), o.J. Wien 1913.

Lit.: Herwig (= E. Pichl): G. Schönerer, 4 Bde., 1913-23 (6 Bde., Wien 19382), Volksausgabe Wien 1940; - E. V. Rudolf: G. Schönerer, 1936; - Wiener Ausstellungsverein im Einvernehmen mit dem Gaupropagandaamt der Gauleitung Wien der NSDAP (Hrsg.): Georg Ritter von Schönerer. Künder und Wegbereiter des Großdeutschen Reiches, Wien o.J. (um 1942); - J. C. Fest: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1973, 65ff; - A.G. Whiteside: The socialism of fools. Georg Ritter von Schönerer and Austrian Pan-Germanism, Berkeley 1972; - F.L. Carsten: Fascist movement in Austria from Schönerer to Hitler, London 1977 [= Sage studies in 20th century history, 7]; - G. Schödl: Alldeutscher Verband und deutsche Minderheitenpolitik in Ungarn 1890-1914. Zur Geschichte des deutschen "extremen Nationalismus", Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas 1978, passim [= Erlanger Historische Studien, hrsg. von Prof. Karl-Heinz Ruffmann und Prof. Hubert Rumpel, Bd. 3]; - E. Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action française, Italienischer Faschismus, Nationalsozialismus, Sonderausgabe, München und Zürich 1979, 366f; - H. Rauschning: Die Revolution des Nihilismus. In: Theorien über den Faschismus, hrsg. von E. Nolte, 4. Aufl. Königstein im Taunus 1979, 338-351; - G.L. Mosse: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus, Königstein im Taunus 1979, passim; - A. G. Whiteside: Georg Ritter von Schönerer. Alldeutschland und sein Prophet, Graz und Köln 1981; - D. Fricke: Antisemitische Parteien 1879-1894. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1914). Hrsg. von Dieter Fricke, Werner Fritsch, Herbert Gottwald, Siegfried Schmidt und Manfred Weißbecker, Bd. 1, Köln und Leipzig 1983, 77-88; - H. Pross (Hrsg.): Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1923, Frankfurt am Main 1983, 273; - W.L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches. Mit einem Vorwort von Golo Mann, Köln 1961, 2. Aufl. Frechen o.J., 22; - W. Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Jörg Lanz von Liebenfels, Wiesbaden 19943, 23; - M. Peters: Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkrieges (1908-1914). Ein Beitrag zur Geschichte des völkischen Nationalismus im spätwilhelminischen Deutschland, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 19962, 25; - N. Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Graz 19972, passim; - J. Weiss: Der lange Weg zum Holocaust. Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich, Hamburg 1997, passim; - R. Hirsch/R. Schuder: Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte, Köln 1999, 520; - B. Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 19963, 337-364; - U. Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse, Religion, Darmstadt 2001, passim; - Georg Ritter von Schönerer. In: http://fi.wikipedia.org/wiki/Georg_Ritter_von_Sch%C3%B6nerer (1.11.2007); - Georg Ritter von Schönerer. In: Österreich Lexikon online aeiou: http://aeiou.iicm.tugraz. at/aeiou.encyclop.s/s337483.htm (4.7.2007); - M. Peters: Paul Samassa. In: Neue Deutsche Biographie, 22. Bd., Berlin 2005, 405; - U. Puschner: Handbuch zur "Völkischen Bewegung" 1871-1918, München, New Providence, London, Paris 1996, passim; - U. Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse, Religion, Darmstadt 2001, passim; - M. Wladika: Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie, Wien, Köln, Weimar 2005, passim; - H. Konrad: Krise unter dem Doppeladler: Die Donaumonarchie. In: DIE ZEIT. Welt- und Kulturgeschichte, 12, Zeitalter des Nationalismus, Hamburg 2006, 100-119; - K.A. Lankheit: Unheilvolle Mischung. Hitler übernahm viele radikale Ideen aus dem Vielvölkerstaat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 35, 10.2.2006, 7; - L. Höbelt: Georg von Schönerer. In: Neue Deutsche Biographie, 23. Bd., Berlin 2007, 406f.

Michael Peters

Letzte Änderung: 14.06.2008