SECUNDUS (Secundinus) von Trient, Mönch und Historiograph; * Mitte 6. Jhdt.; + 612 in oder nahe Trient. - S. war Angehöriger der romanischen Kultur und stand als Abt einem Kloster im Val di Non, nahe Trient an der Nordgrenze des langobardischen Gebietes, vor. - Er schrieb eine Langobardengeschichte (succinta de Langobardorum gestis historiola), in der er wahrscheinlich seine Lebenszeit, also den Zeitraum vom Eingreifen der Langobarden in die Verhältnisse in Italien (ca. 550) bis zum Jahre 612 darstellte; sie dürfte in Fortsetzung römischer Tradition in annalistischer Form abgefaßt gewesen sein. Das Werk, das wir nur aus der Benutzung durch Paulus Diaconus kennen, ist nicht erhalten. Das Ausmaß der Verwendung ist nicht genau feststellbar. Trotzdem Paulus Diaconus S. nur dreimal erwähnt (III, 29; IV,27. 40) war dessen Langobardengeschichte wahrscheinlich gerade für die Zeit Autharis und Agilulfs eine der wichtigsten Quellen. Nur so läßt sich erklären, daß die bei Paulus Diaconus bis März 612 (Tod S.) sehr reiche Darstellung der langobardischen Königin Theodolinde danach sehr knapp wird. Außerdem wird auch die positive Einstellung Paulus Diaconus' zum Drei-Kapitel-Streit nur durch die Benutzung des Werkes von S. verständlich (s.u.). - Die Eigenständigkeit der Darstellung S's. im Verhältnis zur origo gentis Langobardorum wird heute in der Forschung allgemein anerkannt. - Erhalten blieb vom gesamten historiographischen Schaffen S.'s nur ein Fragment aus dem Jahre 580 in einer Abschrift aus dem 8. Jhdt., die im 18. Jhdt. von Giuseppe conte Grampi im Kloster Weingarten entdeckt wurde. Allerdings ist die Zugehörigkeit dieses Fragmentes zur Langobardengeschichte S.'s in der Forschung umstritten. - Der größte Teil der Forschung geht davon aus, daß der bei Paulus Diaconus erwähnte S. mit dem in zwei Briefen des Papstes Gregor I. (MGH Ep. II, IX 147, XIV 12) genannten identisch ist. Wenngleich dies nicht als völlig gesichert gelten kann, schließe ich mich dieser Meinung an. - S. kann als enger Berater Theodolindes gelten; es ist anzunehmen, daß er als Vertreter des Katholizismus ihre Religionspolitik und damit auch die religiöse Entwicklung der Langobarden erheblich beeinflußte. - S. neigte ursprünglich - wie auch sein Heimatbischof Agnellus - den Schismatikern des Drei-Kapitel-Streites zu, stellte sich dann aber auf Drängen Gregors I. auf die Seite des Papstes. Als Beweis der wichtigen Rolle, die S. am langobardischen Hof spielte, sowie seiner Hinwendung zur päpstlichen Seite ist die Taufe des Sohnes von Theodolinde und Agilulf, Adaloald, durch S. nach katholischem Ritus zu werten, die von Gregor I. durch reiche Geschenke honoriert wurde. Der Taufakt fand am Osterfest 603 in der Johanniskirche in Monza statt. - Die Taufe markiert einen Wendepunkt in der Religionspolitik des langobardischen Herrscherhauses. S. war demnach nicht nur Zeuge und Chronist der Langobardenherrschaft, sondern auch über eine Zeit hinweg aktiver Mitgestalter.
Quellen: Paulus Diaconus Historia Langobardorum (edd. L. Bethmann/G. Waitz, MGH SS rer. Langob. et Ital. 1878) III 29; IV 27. 40; MGH Ep. II, Greg. Reg. (ed. L.M. Hartmann, 1893); IX 147; XIV 12 (beachte S. 143 Anm.). Werkfragment aus dem Jahre 580: Codex HB VI 113 Landesbibliothek Stuttgart; gedr.: C. Troya, Codico Diplomatico Langobardo dal DLXVIII al DCCXXIV, in: Storia d'Italia nel Medioevo IV/1, Napoli 1852, 210; MG SS rer. Langob. et Ital., 25 Anm. 3.
Lit.: Jacobi, R., Die Quellen der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus, Halle 1877, 63 ff.; - Mommsen, Th., Die Quellen der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus, Neues Archiv für die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 5, 1880, 72 ff. (wiederabgedr. in: Ges. Schriften VI, Berlin 1965, 506 ff.); - Segarizzi, A., Secondo da Trento, Tridentum 2,1, 1899, 1 ff.; - Hartmann, L.M., Geschichte Italiens im Mittelalter II,2, 1903, 58 Anm. 16; - Leicht, P.S., La prima edizione del frammento di Secondo da Trento, Memorie Storiche Forogiulesi II, 1906, 28 ff.; - Schneider, F., Die Entstehung von Burg und Landgemeinde in Italien, Berlin 1924, 21; - Abel, O., Paulus Diakonus und die übrigen Geschichtsschreiber der Langobarden, Leipzig 3. Auflage 1939, VIII; - Quaresima, E., Il frammento di Secondo da Trento, Studi Trentini di Scienze Storiche 29, 1950, 72 ff.; - Ders., A proposito dell' »Anagnis castrum« di Paolo Diacono, Studi Trentini di Scienze Storiche 29, 1950, 416 ff.; - Bognetti, G.P., Processo logico e integrazione delle fonti nella storiografia di Paolo Diaconi, in: Miscellanea di Studi Muratoriani, Modena 1951, 357 ff.; - Leicht, P.S., Paolo Diacono e gli altri scrittori delle vicende d'Italia nell'età carolingia, in: Atti del secondo Congresso internazionale di Studi sull'Alto Medioevo (Spoleto 1952), Spoleto 1953, 61 ff.; - Wattenbach, W., Levison, W., Deutsche Geschichtsquellen im Mittelalter, Abt. I, Heft 2, Weimar 1953, 205 f. und Anm. 199; - Autenrieth, J., Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek, 2. Reihe III, Wien 1963, 115; - Kollautz, A., s.v. Secundus, Lexikon für Theologie und Kirche 9, 1964, 562; - Cervani, R., La fonte tridentina dell' »Historia Langobardorum« di Paolo Diacono, in: Atti della Accademia Roveretana degli Agiati, ser. VI, vol. 26, 1987, 97 ff.; - Rogan, H., Paulus Diaconus - laudator temporis acti, Graz 1993, 200. 257 f.; - Mor, C. G., Contributi alla storia dei rapporti fra stato e chiesa al tempo dei Longobardi I: La politica ecclesiastica di Authari e Agilulfo, Rivista di storia del diritto italiano 3, 1930, 96 ff.; - Bognetti, G.P., Chierici, G., Capitani d'Arzago, A. de, Santa Maria Foris Portas di Castelseprio e la storia religiosa dei Longobardi (1948), jetzt in: Bognetti, G.P., L'età Longobarda II, Mailand 1966, 135 f. und Anm. 195; 271 ff.; - Bognetti, G.P., I »loca sanctorum« e la storia della chiesa nel regno Longobardi (1952), jetzt in: ders., L'età Longobarda III, Mailand 1967, 325; - Barni, G., La conquête de l'Italie par les Lombards, Paris 1975, 63 f.; - Fröhlich, H., Studien zur langobardischen Thronfolge, Diss. Tübingen 1980, 18 f. und Anm. 33; - Cuscito, G., La politica religiosa della corte Longobardo di fronte allo scisma dei tre capitoli. L'età theodolindiana, in: Atti del 6° Congresso Internazionale di Studi sull'Alto Medioevo, Milano 21-25 ottobre 1978, T. II, Spoleto 1980, 378 ff. und Anm. 14,17; - Hauptfeld, G., Zur langobardischen Eroberung Italiens, Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 91, 1983, 92; - Menghin, W., Die Langobarden. Archäologie und Geschichte, Stuttgart 1965, 9,14,120; - Fröhlich, H., Studien zur langobardischen Thronfolge, Tübingen 1980, 18 f. - Jarnut, J., Das Herzogtum Trient in langobardischer Zeit, in: Atti della Accademia Roveretana degli Agiati ser. IV, vol. 25, 1986, 167-172; - Jenal, G., Die geistlichen Gemeinschaften in Trentino-Alto Adige, in: ebd. 310; - Menghin, W., Die Langobarden, in: Die Bajuwaren. Ausstellungskatalog, München 1988, 87.