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Band XXIII (2004) Spalten 1342-1361 Autor: Claus Bernet

SEEBOHM, Johann Georg Ludwig, * 7.6. 1757 in Pyrmont, † 22.3. 1835 in Friedensthal. Quäker, Siedlungsgründer, Pädagoge, Volksaufklärer, Kaufmann, Buchdrucker, Brunnendirektor. - Die Vorfahren der Seebohms stammten aus Groß-Berkel und Aerzen, wo 1663 der Ahnherr Stephan Seebohm geboren wurde. Die Eltern von Ludwig Seebohm waren Johann Christoph Seebohm (18.8. 1726-18.2. 1786), der als Kaufmann und Müller arbeitete, und Christina Oberhausen (21.2. 1727-18.10. 1779). Von acht Geschwistern wurde Johann Georg Ludwig als das sechste geboren. Aufgewachsen ist er in der lutherischen Religion, das Elternhaus pflegte eine strenge Frömmigkeit, ohne jedoch in die Orthodoxie abzugleiten. Seine Schulbildung war überdurchschnittlich, er sprach fließend französisch und englisch und hatte Kenntnisse der lateinischen Sprache. Bei seinem Vater wurde er zum Kaufmann ausgebildet, ein Beruf, den er neben vielerlei weiteren Erwerbstätigkeiten Zeit seines Lebens ausübte. In seinen Jugendjahren gab es jedoch auch einen Konflikt mit seinem Vater, da Ludwig Seebohm sich kurzfristig als Schauspieler erprobte. Dies gab den Anlaß, das Elternhaus zu verlassen. Am 25. November 1789 hielt er Hochzeit mit Juliane Antoinette Caroline von Borries (7.9. 1771-24.4. 1807), was seine finanzielle Lage zunächst erheblich verbesserte. Zahlreiche Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Von den Söhnen waren dies Johann (30.12. 1793-28.12. 1866), verheiratet am 9. Mai 1821 mit Hanna Telgmann (15.9. 1798-20.4. 1851), Georg Samuel (18.1. 1796-4.9. 1866), verheiratet im Jahre 1826 mit Dorothea Ueltzen (18.10. 1808-7.7. 1891), Benjamin (20.2. 1798-2.6. 1871 in Hitchin, England), verheiratet seit 1831 mit Esther Wheeler (1798-1864), und Wilhelm (31.3. 1807-26.5. 1876), verheiratet am 17. November 1831 mit Agathe Hübotter. Der bedeutendste unter den Nachkommen war Benjamin Seebohm, der im November 1814 nach England (Bradford) auswanderte und als Wollhändler gemeinsam mit John Hustler arbeitete. Später gab Benjamin Seebohm von 1852 bis 1863 den "Annual Monitor" heraus. Aus der ersten Ehe Ludwig Seebohms gingen fünf Töchter hervor, nämlich Johanne (Hanna) (23.12. 1790-4.6. 1819), verheiratet seit 1815 mit dem Bauconductor und Oberbergrath Carl Ludwig Althans (1788-10.10. 1864), Henriette Louise Lydia (geb. 4.2. 1792), verheiratet mit Heinrich Engel, wohnhaft in Schwerin, Elisabeth Julie Betty (24.11. 1799-22.10. 1880), verheiratet mit Philipp Friedrich von Borries (22.9. 1769-14.10. 1831), wohnhaft in Homberg, Julie (Julchen, Juliane, 18.3. 1803-16.3. 1838), verheiratet am 11. Mai 1825 mit Johann Rasche (16.9. 1796-18.3. 1867) sowie Sophie (Antoniette Adolphine, geb. 17.4. 1805-1869), die mit Dr. Heyken verheiratet war. Von den Kindern aus zweiter Ehe mit Louise Henriette Eisel (13.3. 1790-29.8. 1870), geschlossen im Jahre 1815, dürften die Kinder Thomas, Emilie und Anna nur wenige Tage überlebt haben. Die Tochter Louise (4.5. 1822-4.2. 1866) heiratete im Oktober 1852 den Kaufmann Wilhelm Ludwig Eduard Dunker (9.8. 1827-10.9. 1872). - Kurz vor dem Jahr 1790 erlitt Seebohm den ersten Bankrott, als er mit Mode- und Luxuswaren gehandelt hatte. Die Spekulation mit diesen Gütern löste bei ihm vermutlich eine religiöse Krise aus. Er begab sich kurzfristig nach England, wo er über Handelsbeziehungen die ersten Quäker persönlich kennenlernte. Er ist in London zu Beginn des Jahres 1789 nachgewiesen, wo er in Kontakt mit George Dillwyn (1738-1820) stand. Dieser bezog bei den dortigen Quäkern 26 neu gedruckte Bücher, die Seebohm kostenfrei nach Pyrmont mitnehmen sollte. Darunter befanden sich Barclays Apologie, Sewels Geschichte der Quäker und Penns "Call to Christendom", alles grundlegende und bewährte Schriften des Quäkertums. Auch konnte Seebohm umfangreiche Waren auf Kredit mit nach Deutschland nehmen. Diese Handelsgeschäfte wurden ihm jedoch erneut zum Verhängnis, da es ihm in Folge nicht gelang, die Forderungen zu erfüllen. Sein erstes öffentliches Auftreten als Quäker, das unter dem unmittelbaren Druck der Rückforderungen geschah, wurde von manchen Zeitgenossen als taktischer Zug betrachtet, seine Zahlungsmoralität zu untermauern. Seit seiner Rückkehr in die Grafschaft Schaumburg läßt sich bei Seebohm ein verstärkt radikalpietistisches Verhalten nachweisen, das ihn schließlich ganz von der lutherischen Kirche trennte. Für einen von ihm mitbegründeten Konventikel in Rinteln (Grafschaft Schaumburg) hatte er handschriftliche christliche Weisungen und Regeln ausgefertigt, was der Landesregierung bekannt wurde und ihn dort verdächtig machte. Seine Klarinette, die er meisterhaft spielen konnte, rührte er nunmehr nicht länger an, Schauspiele wurden von ihm nicht länger besucht. Angeblich soll in diesem Rintelner Kreis auch der Ehestand für sündig erklärt worden sein und man plante, unter den Anhängern und Anhängerinnen die Gütergemeinschaft einzuführen. Die näheren Umstände wie das exakte Jahr der Gründung dieses Konventikels sind nicht bekannt, es muß jedoch vor der Englandreise Seebohms gewesen sein. Der unmittelbare Anlaß des Bruchs mit der lutherischen Kirche waren Streitigkeiten um Kirchenzeremonien wie die Gestaltung der Abendmahlsfeier, die Form der Taufe oder die Art der Beerdigung. Im Jahre 1790 verweigerten der dreiunddreißigjährige Kaufmann und seine neunzehnjährige Ehefrau aus Gewissensgründen das Zahlen der Taufgebühr, die anläßlich der Geburt ihrer ersten, früh verstorbenen Tochter Hanna (23. Dezember 1790), erhoben wurde. Der Pyrmonter Konsistorialrat Johann Friedrich Gottlieb Steinmetz (1739-1814), der das Kind zwangsweise zur lutherischen Kirche bringen wollte, wurde von der Mutter erfolgreich abgewiesen. Das Kind blieb ungetauft. Seebohm hat sich mit seiner Familie um 1791 in die Dorfgemeinde Oesdorf nahe bei Pyrmont im Fürstentum Pyrmont-Waldeck niedergelassen, er selbst begab sich jedoch weiterhin regelmäßig nach Rinteln und in das Schaumburger Gebiet nach Hessen-Cassel. Wegen seiner dortigen Missionierungsversuche verfügte die hessische Regierung 1792 ein Aufenthaltsverbot Seebohms für diese Gebiete. Zusätzlich versuchte der Pastor K. J. Fr. Weihe, durch eine anonym gehaltene Schrift "Offene Schreiben an Ludwig Seebohm" (Bielefeld 1792) in einfacher Sprache, die Bauern und Handwerker über angeblich irrige Lehren der Quäker zu informieren. - Glücklicherweise stellte sich die Lage im Fürstentum Pyrmont anders dar. Zwar kam es auch hier anfangs wegen Seebohms und Heinrich Meiers (1754-1.6. 1819) Weigerung, das weihnachtliche Kirchopfer zu zahlen, wegen körperlicher Arbeit am Dreikönigstag und weiterer ähnlicher Vorfälle zum Konflikt mit der lutherischen Kirche und sogar zur kurzzeitigen Inhaftierung Seebohms. Doch Ende Januar 1791 wurde eine Duldungsakte des aufgeklärten Fürsten Friedrich von Waldeck (1743-1812) für die Gemeinschaft der Quäker ausgestellt. Kurz darauf bekam Ludwig Seebohm am 28. August 1792 vom Fürsten ein Stück fruchtbares Land in einem Talkessel hinter dem Pyrmonter Königsberg geschenkt. Eines der ersten Wohnbauten in dem namenlosen Tal, dem die Quäker den Namen "Friedensthal" verliehen, war das des Ludwig Seebohm, der bereits im Sommer 1792 zu bauen begonnen hatte. Seebohm seinerseits hatte sich verpflichtet, für die Ansiedlung von Gewerbe und Fabriken zu sorgen, wobei ihm seine Kontakte nach England förderlich waren. Gemeinsam mit dem aus Exter stammenden David Francks (auch Franks, Fräncke, 1755 - 3. November 1818) begann Seebohm im Jahre 1792 eine Messerfabrik aufzubauen, die zum größten und erfolgreichsten Unternehmen der Siedlung werden sollte. - Die Gründung der Siedlung stieß auf großes Interesse, schnell wuchs die Zahl der Bewohner. Die erste Quäkergruppe soll angeblich aus dreizehn Personen bestanden haben, doch es ist fraglich, ob diese Zahl als konkrete Angabe oder vielmehr als symbolische Anspielung auf die zwölf Jünger und Christus zu verstehen ist. Ohnehin waren es bald wesentlich mehr Bewohner. Diese verteilten sich zumeist auf einige wenige Großfamilien. Aus der Familie Seebohm war Johann Georg Ludwig nicht der einzige, der sich in Friedensthal niederließ. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft siedelten der Bruder Georg Friedrich Seebohm (7.1. 1753-29.12. 1813), der mit Wilhelmine Hundertmarks (gest. 4.12. 1801) in erster und mit Luise Henriette (6.9. 1797 in Rinteln - 16.10. 1873 in Friedensthal) in zweiter Ehe verheiratet war, und der Bruder Johann Diedrich Seebohm (24.8. 1763-14.12. 1832), der seit dem 15. November 1797 mit Sophie Christiane Cordes (1768 - 13. Juni 1804), und seit dem 21. April 1805 mit Johanna Dorothea, geborene Schmidt (21.7. 1788-23.5. 1844), in zweiter Ehe verheiratet war. All diese Familienangehörigen waren Kaufleute und handelten mit Gebrauchswaren über Bremen bis nach Übersee. Für Ludwig Seebohm war der Handel jedoch nur eine unter vielen Einnahmequellen und Betätigungen, darunter auch die Landwirtschaft, der er sich um 1805 widmete. Mehrmals trat er als Übersetzer englischer Werke hervor. Er brachte Schriften von William Penn (1644-1718) und Robert Barclay (1648-1690) ins Deutsche, verfaßte eine englische Grammatik sowie ein "Buchstabier-Lesebuch zum Unterrichten für die Kinder". Angeblich soll er sich auch damit beschäftigt haben, die Rechtschreibung zu vereinfachen und phonetisch umzugestalten. Nachweislich beabsichtigte er um das Jahr 1791, das Alte Testament neu zu übersetzen. Grundlage der Übersetzung Seebohms sollte unter anderem die englische Übersetzung der Berleburger Bibel sein. Wahrscheinlich ist er von dem Pastor Johann Friedrich Delkeskamp (1731-1805), mit dem er sich darüber beriet, abgehalten worden, da dieser zu einer Bibelübersetzung ohne Griechisch- und Hebräischkenntnisse abriet. So kam es nicht zum bemerkenswerten Vorhaben einer deutschen Quäkerbibelübersetzung. Gelegentlich ergaben sich für Seebohm auch auswärtige Übersetzungsaufträge. 1795 erhielt er vom Londoner "Meeting for Suffering" 2,2 Pfund für die Übersetzung der Schrift "Serious Call" von Benjamine Holme (1683-1749). Als Gründer einer eigenen Schule und zeitweise dessen einziger Lehrer gab Seebohm 1796 bereits fünfundzwanzig Kindern einen soliden Elementarunterricht. In seinem Haus, in dem auch der Lehrer Theodor Marschhausen von 1802 bis 1804 einquartiert war, richtete er dazu eigens einen Schulraum ein, wo bis zum Bau des neuen geräumigen Schulraumes im Hause seines Bruders Friedrich Seebohm der Unterricht stattfand. Seine pädagogischen Fähigkeiten waren geschätzt. Bis aus England wurden Kinder nach Friedensthal gebracht, wo sie für meist ein Jahr unterrichtet wurden. Die Quäker aus England unterstützten das pädagogische Unternehmen ab 1797 durch die Bezahlung einer Lehrerstelle auf zunächst vier Jahre, die dann einmalig um weitere vier Jahre verlängert wurde. Ab 1805 gab die jährliche Versammlung zu London diese Angelegenheit an das "Meeting for Suffering" weiter, das fortan für die Bezahlung aufkam. Dennoch blieb die finanzielle Lage Seebohms prekär. Zeitweise setzte er Hoffnungen in den Auf- und Ausbau einer Buchdruckerei und eines Buchhandels. Gemeinsam mit Jacob Meyer (1805 nach Baltimore ausgewandert), der die Buchdruckerei in der Siedlung betrieb, richtete er eine mit diesem eng kooperierende Papierfabrik ein. Alle in Friedensthal entstandenen Drucke stammen aus diesem Betrieb, zum großen Teil waren es die Übersetzungswerke Seebohms. Die Schriften wurden zu Werbezwecken unter Pietisten verteilt - so erhielt David Francks bis 1795 einhundert Drucke von Seebohm nach Exter zugeschickt, um sie dort zu verteilen. Der Buchhandel konnte besonders von den internationalen Kontakten profitieren, denn mit den pädagogischen und moralischen Schriften hätte sich im Pyrmonter Umkreis allein kaum etwas verdienen lassen. Friedensthaler Druckerzeugnisse fanden den Weg über den Atlantik in hauptsächlich amerikanische Haushalte, so nach Germantown, Philadelphia und Baltimore. Einige der Bücher wurden auch in der Helwingschen Hofbuchhandlung zu Hannover und Pyrmont vertrieben. Aus Gewissensgründen und aus Abneigung gegen Mode und Luxus wurde der Bucheinband nicht mit den im Biedermeier beliebten Blumenmotiven bedruckt, sondern lediglich farbig marmoriert. Dies war dem Absatz wenig förderlich. Aus finanziellen Erwägungen wurde die Produktion schließlich bis 1818 eingestellt, der Restbestand der Bücher wurde zu Missionszwecken unentgeltlich verteilt. - Welches Gemeinschaftsverständnis Ludwig Seebohm auf die Siedlung applizierte, ist aus dem Buch "Bemerkungen über verschiedene Gegenstände des Christentums" zu entnehmen, das er bereits 1794 verfaßt hatte. Die darin enthaltene Behandlung des Reich-Gottes-Gedanken eröffnet mit einer harschen Kritik an den zeitgenössischen Theologen, die diesen Gedanken aus Seebohms Sicht vorschnell verwarfen, wogegen doch selbst bei den verschiedenen Konfessionen in den Kirchen gebetet werden würde "Dein Reich komme". Im Gegensatz zu der Interpretation dieses Reiches als entweder vage Jenseitshoffnung oder einer buchstäblich zu nehmenden Prophezeiung nach Apokalypse XXI ist es Seebohm besonders wichtig, daß dieses Reich aus der "Kraft" und der praktischen "Ausübung" von Gerechtigkeit, Frieden und Freude bestehen sollte. Damit lehnte er sich an eine Schrift des Quäkers Benjamin Holme an, der 1714 und 1723 Holland und Norddeutschland bereist hatte. Während seines zweiten Aufenthaltes 1723 verfaßte dieser den "Ernstlichen Ruf", der zunächst auf holländisch publiziert wurde. Holme faßte darin den quäkerischen Gemeindebegriff der Zeit treffend zusammen: "Es ist recht unverantwortlich, daß man die Vollkommenheit leugnet, denn wir lesen, daß Christus gekommen sey, daß er Gott darstelle eine Gemeine, die herrlich sey, die nicht habe einen Flecken, oder Runzel oder dessen etwas, sondern, daß sie heilig sey und unsträflich". Eine solche Gemeinde sollte in Friedensthal entstehen. Ab 1794 ist der Name Friedensthal für die entstehende Siedlung verbürgt (Brief des Matthias Claudius (1740-1815) vom 9. Februar 1794). Angeblich soll unter den Quäkern Ludwig Seebohm den Namen für die Siedlung eingeführt haben, die zuvor schlicht "Platz an der Messerfabrik" genannt wurde. - Bemerkenswert sind die internationalen Kontakte, die Seebohm unterhielt. Durch sein Einheiraten in den Adel - der Vater seiner Ehefrau war der preußische Amtsrath Friedrich von Borries in Minden - zählten hochrangige Besucher wie Katharina Pawlowna (1788-1819, die Schwester des Zaren Alexander II., 1818-1881) oder die Königin Luise (1776-1810) zu seinen Gästen in Friedensthal. Über Korrespondenz verkehrte er ausgiebig mit dem weltweiten Quäkertum. Am bedeutendsten war vielleicht sein Zusammentreffen mit John Pemberton (geb. 1727), ein einflußreicher und angesehener Quäker aus Philadelphia, der sich von 1794 bis zu seinem Tode am 30. Januar 1795 in Friedensthal aufhielt. Im darauffolgenden Jahr war Seebohm als Reisebegleiter von William Savery (1750-1804) nach Hildesheim gelangt. Unter anderem wurde er zu einer Audienz zu der Herzogin Auguste von Braunschweig (1734-1813), die Schwester des Königs Georg III. (1770-1840) von Großbritannien, zugelassen. Anschließend reisten sie nach Magdeburg, Berlin und Freienwalde, wo sich beide vom 10. bis 20. Oktober aufhielten. Dort führten sie mit dem preußischen Kriegsrat Carl Albinus und dem Major Marconnay und dem Gründer Deutschlands erster Missionsschule, Johannes Jännicke (1748-1827), längere Unterredungen. Am 29. Oktober war Seebohm bereits wieder in Pyrmont. Er korrespondierte mit der Regierung in Berlin und verhandelte über das Recht auf freie Religionsausübung der Quäker im preußischen Minden, über das Recht der Kriegsdienstverweigerung und über das Problem der Anerkennung von Quäkerehen. Im August 1799 übergab Seebohm gemeinsam mit den Quäkern Friedrich Schmidt (30.1. 1755-21. Mai 1820), Johann Rousseau (8. März 1748 - 21. Januar 1814) und Johann Rasche (1756-28. Februar 1827) dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) bei Truppenübungen in Petershagen eine Bittschrift, die auf Beendigung der Verfolgungen der kleinen Quäkergemeinde in Minden drängte. Dort war Seebohm kurz zuvor für wenige Tage zusammen mit amerikanischen Quäkern wegen Abhaltens öffentlicher Versammlungen inhaftiert worden. Der König reichte das Gesuch zur Bearbeitung an das Geistliche Departement weiter, der Staatsrat, zwei Provinzialkollegien, die Regierungskammer und der Magistrat lieferten Berichte zu einer möglichen Duldung der Quäker. Dies führte zu dem beschränkten Duldungserlaß für sechs Quäkerfamilien in Minden vom 23. Februar 1800, mit der Auflage, keine weiteren Mitglieder aufzunehmen. 1826 sollte Seebohm, in Begleitung von Thomas Shillitoe (1754-1836) in Berlin ein zweites Mal auf den König treffen, als die beiden Quäker für Gewissensfreiheit eintraten und den König an Zusagen aus dem Jahre 1798 erinnerten. - 1798 war Seebohm von den amerikanischen Quäkerinnen Mary Swett (ca. 1739-1821), Sarah Harrison (1746-1812) und Charity Cook (1745-1822) unter Handauflegung und den Worten "Ich salbe dich mit dem Freuden-Öl, mehr als deine Genossen" zum "recorded Minister" ernannt worden. Diese "Liebestaufe", die nach 1. Johannes II, 27 als Verschmelzung mit dem Heiligen Geist gedeutet wurde, stärkte seine Führungsposition und Autorität erheblich. Sein Einfluß bei ausländischen Quäkern ermöglichte es ihm, daß diese sich zu einer Tilgung seiner Schulden bereit erklärten. Im Mai 1799 sammelten Londoner Quäker Gelder mit dem Ziel, Seebohm endlich wieder schuldenfrei zu machen. Schulden waren nach den Grundsätzen der Quäker nicht mit einem ehrbaren Leben vereinbar, und im Falle Seebohms kam es ihm zustatten, daß die betrefflichen Schulden vor seinem Übertritt zum Quäkertum gemacht worden waren. Es wurde festgelegt, daß ein etwaiger Überschuß für den Bau eines Schulraumes und eines Versammlungshauses Verwendung finden sollte. Der Bau des Pyrmonter Versammlungshauses ist also den Schulden Seebohms mit zu verdanken. In der erhaltenen Liste der Spender finden sich Namen der bedeutendsten Quäker um 1800: George Dillwyn, Luke Howard (1772-1864) oder William Tuke (1732-1822). Ende 1799 bis 1800 kam es dann zu dem Bau des Versammlungshauses. Als "Bauaufseher" (building overseer) wurden David Francks (1755-1818) und Ludwig Seebohm (1757-1835) ernannt, Heinrich Meyer zum Rechnungsführer. Ein Architekt oder Baumeister aus England stand den deutschen Quäkern nicht vor, so daß die deutschen Quäker für die Gestaltung selbst verantwortlich waren. Der Grundriß und die Einrichtung dieses Baues geht im Wesentlichen auf Seebohm zurück. Nach 1800 ging sein Engagement für die Gemeinschaft langsam zurück, was auch mit den schwierigen Zeiten der Napoleonischen Kriege zusammenhing. Ausländischen Quäkern gelang es kaum mehr, die Siedlung zu unterstützen oder sie gar zu besuchen. Die Korrespondenz von Friedensthal nach England (London) verlagerte sich zeitweise schwerpunktmäßig in die Vereinigten Staaten (Philadelphia). Erst gegen Kriegsende setzten die regelmäßigen Besuche wieder ein: Noch 1814 hielt sich Stephen Grellet (1773-1855) länger in Friedensthal auf, weitere Besucher Seebohms sind 1816 Luke Howard und Thomas Christy (gest. 1846), sowie in den Jahren 1822 und 1824 Thomas Shillitoe und John Yeardley (1786-1858), und die Gruppe um Ann Alexander (1767-1849), Hanna Middleton (1786-1835), Maria Middleton (1793-1844) und Cornelius Hanburg (1796-1869), denen Seebohm zum Willkommen bis nach Amsterdam entgegengereist war, und 1831 Thomas sowie Elizabeth Robson (1768-1852) und 1771-1843). Seine Gastfreundschaft, seine Sprachkenntnisse und sein Interesse am internationalen Geschehen machten Ludwig Seebohm zu einer willkommenen Station vieler Reisender. Es war Seebohm durchaus bewußt, daß das Unternehmen einer Quäkersiedlung auf deutschem Boden ohne Unterstützung von außen nicht lange lebensfähig bleiben konnte, und daß die Anbindung an ausländische Versammlungen ein zentraler Punkt des Überlebens war. - Ab 1806 mußte sich Seebohm beruflich einer neuen Tätigkeit zuwenden, da die Kriegsfolgen den Handel schwer belasteten. 1805 trat der Fürst Georg (1747-1813) die Herrschaft von Pyrmont an. Unter diesem war Seebohm von 1807 bis 1811 als fürstlicher Brunnen- und Baudirektor tätig und hatte die Aufsicht über das Pyrmonter Heilwasser, insbesondere für den Oberbrunnen. Für diese Tätigkeit soll er jährlich eintausend Taler Kurant erhalten haben. Zu dieser Stelle verhalfen ihm die Kontakte, die er als Vertreter der Siedlung Friedensthal mit den fürstlichen Amtsdienern auf- und ausbauen konnte. Dennoch verbesserte sich seine finanzielle Lage nicht. Im Winter 1806/07 wurde das Friedensthaler Haus der Familie Seebohm von marodierenden französischen Truppen geplündert, während sich Julia Seebohm mit acht ihrer Kinder auf dem Dachboden versteckt hielt und den Überfall unbeschadet überstand. An Vermögenswerten und Gebrauchsgegenständen war jedoch ein hoher Verlust zu verzeichnen. Dank seiner französischen Sprachkenntnisse verschaffte sich Seebohm schnell Beziehungen zu napoleonischen Offizieren, die nach der Plünderung in seinem Haus verkehrten. Im Zuge der von Napoleon am 21. November 1806 in Berlin verkündeten Kontinentalsperre zusätzlich in finanzielle Bedrängnis gekommen, reiste Seebohm 1807 nach Hamburg und Bremen, wo er sich von dem Hamburger Kaufmann Johann Christoph Saphir und dem Bremer Senator Johann Vollmer (1753-1818) je 1.500 Louis d'or (7.500 Reichstaler) lieh. Am 19. August unterschrieben mehrere Quäker und Quäkeranwärter einen Schuldschein von Ludwig Seebohm an den Kaufmann Saphir. Es gelang Seebohm jedoch nicht, diese Summe pünktlich zu begleichen, obwohl ihn die Gläubiger außerordentlich bedrängten. Mit Saphir gerät er darüber in Streitigkeiten, da er auch nach drei Jahren die Raten nicht zurückzahlen konnte. Nicht einmal die Zinsen konnten von Seebohm aufgebracht werden. Im August 1813 mußte Seebohm eine Gehaltskürzung von 22 Reichstaler Kurantmünzen hinnehmen, um Schulden an den Gastwirt Franz Reesen in Aerzen begleichen zu können, welcher ebenfalls beim Fürsten von Pyrmont wegen Gehaltsforderungen gegen Seebohm vorging. Um seine Einnahmen zu steigern, vermietete Seebohm schließlich sein Friedensthaler Haus und zog mit seinen Kindern als Witwer für einige Monate nach Pyrmont, möglicherweise in das Haus am Brunnenplatz Nr.1. Schon 1814 war die Familie jedoch wieder im Friedensthaler Haus ansässig. Im Jahre 1819 beschäftigte er sich mit dem Vorhaben, Pyrmont zu einem internationalen Messeplatz neben Leipzig, Braunschweig und Hannover zu etablieren. Sein umfangreiches Gutachten, das erhalten ist, wurde jedoch vom Fürsten nicht umgesetzt. - Dem kurzfristigen Wegzug aus Friedensthal war eine langwährende Entfremdung mit der Quäkergemeinschaft vorausgegangen. Ab 1807 nahm Ludwig Seebohm nicht mehr an den Geschäftsversammlungen und den Andachten der Quäker teil. Diese hatten seiner neuen Tätigkeit gegenüber Vorbehalte, da sie ihn aus Friedensthal hinausführte und ihn von der einfachen Quäkergemeinschaft zu entfremden drohte. Die Tätigkeit beim Fürsten wurde als ein gefährliches Einlassen mit der Obrigkeit angesehen. Zwar ist Seebohm noch 1810 formal Mitglied der Gesellschaft. Doch die Quäker erhoben gegen ihn inzwischen den Verdacht, daß er Gelder aus London, die für die Schule und den Unterricht bestimmt gewesen waren, unterschlagen habe. Die Vorwürfe gingen von dem Quäker Heinrich Meyer aus, der behauptete, die Brüder Ludwig und Friedrich Seebohm hätten mit ihren Finanzgeschäften die Gesellschaft betrogen. Kurz darauf muß Seebohm entweder die Gesellschaft von sich aus verlassen haben oder wurde von ihr ausgeschlossen. Am 20. August 1815 heiratete er Louise Henriette Eisel aus Rinteln, Tochter des Rentereiskribenten und Universitätsaktuarius Conrad Ludwig Eisel (22.5. 1762-16.5. 1818) und der Catharine Wilhelmine Homeier (geb. 2.10. 1765). Obwohl sie reformierten Glaubens war, und ihr Mann ein ehemaliger Quäker, konnte die Feier in der lutherischen Oesdorfer Kirche stattfinden. Gemeinsam mit seiner neuen Ehefrau wollte Seebohm nach England auswandern, wovon jedoch sein Sohn Benjamin und die Familie Hustler eindringlich abrieten. Henriette Seebohm wurde erst 1837, also nach dem Tode ihres Mannes, als Mitglied von der Quäkergemeinde aufgenommen. Allerdings hatte sie schon gegen Ende des Jahres 1834 einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt, der sorgfältig von Heinrich Rabbermann, Heinrich Telgmann, Charlotte Reincke (1784 - 25.8. 1859) und Hanna Persch geprüft wurde. Als Quäker hätte Ludwig Seebohm ausschließlich eine Glaubensgenossin heiraten dürfen. Noch wenige Jahre zuvor war er in Ausschüssen tätig gewesen, die Mitglieder wegen des Eingehens von Ehen mit "Andersgläubigen", zumeist Lutheranern, aus der Gemeinschaft verstoßen hatten. Ab 1815 traten einige der Söhne und Töchter Seebohms aus dem Quäkertum aus und in die lutherische Kirche ein, indem sie sich taufen ließen. So wurde am 20. August 1815 Johanne (Hanna) auf den Namen Caroline Juliane Henriette getauft, ihre Taufpaten waren Carl Ludwig Althans aus Bückeburg und Louise Henriette Eisel, die wenige Augenblicke später heiraten sollte. Am 13. September 1815 ließ sich Johann Seebohm taufen, er erhielt den neuen Namen Johann Carl. Seine Patin war die gerade verheiratete zweite Frau von Ludwig Seebohm. Die Töchter Juliane Eleonore Caroline und Sophie Antoinette Adolphine wurden beide am 19. Oktober 1815 getauft, Taufzeuge war in beiden Fällen ein Kaufmann mit Namen Müller. Johanne heiratete anschließend am 10. November 1815 ihren Taufpaten, einen Kollegen Seebohms. Georg Samuel Seebohm ließ sich am 13. Dezember 1824 taufen. Mit siebzehn Jahren hatte er freiwillig in den Freiheitskriegen gekämpft, weil er die Königin Luise persönlich kennen gelernt hatte und besonders verehrte. Diese Verehrung glaubte er durch den Waffendienst bestärken zu müssen. - Ludwig Seebohm verlor zu keinem Zeitpunkt den Kontakt mit der Gemeinschaft der Quäker. Nach eigenem Bekunden habe er deren Grundsätze zu jeder Zeit anerkannt, die Gründe seiner zeitweiligen Abkehr müssen in persönlichen Differenzen und in finanziellen Schwierigkeiten gesehen werden. Seinem Bruder Diedrich Seebohm, der den Schriftverkehr mit den ausländischen Quäkern führte und der als Ältester auf Lebenszeit ernannt worden war, ist es zu verdanken, daß Ludwig Seebohm Anfang der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts wieder zum Quäkertum zurückfand. Ab etwa 1817 besuchte Ludwig Seebohm wieder die Andachten und predigte in diesen. Während er in Pyrmont auf das Wohlwollen der Quäker zählen konnte, so richtete sich vornehmlich die Kritik der Mindener Quäker gegen ihn. Ihm wurde vorgeworfen, lediglich äußerlich fromm zu erscheinen. Die Gemeinschaft war gespalten, es gab Befürworter und Gegner einer erneuten Aufnahme Seebohms. Am 17. Oktober 1818 berichtete die Zweimonatsversammlung, daß Seebohm einen Antrag zur Wiedereingliederung gestellt habe, der sogleich abgelehnt wurde. Sein Bemühen um Wiederaufnahme in die Gemeinde ist bislang nicht bekannt und soll daher etwas genauer dargestellt werden. Seit 1818 wurde Ludwig Seebohms Lebenswandel von den Aufsehern sorgfältig beobachtet und protokolliert. Auch andere ehemalige Quäker, wie etwa der 1799 ausgeschlossene Heinrich Mundhenk, wurden, da sie die Andachten besuchten, von den Aufsehern beobachtet, deren Tätigkeit sich also nicht ausschließlich auf Mitglieder beschränkte. Im Falle des Ludwig Seebohm war dies jedoch nicht immer einfach, da er seinen Wohnsitz 1821 bis mindestens Ende 1822 nach Bielefeld verlegt hatte, welches dreißig Meilen von Pyrmont entfernt lag. Bereits John Pemberton hatte 1794 erwähnt, daß sich dort Personen aufhielten, die dem Quäkertum nahestanden. Später wohnte dort Charlotte von Laer, die mit dem Quäkertum eng verbunden war und mit Seebohm bekannt war. Auch der Leinenfabrikant Karl Wellmann und seine Frau hatten Umgang mit Quäkern und waren wegen ihrer Kenntnis mystischer Schriften geschätzt. Eine Quäkergemeinde hat es in Bielefeld jedoch zu keiner Zeit gegeben. Am 7. September 1823 berichtete Heinrich Telgmann der Zweimonatsversammlung, daß Seebohm wieder einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt habe. Diese Versammlung fand nun in Pyrmont statt, wo Seebohm, auch Dank seiner Verwandtschaft, auf mehr Unterstützung rechnen konnte. Es wurde ein Prüfungsausschuß eingerichtet, der die Lebensführung Seebohms und die Ernsthaftigkeit seiner Absicht einzuschätzen hatte. Diesem gehörten Ludwig Reinecke (1770-1830), Friedrich Persch (1766-14.8. 1838), Conrad Galle (1752-11.6. 1826) und Heinrich Telgmann an. Dieser Ausschuß befürwortete eine Aufnahme, ebenso die Zweimonatsversammlung, doch aus der Versammlung zu Minden meldeten sich Widerstände, so daß keine Einigkeit über Seebohms Aufnahme erzielt werden konnte. Dennoch nahm Seebohm in den folgenden Jahren intensiv am Leben der Quäkergemeinde teil. So gab er ab 1824 den Kindern aus Quäkerfamilien wieder Schulunterricht. Im Juni 1826 erklärten sich die Quäker bereit, die zweite Auflage seines Buchstabierbuches in einer Auflage von zweihundert Exemplaren neu drucken zu lassen. Durch ein Mißverständnis mit dem Verleger (vermutlich Seebohm selbst) und der Zweimonatsversammlung wurde das Werk vorschnell gedruckt. Die Kosten von fünfzehn Talern brachten die Quäker durch eine Sonderspendenaktion auf. 1827 begleitete Seebohm im Herbst und Winter die Quäker John Yeardley und seine Frau Martha Yeardley (1781-1851) aus Yorkshire, die eine Predigtreise in Ostfriesland und Holland durchführten. Darüber berichtete er den Quäkern in Minden und Friedensthal, was sicherlich eine positive Wirkung hinterließ. Diedrich Seebohm meldete am 30. Dezember 1826 auf der Vorbereitungsversammlung zu Minden, daß erneut ein Ausschuß zur Aufnahmeprüfung Ludwig Seebohms eingerichtet worden sei, der durch sein, Diedrich Seebohms Engagement, die Arbeit wieder aufgenommen habe. Dennoch sei die Aufnahme damals nicht Zustande gekommen. Währenddessen predigte aber Ludwig Seebohm unentwegt in den Andachten. Deshalb machte Diedrich Seebohm den Vorschlag, ob es nicht jetzt endlich möglich sei, ihn als Mitglied aufzunehmen. Besonders die Quäker aus England, die hinter dem Vorstoß von Diedrich Seebohm standen, hätten sich über den Dienst und das Verhalten von Ludwig Seebohm hocherfreut gezeigt. Zuletzt haben sich John und Martha Yeardley für seine Aufnahme ausgesprochen. Diese Fürsprache aus England war nicht so einfach beiseitezuschieben. Nach einer ausgiebigen Erörterung wurde auf der Zweimonatsversammlung zu Pyrmont am 15. Januar 1828 beschlossen, das Aufnahmeverfahren, das unterbrochen worden war, wieder aufzunehmen. Alle anwesenden Quäker erklärten ihr Einverständnis mit einer künftigen Aufnahme Seebohms. Eine sofortige Aufnahme war jedoch nicht möglich, da wiederum die Quäker aus Minden Einspruch erhoben. Erst wenn der Aufnahmeantrag auch allen Freunden in Minden vorgestellt und von diesen akzeptiert worden sei, könne die Aufnahme vollzogen werden. In der folgenden Zweimonatsversammlung, die in Minden am 2. März 1828 stattfand, wurden jedoch wieder von einer oder mehreren Anwesenden Bedenken geäußert. Der Vorstoß der Pyrmonter Gruppe, in einer der Zweimonatsversammlungen, die in Pyrmont stattfand, den Aufnahmeantrag unter Umgehung der Mindener Freunde durchzubringen, war also gescheitert. Auf den nächsten zwei Zweimonatsversammlungen wurde das Verfahren mit Ludwig Seebohm "hinausgesetzt", daß heißt, es geschah nichts, permanent wurde diese Angelegenheit vertagt. Am 2. November 1828 berichtet der Prüfungsausschuß des Ludwig Seebohm in der Zweimonatsversammlung in Minden, daß er mit eben diesem erneut gesprochen habe und von seiner völligen Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit überzeugt sei. Einmal mehr empfahl der Ausschuß Seebohm zur Aufnahme. Nun hatten sich die Söhne Seebohms bereit erklärt, durch Bepflanzung des Hessenthals mit Tannenbäumen die Summe aufzubringen, die zur Tilgung von Ludwig Seebohms Schulden notwendig war. Sodann könne weder ihm noch der Quäkergemeinde der Vorwurf des Verschuldetseins gemacht werden, worauf die auf rechtschaffenen Handel Wert legenden Quäker sorgsam bedacht waren. Zusätzlich verpflichtete sich Ludwig Seebohm, sich "vor aller eigenen Wirksamkeit zu hüten, so wie er auch bereit ist, sich gerne der Wahrnehmung und dem Rath seiner Freunde zu unterziehen". Darüber hinaus kündigte er in einem Brief an, Änderungen an seinem umstrittenen Buchstabierbuch vornehmen zu wollen, da einige Verse und Denksprüche nicht immer dem Geiste des Quäkertums entsprachen. Mit dieser finanziellen Klärung, der Verpflichtung unter die Disziplin der Gesellschaft und dem Unterwerfen unter die Zensur wollte Seebohm sich seine erneute Mitgliedschaft erwirken, doch vergebens. Die Versammlung lehnte sein Begehren ab und schlug vor, weitere Prüfungen vorzunehmen. Besonders wünschte man, daß bezüglich der Tilgung der Schulden verpflichtende Dokumente auch der Kreditgeber einzureichen wären. In der Zweimonatsversammlung zu Pyrmont am 3. Januar 1830 wurde beschlossen, daß Schulbuch "Lehren und Lebensregeln für die Kinder der Freunde" neu auflegen zu lassen. Ohne Entlohnung erklärte sich der Verfasser des Buches, Ludwig Seebohm, bereit, die Korrekturen des etwa dreißig Jahre alten Buches vorzunehmen. Bei einigen Freunden in Minden fand sich gegen die Aufnahme von Ludwig Seebohm noch immer ein hartnäckiger Vorbehalt. Die Mindener Deputierten Heinrich Rabbermann und Johann Rasche schlugen in der Zweimonatsversammlung in Pyrmont am 1. Mai 1831 vor, daß sich auf der nächsten gemeinsamen Versammlung ein Ausschuß konstituieren sollte, der Ludwig Seebohm noch ein weiteres Mal besuchen sollte. Wegen Uneinigkeiten ob des Sinnes eines solchen Besuches kam jedoch ein solcher neuer Prüfungsausschuß nicht zustande. Dann fand jedoch am 21. September 1831 in Minden eine besondere Konferenz statt, in der die Quäker von Minden nach ernster Beratung feststellten, daß in Betreff der Wiederaufnahme von Ludwig Seebohm nun Einigkeit herrsche. In dieser Versammlung waren auch Mitglieder aus Eidinghausen und Hille anwesend, sowie die Engländer Elisabeth Robson, ihr Ehemann Thomas Robson und Christine Mayolier, was sicherlich der Sache Seebohms förderlich war. Bereits in der Anwesenheitsliste der Zweimonatsversammlung in Pyrmont vom 1. Februar 1832 wird Ludwig Seebohm wieder unter den Anwesenden aufgeführt, gleich an zweiter Stelle. Er arbeitete sofort wieder in den Geschäften der Gesellschaft mit. Bezüglich abgewichener Mitglieder wurde in der Zweimonatsversammlung am 6. Juni 1832 ein Ausschuß ernannt, der die Vollmacht besaß, entweder Mitglieder anzuschreiben oder sofort ein Ausschlußzeugnis zu erstellen. Ausschußmitglieder sind Ludwig Seebohm, Heinrich Telgmann und Diedrich Seebohm. Vornehmlich gegen abweichende Mitglieder in Pyrmont sollte vorgegangen werden. Somit nahm Seebohm wieder eifrig eine Tätigkeit auf, die er schon früher unter den Quäkern gewissenhaft ausübte: dem Ausschließen anderer Mitglieder. Im Winter 1832/33 befand sich Ludwig Seebohm nicht in Pyrmont. Er hatte der Zweimonatsversammlung in Pyrmont angezeigt, "freundlich gesinnte Leute" in Herford, Gütersloh und Barmen besuchen zu wollen, und wollte von der Versammlung dazu in Freiheit gesetzt werden. Die Versammlung stimmte dem zu und erteilte ihm ein Beglaubigungsschreiben. Ein Quäker namens Peter Meyer, der etwa ein Jahr zuvor zur Lehre von Barmen nach Pyrmont gekommen war, kündigte an, Seebohm nach dort begleiten zu wollen. Am 15. November 1832 war Ludwig Seebohm, gemeinsam mit seinem Schwager Johann Rasche, in Barmen verhaftet und examiniert worden. Er gab zu Protokoll, die dortige Quäkergruppe unterstützen zu wollen und sich auf einer religiösen Besuchsreise zu befinden. Schon am 5. Januar 1833 reichten Aloys Scharf und Caroline Hegewald aus Barmen der monatlichen Versammlung zu Pyrmont einen Bericht ein, der von der religiösen Besuchsreise des Ludwig Seebohm positiv berichtete. In der gleichen Versammlung kündigte Seebohm an, nach London zur Jahresversammlung reisen zu wollen. Ihm wurde von der Gemeinde ein positives Zertifikat über seine Lebensführung ausgestellt, das von allen Quäkern unterschrieben wurde. Er begab sich zu der Versammlung der Quäker nach London, um dort die Interessen der deutschen Quäker aus Friedensthal und Minden zu vertreten. In den letzten Lebensjahren hielt Seebohm als Quäker der ersten Generation, als Gründer der Kolonie, als Dolmetscher und Freund zahlreicher ausländischer Quäker eine bedeutende Position inne. Möglicherweise erklärt dies, daß nicht sofort darauf gedrungen wurde, daß auch seine zweite Ehefrau zum Quäkertum übertreten mußte. Üblicherweise hatten in einer Ehe nach Grundsätzen der Quäker beide Ehepartner Mitglied der Gemeinde zu sein. Louise Henriette Seebohm hingegen stellte erst am 11. Mai 1834 einen Aufnahmeantrag, dem am 27. August 1837, also nach Seebohms Tod, stattgegeben wurde. Seebohm war zuvor am 22. März 1835 in Friedensthal verstorben und wurde am 25. März 1835 auf dem Friedhof der Quäker in Pyrmont bestattet. - Als Gründer einer radikalpietistisch geprägten Siedlung ist er neben Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760), dem Gründer von Herrnhut und Herrnhaag, Elias Eller (1690-1750), dem Gründer von Ronsdorf, und Georg Rapp (1757-1847), dem Gründer von Harmony (Pennsylvanien), zu stellen, auch wenn er innerhalb seiner Gemeinschaft eine nicht vergleichbar dominierende Position eingenommen hatte. Die Nachwelt hat Seebohm schnell vergessen. Viele seiner Nachkommen emigrierten nach England oder Amerika, wo sie innerhalb großer Quäkergemeinschaften aufgehoben waren. Die deutsche Quäkergemeinde konnte sich in Friedensthal nicht halten und löste sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Die Siedlung verlor durch Umbauten, Neubauten und einen verheerenden Brand ihr ursprüngliches Aussehen und wurde der Stadt Bad Pyrmont eingemeindet. Das Haus der Familie Seebohm ist erhalten und vermittelt einen guten Eindruck von der ursprünglichen Konzeption der Siedlung. - In Seebohms Leben ist Licht und Schatten gleichermaßen vorzufinden. Er setzte sich unermüdlich für seine Gemeinde beim Fürsten ein, war sich jedoch auch seiner Verdienste bewußt. Sein Talent war die Organisation und Zusammenführung von Menschen und Ideen. Nicht in allem verhielt er sich beständig, manche seiner Unternehmungen endeten so schnell wie sie angefangen hatten. Im persönlichen Umgang achtete er sorgsam auf Grundsätze, deren Interpretation er sich vorbehielt. In Kleinigkeiten konnte er mitunter recht pedantisch sein, wohingegen er sich und andere zu großen und risikoreichen Projekten zu begeistern wußte. Neben der Begeisterungsfähigkeit hatte er auch einen Blick für das Realistische und Machbare. Eine geschäftsmäßige Nüchternheit grenzt ihn deutlich von anderen weitaus mehr radikalpietistisch geprägten deutschen Quäkern ab. Es dürfte kein Zufall sein, daß William Penn zu den von Seebohm am meisten geschätzten Quäkerpersönlichkeiten zählte. Seebohms bleibendes Verdienst ist die Gründung und der Aufbau einer funktionierenden Quäkergemeinde, die in einer geschlossenen Siedlung nach ihren eigenen Regeln und Grundsätzen existierte. So wurde hier beispielsweise eine eigene innergemeindliche Gerichtsbarkeit ausgeübt, es wurden Besucher aus Frankreich, England und den gerade gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika empfangen, und es wurde Frauen eine Position von Eigenständigkeit und Partizipation zugestanden, welche sich deutlich von den Mentalitäten und Gepflogenheiten der Umgebung abgrenzte. Ein solcher Vorgang darf auf dem kontinentalen Europa Einzigartigkeit beanspruchen und zeugt von den Möglichkeiten religiöser Toleranz und Pluralität, dem unter dem Blickwinkel der Konfessionalisierung bislang zu wenig Beachtung geschenkt wurde.

Werke: Vertheidigungsschrift der Grundsätze der edlen Wahrheit gegen einige ungegründete Beschuldigungen der Rintelschen und Schaumburgischen Regierung. Pyrmont um 1791; Wilhelm Penn's Kurze Nachricht von der Entstehung und dem Fortgang der christlichen Gesellschaft der Freunde, die man Quäker nennt; Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Pyrmont 1792; Verteidigungsschrift der Grundsätze der edlen Wahrheit gegen einige ungegründete Beschuldigungen der Rintelschen und Schaumburgischen Regierung. Pyrmont 1792; Entblößung des Sandgrundes. Oder freymüthige Beantwortung eines unter dem Titel: Offenes Schreiben... O.O. 1793; Bemerkungen über verschiedene Gegenstände des Christentums. Pyrmont 1794; Anweisung zum richtigen Lesen, nebst kurzen Lesestücken. Friedensthal 1802; Gründlicher Unterricht in der Buchstabenkenntnis und im Buchstabiren. Friedensthal 1802. ND Pyrmont 1826; Lehren und Lebensregeln für die Kinder der Freunde. Friedensthal 1802; Seebohm, Ludwig; Meyer, Henry: Unterscheidung des Geistes und des Buchstabens, oder freundliche Zurechtweisung an die Verfasser und Verbreiter des mit C. O. C. und B. K. unterzeichneten Schreibens, welches unter verschiedenen nach Wahrheit forschenden Leuten in der Gegend von Isselhorst im Umlaufe gewesen ist. Friedensthal 1804; Bemerkungen über F. C. E. Schmids Schrift: Ursprung, Fortgang und Verfassung der Quäkergemeinde zu Pyrmont. Friedensthal 1805; Neues Lehrgebäude der englischen Aussprache; nicht allein zum Gebrauche für Lehrer und Schulen, sondern auch für den Selbstunterricht bearbeitet. Friedensthal 1815. ND Pyrmont 1816. Pyrmont 18182; Ein leichter Führer für Anfänger in der englischen Sprache. Bielfeld 1822; Vorschläge zu einer mittels Bildung eines Wohltätigkeitsvereins in Friedensthal zu errichtenden Versorgungs- Arbeits- und Bildungsanstalt für die Armen im Fürstenthume Pyrmont. Pyrmont 1828; Schweigend auf den Herrn warten. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde. XXXV, 12, 1961, 178-179; Von der Notwendigkeit der Taufe und des Abendmahls. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde. LIX, 8/9, 1985, 172-173; Von der Nothwendigkeit der Taufe und des Abendmahles. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde. LXIII, 8, 1989, 199-201.

Bibliographie: Tinnappel-Becker, Margarethe: Die Quäker in Bad Pyrmont. Bad Pyrmont 1997, 58; Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910, CXXXIII, 1985, 19.

Übersetzungen: Turford, Hugh: Prüfstein für das Christenthum und seine Bekenner. Friedensthal 1802; Barclay, Robert: Über Gottesverehrung. Friedensthal 1802; Richtschnur des Lebens der ersten Christen. Friedensthal 1802; Zärtlicher Rath an die Erweckten, ein Sendschreiben. Friedensthal 1802; Penn, Wilhelm: Zärtlicher Besuch in der Liebe Gottes, welche die Welt überwindet, an Alle, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten und Gott in Wahrheit und Aufrichtigkeit zu erkennen und zu verehren suchen. Friedensthal 1802; Penn, Wilhelm: Schlüssel zu den Grundsätzen der Freunde, die man Quäker nennt. Friedensthal 1802; Penn, Wilhelm: Früchte der Einsamkeit. In zwey Abtheilungen. Friedensthal 1803; Brook, Maria (Mary): Gründe für die Nothwendigkeit des stillen Harrens zur feyerlichen Gottesverehrung. Friedensthal 1803; Penn, Wilhelm: Rath und Ermahnung. Friedensthal 1803.

Lit. (Auswahl): Ludwig Seebohms Vertheidigungs-Schrift. Mit Anmerkungen begleitet von einem Freunde der Wahrheit. Rinteln um 1790; - Anonym: Offenes Schreiben an Ludwig Seebohm über seine Vertheidigungsschrift von einem Liebhaber Christlicher Wahrheit und Gottseligkeit. Bielefeld 1792; - Schmid, Friedrich Christian Ernst: Ursprung, Fortgang und Verfassung der Quäkergemeinde zu Pyrmont. Aus Henke's Religionsannalen besonders abgedruckt. Braunschweig 1805; - Schmidt, Friedrich; Schelp, Christian: Geschichte der Freunde zu Minden. Von ihrer Entstehung, merkwürdigsten Prüfungen, in ihrem Bekenntnisse, am Verhalten in demselben, vom Jahre 1796 an und ferner. Minden 1862; - Gerret, Alfred: Stephen Grellet (1773-1855). Eine Lebensbeschreibung. Berlin-Lübars 1929; - Hubben, Wilhelm: Die Quäker in der deutschen Vergangenheit. Leipzig 1929; - Fritsche, Herbert: Pyrmont. Aus der Gnadengeschichte einer Stätte. Bad Pyrmont 1946; - Meyer-Lindstaedt, Frieda: Von der Quäkersiedlung Friedensthal. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, XXXVI, 6, 1962, 81-85; - Otto, Heinrich: Werden und Wesen des Quäkertums und seine Entwicklung in Deutschland. Wien 1972; - Tinnappel-Becker, Margarethe: Chronik von Löwensen 969-1972. Bad Pyrmont 1988; - Tinnappel-Becker, Margarethe: Löwensen - Ein Dorfbild im Wandel. Auszug aus der Löwenser Chronik. In: Meyer, Elke (Hrsg.): Dörfliches Leben in der Herrschaft Pyrmont. Texte und Materialien zur Sonderausstellung im Museum im Schloß Bad Pyrmont vom 23. März bis 30. April 1989. Bad Pyrmont 1989, 74-77; - Habermann, Gisela: Die Brüder Friedrich, Ludwig und Diedrich Seebohm. Mitbegründer der ersten Quäkergruppe in Pyrmont im Jahre 1790. Zum Seebohm-Familientag in Bad Pyrmont Pfingsten, 18.-20. Mai 1991. O.O. 1991; - Habermann, Gisela: Pyrmonter Quäker gründen Friedensthal. 1792. O.O. um 1994; - Tinnappel-Becker, Margarethe: Die Quäker in Bad Pyrmont. Bad Pyrmont 1997; - Bernet, Claus: Peace Dale / Friedensthal. In: Abbott, Margery Post; Chijioke, Mary Ellen; Dandelion, Pink; Oliver, John W. (Hrsg.): Historical Dictionary of the Friends (Quakers). Lanham, 2003, 207 (Religions, Philosophies, and Movements Series, XLVI); - Bernet, Claus: Between Quietism and Radical Pietism: The German Quaker Settlement Friedensthal. Birmingham 2004 (Woodbrooke Journal Series, XIV); - Bernet, Claus: Ludwig Seebohm (1757-1835): Founder of Friedensthal. In: The Friends Quarterly, XXXIV, 1, 2004, 20-30.

Claus Bernet

Letzte Änderung: 12.05.2004