STRATMANN, Franziskus Maria, * 8. September 1883 in Solingen, trat
im Alter von 22 Jahren in den Dominikanerorden ein. Im Mai 1914 wurde
er in Berlin Studenten-Pfarrer, nach Kriegsausbruch stellvertretender
Divisionspfarrer in Berlin. Unter dem Eindruck von Fr. W. Foersters
»Weltkrieg und Weltgewissen« trat er in den »Friedensbund Deutscher
Katholiken« (F.D.K.) ein, der im Jahre 1917 von Magnus Jocham mit
Unterstützung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger gegründet
worden war. Nach dem Weltkrieg mußte F.M.S. wegen nationalistischer
Studentenproteste in Berlin seine Tätigkeit als Studentenpfarrer aufgeben,
ging für zwei Jahre nach Köln, um dann wieder nach Berlin zurückzukehren.
Seit seinem Buch »Weltkirche und Weltfriede« (1924), das eine breite
Grundlegung katholischen Friedenshandels darstellt, galt er als »heimlicher«
Führer des F.D.K. und unbestrittener Theoretiker der katholischen
Friedensbewegung. Zeitweise zweiter Vorsitzender des F.D.K., amtierte
er 1932/33 als dessen erster Vorsitzender. Regelmäßig publizierte
er in der »Katholischen Friedenswarte« und deren Nachfolger »Der Friedenskämpfer«,
dem Organ des F.D.K. 1930 gründete er die »Arbeitsgemeinschaft der
Konfessionen für den Frieden«. Im Juli 1933 in »Schutzhaft« genommen,
gelang ihm im November 1933 die Ausreise nach Rom, von dort begab
er sich nach Holland, wo er als Staatenloser im Dominikanerkloster
zu Venlo lebte. Nach dem deutschen Überfall auf Belgien und Holland
(10. Mai 1940) konnte er sich nach Wochen des Umherirrens im Dominikanerkloster
Bethanien (Lint) verstecken. Im August 1947 nach Deutschland zurückgekehrt,
versuchte er - ohne Erfolg - den F.D.K. wiederzubeleben. Da sein friedenspolitisches
Engagement keine Resonanz fand, resignierte er und starb am 13. Mai
1971 in Düsseldorf-Hochdahl. - In seiner Ablehnung des modernen
Krieges stützte sich F.M.S. auf die vom augustinisch-thomistischen
Kriegsrecht aufgestellten Bedingungen für die Führung eines gerechten
Krieges. Er kam zu dem Schluß, daß angesichts der modernen Kriegswirklichkeit
kein Krieg mehr, auch nicht der Verteidigungskrieg, theologisch zu
rechtfertigen sei; als Alternative trat er für den passiven Widerstand
ein. Die Aufgabe einer katholischen Friedensbewegung sah er darin,
innerhalb der Kirche als »Sauerteig« und »Stoßtrupp« zu wirken. Er
trat für die Verwirklichung des christlichen Liebesgebotes auch in
der internationalen Politik ein, lehnte jede Doppelmoral ab und trat
für eine Versöhnungspolitik gegenüber Polen und Frankreich ein. Seine
Positionen und die des F.D.K. konnten sich jedoch im politischen Katholizismus
der Weimarer Republik nicht durchsetzen.
Werke: Weltkirche und Weltfriede. Katholische Gedanken
zum Kriegs- und Friedensproblem. Augsburg 1924; Die Kriegslehre der
augustinisch-thomistischen Schule, insbesondere des Franziskus de
Victoria, als Veto gegen den modernen Krieg, in: Völkerrecht, Weltfriede,
Internationale Katholische Aktion. Bericht über den 4. Internationalen
Katholischen Kongreß, zusammengestellt von Kaspar Mayr. Zug 1924;
Entgegnung an Friedrich Muckermann SJ, in: Das Neue Ufer, Kulturelle
Beilage der Germania 1925, Nr. 28; Der Weg über die Weltkirche. Zu
P. Muckermanns zweitem Artikel, in: Das Neue Ufer 1925, Nr. 28; Über
politische Orientierung. Schlußwort, in: Das Neue Ufer 1925, Nr. 30;
Gedanken zu den Friedensreden Dr. Seipels, in: Das Heilige Feuer 13/1925-26,
Nr. 2; Richtlinien des Friedensbundes Deutscher Katholiken. Erläutert
von P. Franziskus M. Stratmann OP (Der Friede Christi im Reich Christi,
H. 4), München 1925; Der Stern von Locarno und der Stern von Bethlehem,
in: Das Junge Zentrum 1925, H. 12; Zur Revision der Kriegsmoral, in:
Abendland 2/1927, Nr. 5; Pazifismus als Leitfaden?, in: Allgemeine
Rundschau 1929, Nr. 31; Der Katholizismus und der Weltfriede, in:
Religion und Weltfriede. Überwindung der Kriege, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft
der Konfessionen für den Frieden, Leipzig 1930; Deutsch-polnische
Verständigungsversuche durch den Friedensbund Deutscher Katholiken,
in: Allgemeine Rundschau 1930, Nr. 19; Mars und Mammon auf der Abrüstungskonferenz,
in: Das Neue Reich 14/1931-32, Nr. 4; Erziehung zum Frieden durch
die Kirche, in: Jahrbuch des Verbandes der Renaissance-Gesellschaften,
Bd. 10, Basel 1932; Peace and the Clergy, London 1936; Die Judenfrage
als Friedensfrage, in: Die Erfüllung 2/1936, H. 3; Die Juden und wir
Christen, in: Die Erfüllung 3/1937, H. 1/2; Thesen zum gerechten und
ungerechten Krieg, in: Atomare Kampfmittel und christliche Ethik.
Diskussionsbeiträge deutscher Katholiken, München 1960; In der Verbannung.
Tagebuchblätter 1940-1947. Frankfurt/M. 1972; Zahlreiche Artikel in
der Zeitschrift des F.D.K. »Katholische Friedenswarte« bzw. »Der Friedenskämpfer«
(1924-1933).
Lit.: Gordon C. Zahn, Die deutschen Katholiken und Hitlers
Kriege, Graz u.a. 1965, 9, 12, 145; - Dieter Riesenberger, Die
katholische Friedensbewegung in der Weimarer Republik, Düsseldorf
1976, 42 f., 48, 56, 61 f., 65 ff., 154-157, 160-166, 177-186,
188, 215; - Ders., Der »Friedensbund Deutscher Katholiken« und
der politische Katholizismus in der Weimarer Republik, in: Karl Holl/Wolfram
Wette (Hrsg.), Pazifismus in der Weimarer Republik, Paderborn 1981,
101-104, 111; - Ders., F.M.S., in: Die Friedensbewegung (Hermes
Handlexikon), hrsg. von Helmut Donat und Karl Holl, Düsseldorf 1983,
378 f.; - Ders., F.M.S., in: Biographical Dictionary Of Modern
Peace Leaders, Grennwood Press, Westport 1985, 909 f.; - Ders.,
Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis
1933, Göttingen 1985, 180 f., 206, 208, 212, 231, 245 f., 250;
- Ders., F.M.S. - Zur Grundlegung katholischen Friedenshandels,
in: Christiane Rajewski/Dieter Riesenberger (Hrsg.), Wider den Krieg.
Große Pazifisten von Immanuel Kant bis Heinrich Böll, München 1987,
126-132; - Franz Posset, Krieg und Christentum. Katholische Friedensbewegung
zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung
des Werkes von Max Josef Metzger. Freising 1978, 192, 303 pass.; -
Beate Höfling, Katholische Friedensbewegung zwischen zwei Kriegen.
Friedensbund Deutscher Katholiken 1917-1933 (Tübinger Beiträge zur
Friedensforschung und Friedenserziehung), Waldkirch 1979, 63-86, 98-132,
142-146, 188-192, 253-257, 263-279; - Konrad Breitenborn, Der
Friedensbund Deutscher Katholiken, Berlin (Ost) 1981, pass.; -
Friedrich-Karl Scheer, Die Deutsche Friedensgesellschaft (1892-1933).
Organisation, Ideologie, politische Ziele, Frankfurt 1981, 389; -
Arno Klönne, Zur Geschichte des »anderen Katholizismus«. Initiativen
katholischer Kriegsgegner in Deutschland von der Weimarer Republik
bis heute, in: Peter Eicher, Das Evangelium des Friedens. Christen
und Aufrüstung, München 1982, 112-114; - Reinhold Lütgemeier-Davin,
Pazifismus zwischen Kooperation und Konfrontation, Köln 1982, 161,
263, 343, 380, 396, 409, 448, 470; - Paulus Engelhardt, Franziskus
Stratmann, der Friedenskämpfer, in: Wort und Antwort 24/1983, Nr.
4; - Christoph Weber, Christliche Pazifisten in der Weimarer Republik,
in: Frieden in Geschichte und Gegenwart, hrsg. vom Historischen Seminar
der Universität Düsseldorf, Düsseldorf 1985, 151 f., 157; -
Karl Holl, Pazifismus in Deutschland, Frankfurt 1988, 208.
Dieter Riesenberger
Literaturergänzung:
2009
Alke Timmermann ; Dieter Steubl, Pater F.M.S. O.P. (1883-1971). Die Biografie e. unermüdl. Friedenskämpfers. München 2009.