VICTOR (= VICTOR RETIANUS), Mönch in St. Gallen, Lehrer in Straßburg und Anachoret in den Vogesen (10. Jhd., † nach 991). - Alles, was wir über den Mönch V. wissen, geht auf Ekkeharts IV. Casus S. Galli zurück. V. entstammte einem vornehmen und einflußreichen königsnahen rätischen Geschlecht. Er war mit Abt Enzelin von Pfäfers (vor 958) und (zweifelhafter) mit Bischof Erkanbald / Erchenbald von Straßburg (965-† 991) verwandt. Aufgrund des Namens wagte G. Bucelinus den Mönch V. der churrätischen Grafenfamilie der Viktoriden (Zacconen) zuzuordnen. - Obwohl seine Familie für ihn den Abtsstab von Pfäfers anstrebte, lebte V. als Mönch in der Abtei St. Gallen (zwischen 937 und 942). Nach einem Streit mit dem Dekan und späteren Abt Craloh (942-958) - eine Auseinandersetzung die sowohl mit der Klosterdisziplin als mit dem Konflikt zwischen Rätoromanen und Alemannen im Galluskloster zusammenhing- unternahm der "dreiste und unbotmäßige" junge Mönch V. einen Fluchtversuch, der ihn zu seinem Onkel, Abt Enzelin von Pfäfers, führen sollte. V. wurde von Cralohs Anhängern geblendet, gefangengenommen, und nach St. Gallen zurückgebracht. Notker Pfefferkorn, der medicus und physicus, der damals sein ärztliches Wirken im Steinachkloster ausübte, behandelte V., wahrscheinlich jedoch ohne ihm das Augenlicht zurückschenken zu können. Zwischen 965 und 971 berief Bischof Erkanbald den blinden Mönch nach Straßburg als Lehrer an die Domschule. V. brachte diese zu hoher Blüte, und genoß bald großen Ruhm in seiner neuen Heimat. Zusammen mit Erkanbald bewirkte V. die Translatio Studii von St. Gallen nach Straßburg. Nach Erkanbalds Tod zog sich V. als Anachoret in die Vogesen (intra Hohfeldinos montes) in Longum Mare (Longemer oder Lalaye?) zurück. Nach mehreren Jahren starb der Eremit (an einem 28. Februar), und wurde am Ort seiner Klause beigesetzt. Anfang des 11. Jhd. besuchte der Geschichtschreiber Ekkehart IV. von St. Gallen das Grab des Einsiedlers, der zu dieser Zeit als Heiliger verehrt wurde. - Erstaunlicherweise findet sich der Name des Mönches V. weder in dem Profeßbuch noch im Nekrolog von St. Gallen (Schaab). Der französische Historiker C. Pfister (1857-1933) vermutet, daß V. der Autor der ältesten Vita Odiliae (Cod. Sang. 577) sein könnte. Die Beteiligung V. an der Gründung der Abtei Hugshofen / Honcourt im elsässischen Weilertal / Val de Villé beruht ausschließlich auf L. G. Glöcklers Phantasie.
Quelle: Ekkeharti IV. Casus S. Galli, hrsg. von H. F. Haefele, Darmstadt (1980), 146-165; - Ekkeh. IV. Casus S. Galli, MGH SS II (1829), 112-116; - St. Gallische Geschichtsquellen, Bd. 3: Ekkeharti IV. Casus sancti Galli, hrsg. v. G. Meyer von Knonau, St. Gallen 1877 (= MVG, Bd. XV/XVI, NF 5/6), 245-275.
Lit.: R. Schaab, Mönch in Sankt-Gallen, Ostfildern (2003), 173; - J. Duft, Die Abtei St. Gallen, Bd. II, Sigmaringen (1991), 159 ff.; - W. Berschin, Erkanbald von Straßburg (965-991), ZGORh 134 (1986), 19; - I. Müller, Ekkehard IV. und die Rätoromanen, StMBO 82 (1971), 271-288, bes. 272-275; - Helvetia Sacra, Abt. III, Die Orden mit Benediktinerregel, Bd. 1, Teil 2, Bern (1986), 999, 1199 u. 1284; - LMA VIII, München (1997), Sp. 1667; - Nouveau Dictionnaire de Biographie Alsacienne, fasc. 38, Strasbourg (2002), 3995; - P. Wentzcke / H. Bloch, Regesten der Bischöfe von Straßburg, t. 1, Innsbruck (1908), 251, nr. 159; - C. Pfister, La Vie de Sainte Odile, AnBoll XIII (1894), 5-32, bes. 9, note (1); - J. M. B. Clauss, Die Heiligen des Elsaß in ihrem Leben, ihrer Verehrung und ihrer Darstellung in der Kunst, Düsseldorf (1935), 136 f.; - ADB Bd. 6, Leipzig (1877), 186; - L. G. Glöckler, Le Bienheureux Victor, moine de St. Gall, maître de l'Ecole épiscopale de Strasbourg, Revue catholique d'Alsace (1886), 687-700; - AS Februarii, t. 3 (1658) (28 Februar), 717; - G. Bucelinus, Rhætia Sacra et Prophana, Augustae Vindelicorum (1666); - Ph.-A. Grandidier, Œuvres hist. inéd., t. 1 (1865), 12-14; - J. von Watt (Vadian), Chronik der Aebte des Klosters St. Gallen, hrsg. von E. Götzinger, St. Gallen (1875), 190; - Encyclopédie de l'Alsace, t. 12, Strasbourg (1986), 7561; -E. Sitzmann, Dictionnaire de Biographie des Hommes célèbres de l'Alsace, Rixheim, t. 1 (1909), 452 u. t. 2 (1910), 918; - P. Stintzi, Gottselige des Elsasses, Colmar (1937), p. 7.