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Band XIII (1998) Spalten 134-136 Autor: Thomas Konrad Kuhn

WACKERNAGEL, Karl Heinrich Wilhelm, Germanist, * 23.4. 1806 in Berlin, + 1869 in Basel. - W. wuchs als Sohn des aus Jena stammenden Buchdruckers und späteren Kriminalkommissars Johann Wilhelm Wackernagel (1765-1815) und der Agnes Sophie, geb. Schulze (gestorben 1818), aus Altona in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Die Schule absolvierte er im Berliner Gymnasium des grauen Klosters und studierte 1824-1827 an der Univ. zu Berlin, wo sein wichtigster Lehrer der Altphilologe und Germanist Karl Lachmann (1793-1851) wurde, bei dem W. die Anwendung der Textkritik auf altdeutsche Texte lernte. Von 1828 bis 1833 lebte W. in Breslau und wieder in Berlin. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, in Preußen eine Anstellung zu finden - er wurde als Demagoge verdächtigt - bewarb sich W. in Basel und Zürich. Als Zürich zu lange mit der Berufung zögerte, sagte W. in Basel zu und der junge Germanist erhielt im Frühjahr 1833 einen Ruf nach Basel. Er wurde am Pädagogium als Lehrer für Deutsch angestellt, was in Basel anfangs aus lokalpatriotischen Erwägungen keineswegs unumstritten war. Zwei Gutachten der führenden Germanisten Lachmann und Jakob Grimm enthoben W. aber aller wiss. Zweifel. Die Regenz der Basler Univ. verlieh ihm im Mai 1833 die venia legendi. Zwei Jahre später wurde W. zum ordentlichen Prof. berufen. Er setzte sich als akademischer Lehrer engagiert für seine Studenten ein und förderte sie. Er zeigte großes Interesse an den literarischen Treffen mit seinen Schülern. W.s Bestreben war, im Unterricht der Poetik mehr zu »betrachten« denn zu lehren. Von grundlegender Bedeutung erachtete er die Kenntnis der vorhandenen poetischen Erzeugnisse, um durch sie die Gesetze der Poetik kennenzulernen. Eigene poetische Versuche dienten der Ausbildung der Sprache. Seine Schüler, zu denen Jacob Burckhardt und die Theologen Alois E. Biedermann und Christoph Johannes Riggenbach zählten, hoben seine jugendliche Art, seinen freundlichen Ernst und seine wissen. Autorität hervor. Die Hochachtung, die Wackernagel widerfuhr, beruhte vor allem auf seinem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn und seiner überaus scharfsichtigen Kritik. Neben seinen akademischen Pflichten förderte er die Beschäftigung mit der Basler Gesch. und das kirchliche Leben. Ferner lagen ihm andere wohltätige Zwecke und Vereinigungen nahe, etwa die »Ges. für das Gute und Gemeinnützige« (GGG). W. zählte auch zur Basler Freimaurerloge zur »Freundschaft und Beständigkeit« und setzte sich für die Gründung einer »Anstalt zur Hoffnung für blödsinnige Kinder« ein, die er in einer leitenden Funktion betreute. In seiner »Poetik« beschäftigte sich W. auch mit Fragen der Homiletik. Ferner beteiligte er sich an der Herausgabe des Basler Gesangbuches von 1854. Berufungen nach München, Berlin und Wien lehnte W. ab.

Werke (in Auswahl): Zwölf mittelhochdeutsche lyrische Gedichte, Berlin 1827; Gedichte eines fahrenden Schülers, Berlin 1828; Gesch. des deutschen Hexameters und Pentameters bis auf Klopstock, Berlin 1831; Die Verdienste der Schweizer um die deutsche Lit. Academische Antrittsrede, Basel 1833; Zur Erkl. und Beurtheilung von Bürgers Lenore, Basel 1835; Deutsches Lesebuch. Erster Theil. Poesie und Prosa vom IV. bis zum XV. Jh., Basel 1835; Die alttdeutschen Hss. der Basler Universitätsbibliothek. Verzeichniss, Beschreibung, Auszüge, Basel 1836; Über die dramatische Poesie, Basel 1838; Deutsches Lesebuch, 3 Teile, Basel 1835-1841; Karl Friedrich Drollinger. Academische Festrede, Basel 1841; Neuere Gedichte (1832-1841), Zürich/Frauenfeld 1841; Das Siechenhaus zu Sanct Jacob, Basel 1843; Zeitgedichte. Mit Beiträgen von Balthasar Reber, Basel 1843; Ueber das vierte Säcularfest der Schlacht bei St. Jacob an der Birs, Basel 1844; Die Schlacht bei St. Jacob (1444) in den Berr. der Zeitgenossen, Basel 1844; Walther von Klingen. Stifter des Klingenthals und Minnesänger, Basel 1845; Weinbüchlein, Leipzig 1845; Die altdeutschen Dichter des Elsasses, Bd. 1: Otfried von Weissenburg, Bd. 2: Heinrich der Gleissner, Basel 1847-1848; Deutsches Lesebuch. Neue durch ein Hdb. der Literaturgeschichte vermehrte Ausgabe, 3 Bde., Basel 1847-1853; 51873-1878; Pompeji. Öff. Vortr. gehalten zu Basel 1849, Basel 1849; Ges. der deutschen Lit. Ein Hdb., 3 Abt., Basel 1851-1853, 21889-1894; Meinauer Naturlehre, Stuttgart 1851; Das Bischofs- und Dienstmannsrecht von Basel in deutscher Aufzeichnung des XIII. Jh., Basel 1852; Gewerbe, Handel und Schiffahrt der Germanen, Leipzig 1853; Sevilla, Basel 1854; Die deutsche Glasmalerei. Geschichtlicher Entwurf mit Belegen, Leipzig 1855; Die goldene Altartafel von Basel. Erklaerung und Zeitbestimmung, Basel 1857; Ueber die mittelalterliche Sammlung zu Basel nebst einigen Schriftstücken aus derselben, Basel 1857; Grundzüge einer lat. Stenographie nach Stolze'schen Prinzipien, Berlin 1858; Ritter- und Dichterleben Basels im Mittelalter, Basel 1858; Die deutschen Appellativnamen, Wien 1859; Lied der Buchdrucker am vierten Säcularfeste der Universität Basel, Basel 1860; Altdeutsches Hdwb., Basel 1861; Kleineres altdeutsches Lesebuch nebst Wörterbuch, Basel 1861, 21880; Die Umdeutschung fremder Wörter, Basel 1861, 21862; Die Lebensalter. Ein Beitrag zur vergleichenden Sitten- und Rechtsgeschichte, Basel 1862; Offener Brief eines Urwählers dritter Classe, der nicht »Arbeiter«, an Herrn Ferdinand Lassalle, Elberfeld 1863; Gedächtnisrede auf Ludwig Uhland, Gotha 1863; Acht deutsche Lieder zum Singen und Sagen bei der 50jährigen Gedächtnisfeier der Leipziger Schlacht am 18. Oktober 1863. Mit einer Anweisung und einem Gebet, Dresden 1863; Die Hündchen von Bretzwil und von Bretten. Ein Versuch in der Mythenforschung, Basel 1865; Leben und wirken Walthers von der Vogelweide, Sep. Abdruck aus RE, 1865; Sechs Bruchstücke einer Nibelungenhandschrift aus der mittelalterlichen Sammlung zu Basel, Basel 1866; Voces variae animantium.- Ein Beitrag zur Naturkunde und zur Gesch. der Sprache, Basel 1867, 21869; Johann Fischart von Strassburg und Basels Antheil an ihm, Basel 1870, 21874; Gothische und altsächsische Lesestücke nebst Wb., Basel 1871; Abhh. zur deutschen Alterthumskunde und Kunstgeschichte (Kleinere Schriften I), Leipzig 1872; Gesch. der deutschen Lit. bis zum dreissigjährigen Kriege, Basel 1872, 21877; Kleinere Schriften, 3 Bde., Leipzig 1872-1874; Über den Ursprung und die Entwicklung der Sprache, Basel 1872, 21876; Poetik, Rhetorik und Stilistik. Academische Vorlesungen, Halle 1873, 31906; Altdeutsche Predigten und Gebete aus Hss., Basel 1876; Proben der deutschen Prosa seit dem Jahre MD, Basel 1876.

Bibliographie: J. G. Wackernagel und L. Sieber, Chronologisches Verz. der Schrr. W. W., in: W. W., Kleinere Schrr., Bd. 3, Leipzig 1874, 442-449; weitere bibliogr. Ang. bei K. Goedecke (siehe unten).

Lit.: Zur Erinnerung an Wilhelm Wackernagel, Basel 1870; - Rudolf von Raumer, Gesch. der Germanischen Philologie vorzugsweise in Deutschland, München 1870; - Samuel Vögelin, Lebensskizze, in: W. Wackernagel, Kleine Schrr., Bd. 3, Leipzig 1874, 434-442; - Rudolf Wackernagel, Wilhelm Wackernagels Jugendjahre 1806-1833, Basel 1885; - Albert Teichmann, Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835, Basel 1885; - Otto Markwart, Jacob Burckhardt. Persönlichkeit und Jugendjahre, Basel 1920; - Karl Goedecke, Grundrisz zur Gesch. der deutschen Dichtung aus den Quellen, Bd. 14, Dresden 21929; - Jakob Wackernagel, Zur Erinnerung an die Basler Zeit von Wilhelm Wackernagel, 19. April 1833 bis 21. Dez. 1869, Basel 1933; - Eduard His, Basler Gelehrte des 19. Jh., Basel 1941; - Werner Kaegi, Jacob Burckhardt. Eine Biographie, Bd. 1: Frühe Jugend und baslerisches Erbe, Basel 1947; - Andreas Staehelin, Geschichte der Universität Basel 1818-1835, Basel 1959; - Edgar Bonjour, Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart 1460-1960, Basel 1960; - Andreas Staehelin (Hrsg.), Proff. der Univ. Basel aus fünf Jhh. Bildnisse und Würdigungen, Basel 1960; - Jürgen Fohrmann, Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich, Stuttgart 1988; - Wiss. und Nation. Studien zur Entstehungsgeschichte der deutschen Literaturwiss., hrsg. v. Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, München 1991; - Wissenschaftsgesch. der Germanistik im 19. Jh., hrsg. v. Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, Stuttgart/Weimar 1994; - Thomas K. Kuhn, Der junge Alois Emanuel Biedermann. Lebensweg und theol. Entwicklung bis »Freien Theol.« 1819-1844, Tübingen 1997; - ADB XL, 460ff.; - HBLS VII, 342f.; - RGG3 VI, 1504.

Thomas Konrad Kuhn

Letzte Änderung: 15.06.1998