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Band XVIII (2001)Spalten 1506-1518 Autor: Bernd Kettern

WELTY, Eberhard, OP, * 15. September 1902 im westfälischen Anholt, † 2. Juni 1965 in Freiburg i. Br., bedeutender deutscher katholischer Sozialethiker der Nachkriegszeit. - Geboren als ältestes von elf Kindern eines Schneidermeisters wuchs W. in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem Besuch der Rektoratsschule in Anholt folgte das Gymnasialkolleg der Dominikaner in Vechta. Das Abitur legte er 1922 am Gymnasium in Emmerich ab. Nach Abschluß der Schule trat W. in den Dominikanerorden ein. An der Düsseldorfer Hochschule des Ordens begann er das Studium der Theologie und Philosophie, das er, bedingt durch die Verlagerung der Einrichtung nach Walberberg bei Bonn, dort 1930 mit dem Lektoratsexamen beendete. W. wurde anschließend in Walberberg als Dozent für Ethik und Moraltheologie eingesetzt. Parallel zu dieser Verpflichtung studierte er an der Universität Köln Volkswirtschaft und Soziologie. 1935 promovierte er dort zum Dr. rer. pol. Zu seinen Lehrern zählten der Soziologe Leopold von Wiese, der Volkswirtschaftler Christian Eckert und der vormalige Leiter des Kölner Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften, der katholische Sozialethiker Theodor Brauer. Als Dominikaner wußte sich W. der Tradition der »Union de Fribourg« verpflichtet, die wichtige Vorarbeiten für die Enzyklika »Rerum novarum« (1891) geleistet hatte und in deren Reihen mit Albert Maria Weiß OP (1844-1925) und Karl Fürst zu Löwenstein (1834-1921, seit 1908 Dominikaner) bedeutende Persönlichkeiten des sozialen Katholizismus gewirkt hatten. Seine Dissertation widmete er 1935 seinem persönlichen Vorbild Albert dem Großen, da in ihm die Verwirklichung von fester Gemeinschaftsbezogenheit und personaler Selbständigkeit konkret Gestalt gewonnen habe. Das Buch legt die Grundanlage des sozialethischen Denkens W.s offen. Seine metaphysisch orientierte und deduktiv angelegte Sozialphilosophie stützt sich auf das Ganzheitsdenken des Albertschülers Thomas von Aquin. Auf dieser Grundlage werden stark naturrechtlich geprägte Ordnungsvorstellung zur gerechten Ausgestaltung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entwickelt. Während seines dreißigjährigen Wirkens bezog das Denken W.s hieraus seine intellektuelle Attraktivität, aber bot damit auch immer wieder Anlaß zur kritischen Auseinandersetzung mit andersgearteten Denkansätzen. Die Dissertation beschäftigte sich mit dem Verhältnis von »Gemeinschaft und Einzelmensch«. Nach vier Wochen war die erste Auflage vergriffen - ein Zeichen dafür, dass das gewählte Thema und die von W. entwickelte Position auf ausgeprägtes Interesse stieß. Gemeinschaft und Einzelmensch stehen in spannungsvoller Beziehung zueinander. Wie verträgt sich die Vorstellung personaler Selbständigkeit und Freiheit mit der Vorstellung einer festen, ja wesenshaften Gemeinschaftsbezogenheit? W.s Arbeit traf den Nerv der Zeit. Die zeitgenössische Philosophie und Soziologie hatte in zum Teil extrem gegensätzlichen Theorien das Verhältnis von Individualität und Sozialität des Menschen zu ergründen versucht. Hinzu traten die besonderen politischen Zeitumstände, die nationalsozialistische, faschistische sowie kommunistische Systeme auf der einen Seite in weltanschaulicher Konfrontation mit liberal-demokratischen Systemen auf der anderen Seite sahen. Zudem taten sich innerkirchlich erhebliche Differenzen zwischen den personalistisch argumentierenden Jesuiten und den ganzheitlich orientierten Dominikanern auf. W. folgte in seiner Arbeit dem Gedanken Ferdinand Tönnies, der die Gemeinschaft von der Gesellschaft unterschieden hatte. Die Gemeinschaft ist in doppelter Weise geordnet: Das Gemeinschaftsganze ist auf das Ziel des Gemeinwohls hingeordnet, die Gemeinschaftsglieder sind in ihren Beziehungen untereinander geordnet. Gemeinschaft wird als lebendige Ganzheit, als Organismus verstanden, dessen Teile auf das Ganze hingeordnet sind, aber in dem auch das Ganze von den Teilen lebt. »Richtung- und maßgebend sind das Wohl und die Erfordernisse des Ganzen. Vom Ganzen her werden Stellung und Tätigkeit des Einzelnen bestimmt. Alles Wollen und Tun sind auf das Ganze bezogen. Die Menschen bilden innerhalb einer Gemeinschaft keine bloßen Stücke oder Interessenten, sondern Glieder, Organe. Sie erledigen keine Geschäfte, sondern sie üben Funktionen aus, d.h. sie erfüllen gemeinsame Aufgaben in Hingebung an das Ganze, als Mitarbeit am Ganzen, aus Sinn für das Ganze.« (276) Die Seins- und Zielbestimmung der Gemeinschaft ist naturhaft angelegt und zieht Konsequenzen für das Wollen und Handeln des Einzelmenschen nach sich. Rechte und Pflichten werden definiert und idealiter in eine gestuft gegliederte Gemeinschaft eingeordnet. Die scheinbare Nähe zu totalitätren Gesellschaftsentwürfen verliert sich jedoch, wenn man sich die Passagen zur berufsständischen Ordnung näher ansieht (vgl. 333-342). W. wollte den totalitären Ständestaat nicht verwirklichen, sondern ihn im Gegenteil durch eine nach den Gesetzen von Subsidiarität und Selbstverwaltung geprägte Binnenstruktur verhindern. »Die Leitung und Regierung soll so geschehen, dass der niederen Gemeinschaft möglichst wenig an Unternehmenswille und Entscheidungsvermögen genommen wird, dass sie zwar gebunden, aber doch frei ihre Funktionen selber ausübt, dass sie selber möglichst weit die Wege findet, die ihre gliedhafte Tätigkeit fruchtbar machen für das höhere Ganze.« (337) - W. wollte mit seinem Entwurf nicht dem mystischen Universalismus Othmar Spanns zugeordnet werden. Dieser hatte die Wirklichkeit des Einzelnen nur im Gliedsein begründet. Dagegen setzte W. den Selbstbesitz des Geistes in der Eigenexistenz, die »substantielle Wirklichkeit des Geistes«. Auf der anderen Seite wendete er sich gegen den Solidarismus Heinrich Peschs SJ. Dieser vertrete eine »ungebührliche Überbetonung des Individuums«. Methodisch könne man durchaus beim Einzelmenschen ansetzen, sofern dadurch nicht die Zielgebundenheit der menschlichen Freiheit verdunkelt werde. Der Solidarismus gehe aber zu weit, da er die Funktion der Gemeinschaft zu einer reinen Nutzenfunktion für den Einzelmenschen herabwürdige. Die Gemeinschaft sei nur im Blick als Ausgleich für die individuelle »Ergänzungsbedürftigkeit«. Das Verhältnis von Einzelmensch und Gemeinschaft werde nur in der Relation von Zweck und Mittel gedeutet. Universalismus wie Solidarismus krankten seiner Ansicht nach an ihrer Einseitigkeit. W. stieß mit diesem Buch auf deutliche Kritik seitens Gustav Gundlachs S.J. Er verteidigte den Solidarismus als die metaphysisch tiefer begründete Sozialphilosophie und warf W. vor, unter den bekannten Zeitumständen (1936!) dem Aspekt der Freiheit zu wenig Beachtung geschenkt zu haben. Die Vorstellung einer Gesamtpolitisierung des öffentlichen Lebens stieß in dieser in Rom veröffentlichten Rezension auf unverhohlene Ablehnung. Gleichzeitig wollte Gundlach mit ihr sicherlich auch der Mißdeutung der berufsständischen Ordnung begegnen. Diese wurde infolge der Art und Weise ihrer Verwirklichung in Österreich und Spanien in Mißkredit gebracht und mit Vorstellungen des faschistischen Ständestaats identifiziert. Im Dritten Reich veröffentlichte W. außer seiner Dissertation nur wenige Zeitschriftenartikel zu politisch unverfänglichen Themen. Er wurde Mitarbeiter an der Deutschen Thomasausgabe, hielt weiterhin Vorlesungen in Walberberg. Dort übernahm er ordensinterne zusätzliche Aufgaben als Studienmagister (1933-1937), Prior (1937-1939) und Studienregens (1937-1954). Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kloster zum Lazarett und später von der Gestapo beschlagnahmt. Mit einigen Mitbrüdern blieb W. als Krankenpfleger und Seelsorger dort wohnen. Die enge räumliche Nähe zur Gestapo ließ ihn und Provinzial Laurentius Siemer mit zunehmender Kriegsdauer in ständige Gefahr geraten. Siemer hatte bereits vor dem Krieg Verbindung zum antinazistischen Widerstand aufgenommen. Ab 1941 wirkte auch W. für den aus der Katholischen Arbeiterbewegung hervorgegangenen Kölner Widerstandskreis, ohne an den Besprechungen jedoch persönlich teilzunehmen. Zu diesem Kreis zählten Jakob Kaiser, Andreas Hermes, Johannes Albers, Wilhelm Elfes und Karl Arnold, Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß, Joseph Wirmer, Heinrich Körner und Otto Müller. Im Auftrage Siemers erarbeitete W. Grundsätze einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung. Unmittelbar nach dem Krieg wurden die von W. über das Kriegsende geretteten Ausführungen zu einer »christlichen Gesamtlebensordnung« als »Neuordnung im deutschen Lebensraum« zur Diskussionsgrundlage der sich im Rheinland formierenden CDU. Die »Kölner Leitsätze« vom Juli 1945 griffen diese Gedanken auf. Ihre erste öffentliche Fassung erhielten sie in der Schrift W.s »Was nun?« - 1945 ohne Genehmigung der britischen Militärregierung erschienen und deshalb mit einer Verwarnung für den Autor verbunden - sowie weiter ausgearbeitet ein Jahr später im Buch »Entscheidung in die Zukunft«. Das Buch war eine der ersten Publikationen nach dem Krieg und trug die amerikanische Linzenznummer 22. Politisch entwickelten W.s Gedanken Dynamik im Hinblick auf die Programmatik der rheinischen CDU bis in die Formulierung ihres Ahlener Wirtschaftsprogramms von 1947. Die »Kölner Leitsätze« waren das Ergebnis von Beratungen im Kloster Walberberg. Unmittelbar nach dem Krieg hatten sich im Juni und Juli 1945 vor allem ehemalige Zentrumsangehörige, die den Krieg und die Verfolgungen des Regimes überlebt hatten, getroffen. Es ging um den politischen Neuanfang. Zentrale Gestalt des Gründerkreises wurde Leo Schwering. Nach seinen Worten wirkte W. vor allem aufgrund seiner wissenschaftlichen Korrektheit und dem »lebhaften priesterlichen Gefühl für die sozial Schwachen«. Ziel war nicht die Wiederherstellung des Zentrums, sondern die Gründung einer überkonfessionellen Partei mit deutlich christlich geprägter Wertgrundlage. Siemer hatte am 1. Juli 1945 als Name »Christlich-sozialistische Union« vorgeschlagen, dies war aber verworfen worden. W.s Vorstellung eines »christlichen Sozialismus« blieb jedoch mehrere Jahre in der Diskussion, bis schließlich Konrad Adenauer sie endgültig ablehnte. In der Person W.s spiegelt sich eine Grundproblematik katholischer Sozialethik. Die Leitvorstellungen der katholischen Soziallehre in ihrer allgemeingültigen Form sind zu abstrakt formuliert, um unmittelbar konkrete politische Handlungsanweisungen aus ihnen ableiten zu können. W.s Eigentumsbegriff war deshalb zum Beispiel heftig umstritten. Er stand deutlich in der klassischen Tradition, setzte aber neue Akzente bedingt durch die Not der Nachkriegszeit. Das Recht auf Eigentum war für W. nach wie vor ein Naturrecht, konnte jedoch aufgrund von Sondertatbeständen ausgesetzt werden. »Der deutsche Staat hat zur Stunde das Recht, das Sondereigentum durch geeignete Zwangsmaßnahmen so weit in Gemeineigentum zu verwandeln, als sein eigenes Dasein und seine innenpolitische Ordnung mit dieser Wandlung stehen und fallen.« Solche und ähnliche Sätze aus »Was nun?« und anderen Aufsätzen - zum Beispiel in der von Welty 1946 gegründeten Zeitschrift »Die Neue Ordnung« oder in »Entscheidung in die Zukunft« (vgl. 267-379, bes. 318 ff.) - trugen W. den Ruf eines in Nähe zu kollektivistischen und staatssozialistischen Ideen stehenden Sozialethikers ein. In dem dreibändigen »Sozialkatechismus« konnte er später diesen Eindruck widerlegen. Er war Anhänger einer mittelständisch geprägten Eigentumsordnung mit marktwirtschaftlicher Struktur und begrenzter Mitbestimmung. Gemeinwohlerfordernisse können nur in zwingenden Situationen staatliche Lenkung und Planung rechtfertigen. Hier vertrat er die gleiche Auffassung wie zum Beispiel Oswald von Nell-Breuning S.J. W. ging es nicht um einen Sozialismus marxistischer Prägung. Vom Grundgedanken durch und durch thomistisch angelegt, sollte der öffentlichkeitsstarke Begriff Sozialismus ein attraktives Etikett für die christliche Soziallehre bieten. Zeitströmungen nach dem Krieg schienen diese Vorstellung zu bestätigen. Dem alternativen Sozialismusentwurf war jedoch kein großer Erfolg beschieden. Innerkirchlich wie außerkirchlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Begriff zu eindeutig und einseitig besetzt war, um mit seiner Hilfe neue Attraktivität für christliche Gesellschaftsvorstellungen erwecken zu können. Adenauers Sinn für reale Machtverhältnisse ließen ihn das Ahlener Programm mit der Forderung nach Vergesellschaftung von Kohle, Stahl und Großchemie - ohne den Begriff Sozialismus jedoch zu verwenden - nicht zuletzt unterstützen, da die Labour-Regierung in London die Zeichen in der britischen Besatzungszone in Richtung Sozialisierung stellten. Als die Amerikaner in ihrer Zone mit dem Marshall-Plan den deutschen Unternehmen erfolgreich wieder auf die Beine halfen und im Bereich der Schwerindustrie allen Sozialisierungsbestrebungen einen Riegel vorschoben, ließ Adenauer das Ahlener Programm still in der Versenkung verschwinden. Die frühe CDU löste sich schrittweise vom Begriff des Sozialismus, die neoliberale Pragmatik eines Ludwig Erhards erwies sich als stärker als die Vorstellung einer Teilsozialisierung der Wirtschaft und der staatlichen Wirtschaftskontrolle. W.s parteipolitischer Einfluß ging in der Folgezeit etwas zurück, sein Einfluß auf das soziale Denken der deutschen Kirche wuchs hingegen. An die frühen politischen Bemühungen schloßen sich später Anstrengungen an, in Walberberg ein Erwachsenenbildungswerk zu begründen, dass nach dem Krieg zur geistigen Neuorientierung beizutragen vermochte. Das »Walberberger Institut« war geprägt durch ökumenische Aufgeschlossenheit und überparteiliche Einstellung. Insbesondere in Arbeitnehmer- und Gewerkschaftskreisen erfreute es sich eines überaus guten Rufes. Die Zusammenarbeit mit Oswald von Nell-Breuning S.J. und Arthur F. Utz O.P. nahm hier ihren Ausgang. Mit Nell-Breuning verband ihn auch das Eintreten für die Einheitsgewerkschaften. W. wirkte in verschiedenen Gremien als Berater mit. Seit Kriegsende beriet er Kardinal Frings und dessen »Sozialer Kreis« aus Sozialpolitikern, Unternehmern und Arbeitnehmern. W. redigierte für diesen auch als »Cardinalskreis« bekannten Zirkel mehrfach Schriften, in denen Beratungsergebnisse zusammengefaßt wurden (1946: Was sagt die katholische Soziallehre über Mitwirkung und Mitbestimmung?; 1947: Grundsätze katholischer Sozialarbeit und zeitnahe Folgerungen; 1949: Verantwortung und Mitverantwortung in der Wirtschaft). Zu den Teilnehmern zählten neben anderen der Entwickler der »dynamischen Rente« Wilfried Schreiber sowie Fritz Burgbacher, der die Pläne zur Vermögensbildung entwarf. Beide schrieben mehrfach für »Die Neue Ordnung«. Über den »Cardinalskreis« floßen W.s Gedanken auch in die ersten Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe zu drängenden Problemen im Nachkriegsdeutschland ein, da Frings auf dessen Mitwirkung in seiner Funktion als damaliger Vorsitzender Fuldaer Bischofskonferenz Wert legte. Am Buß- und Bettag traf sich in Walberberg ein Freundeskreis um sozialpolitische Themen zu diskutieren - eine Einrichtung, die bis heute Bestand hat. Wie überhaupt W.s Gründungen bis heute wirksam blieben. In Walberberg besteht immer noch eine überregional bekannte Bildungseinrichtung, das 1951 von W. mitgegründete »Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg« setzt in Bonn die wissenschaftliche Tradition W.s fort und die Zeitschrift »Die Neue Ordnung« ist bis heute neben den von Jesuiten redigierten »Stimmen der Zeit« die bedeutendste deutschsprachige katholische Zeitschrift, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus der Perspektive der Tradition der katholischen Soziallehre analysiert und immer wieder für unkonventionelle »Dritte Wege« plädiert. Das Institut sollte an der »Neugestaltung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung« mitwirken und »vor allem daran mitarbeiten, daß die jüngere Generation im Geiste und zu den Zielen der abendländisch-demokratischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung erzogen wird«. Hinsichtlich der Diskussion um die atomare Ausrüstung der Bundeswehr nahm W. mit sechs anderen bekannten deutschen Theologen in einer über die Herder-Korrespondenz im Mai 1958 veröffentlichten Stellungnahme eine vorsichtig bejahende Haltung ein. Sehr differenziert wird auf die umfassende Verpflichtung des Christen zu Frieden und Freiheit hingewiesen und das Ziel einer vollständigen atomaren Abrüstung beschrieben. W. wurde im Laufe seines Wirkens zum Kern einer sogenannten »Walberberger Bewegung«, die vor allem in Kreisen der katholischen Arbeitnehmervereinigungen lebte. Er pflegte jedoch auch Kontakte zur Unternehmerseite und gehörte ihrem Gesprächskreis in Köln an. CDU-Sozialausschüsse mit ihrem »Königswinterer Kreis«, aber auch Kontakte zu führenden Vertretern der Sozialdemokratie zeugten vom immer noch vorhandenen politischen Einfluß. Gegenüber dem Neoliberalismus nahm W. eine entschiedene Gegenposition ein. »Neoliberalismus ist Liberalismus« formulierte er 1953 in einem Redaktionsbeitrag zur »Neuen Ordnung«. Diese Linie, die durchaus vorhandene Unterschiede zwischen den verschiedenen liberalen Wirtschaftskonzepten einer pauschalen Kritik (»Liberalkapitalismus«) unterwarf, wurde von Teilen der Christlich-Sozialen in KAB und CDU-Sozialausschüssen mitgetragen. Wie Gundlach, Nell-Breuning oder Nikolaus Monzel hatte W. das Gelingen der sozialen Marktwirtschaft auch von ihrer Verbindung mit der berufsständischen Ordnung abhängig gemacht (vgl. z.B. in: Freiheit und Ordnung in Staat und Gesellschaft, 1955). Ab Mitte der 50er Jahre trat diese Forderung in den Hintergrund. Die neue Pluralismusdebatte warf die Frage auf, ob das traditionelle Konzept der Sozialreform durch die berufsständische Ordnung in seiner gesellschaftspolitischen Ausrichtung noch tragfähig sei (vgl. Die Aufgabe des Unternehmers in der heutigen Wirtschaft, 1960; Sozialkatechismus, II. Zweiter Hauptteil, 125 f.). W. galt - teils geheimnis- und legendenumwittert - als »Verbindungsmann« der katholischen Kirche zur SPD. Bis 1962 stand er einem vertraulichen und informellen Gesprächskreis vor, der sich aus SPD (Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Wilhelm Mellies, Adolf Arndt, Willy Eichler und Herbert Wehner), Vertretern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und einigen Prälaten zusammensetzte. Wehrgesetze, Ehe- und Familienrecht, Schul- und Bildungspolitik waren hier die Themen. Ob W. Einfluß auf Formulierungen des »Godesberger Programms« (1959) genommen hat, ist bis heute nicht sicher belegbar. - W. war ein Mann des Dialoges. Immer ging es ihm im Kern um das Anliegen, die Inhalte der katholischen Soziallehre in der modernen Welt zu verwirklichen, zu ihrer Verbreitung beizutragen. Dies war insbesondere Absicht des auf vier Bände angelegten »Werkbuchs der katholischen Sozialethik«, W.s Hauptwerk, dem bei Herder erschienenen »Sozialkatechismus«. Mit hohen Auflagen und in sechs Sprachen übersetzt, war dieses Buch seinerzeit ein unübertroffenes Informationsmedium. Bei Vertragsverhandlungen zum vierten Band ereilte den Verfasser der Tod in Freiburg i.Br. W., der seinem Körper und seiner Seele ein Übermaß an Arbeit zugemutet hatte, teilweise auch zu Depressionen neigte, starb an einem Herzversagen.

Werke: Der Teilnachlaß W. liegt im Dominikanerkloster St. Albert in Walberberg, betreut von W. Ockenfels O.P. Dort findet sich auch die Chronik der Gemeinschaft. - Ideologie und Idee im sozialen Leben, in: Divus Thomas, 11 (1933), 181-201; Person-sein und proletarische Lebensführung, in: Theologie und Glaube 1933, 71-84; Gemeinschaft und Einzelmensch. Eine sozial-metaphysische Untersuchung. Bearbeitet nach den Grundsätzen des Hl. Thomas von Aquin, Salzburg - Leipzig 1935 (21935); Was nun? Grundsätze und Hinweise zur Neuordnung im deutschen Lebensraum, Brühl-Köln o.J. (1945); Christlicher Sozialismus, in: Die Neue Ordnung 1 (1946/47), 39-70.132-157; Die Person in der Gemeinschaft, in: Der Mensch in seiner sozialen Gebundenheit, hrsg. vom Erzbischöflichen Seelsorgeamt Köln, Essen 1946; Die Entscheidung in die Zukunft. Grundsätze und Hinweise zur Neuordnung im deutschen Lebensraum, Heidelberg 1946 und Köln 1946 (zwei verschiedene Verlage infolge der Besatzungszonen); Vom Sinn und Wert der menschlichen Arbeit. Aus der Gedankenwelt des hl. Thomas von Aquin, Heidelberg 1946; Recht und Ordnung im Eigentum, Dülmen 1947; Freiheit oder Bindung des wirtschaftenden Tuns? In: Die Neue Ordnung 2 (1947), 321-331; Frei, aber nicht ungebunden, in: Die Neue Ordnung 2 (1947), 429-445; Soziale Bindungen der menschlichen Freiheit, in: Die Neue Ordnung 2 (1947), 518-539; Die Sozialgebundenheit des Eigentums, in: Akademikertagung Bonn 1946: Religiöse, geistige, soziale Erneuerung, Münster 1947; Zwei Grundfragen der christlichen Soziallehre, in: Die Kirche in der Welt 1 (1947/48), 255-258; Wie denkt die katholische Soziallehre über die Grundrechte des Menschen? In: Die Neue Ordnung 2 (1948), 5-26; Ein »Nicht« übersehen? Meine Antwort an Dr. A. Lotz, in: Die Neue Ordnung 3 (1948), 446-456 (bezieht sich auf: A. Lotz, Christlicher Sozialismus? In: Rheinischer Merkur vom 25.09.1948); Gedanken zur christlichen Sozialreform, in: Situation und Entscheidung. Zeitbuch für Politik und Kultur, Zweite Folge 1948, Warendorf 1948; Nochmals: natürliches Recht! In: Die Neue Ordnung 4 (1950), 25-32; Der »Gnadentod«: ein Menschenrecht? In: Die Neue Ordnung 4 (1950), 280-282; Herders Sozialkatechismus, 3 Bde., Freiburg 1951-1958 (Manuskript des 4. Bandes liegt im Nachlaß); Christliche Weltverantwortung - Aufgabe oder Verhängnis? In: Die Neue Ordnung 6 (1952), 1-12.139-146; Die Grundlagen des Weltfriedens. Vom Unrecht des »Kalten Krieges«, in: Die Neue Ordnung 7 (1953), 65-70; Ist man zum Kriegsdienst verpflichtet? In: Die Neue Ordnung 7 (1953), 223-226; Sozialprinzipien = neun »Grundgesetze« gesellschaftlichen Lebens, in: Wörterbuch der Politik, H. 1: Zur christlichen Gesellschaftslehre, Freiburg 1954, 50 f.; Zum Streit um das »Ministerium für Familienfragen«, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 99-103; »Sozialpolitik vorantreiben«, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 104-108; Nochmals: Familienlasten-Ausgleich, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 113; Ächtung des Atomkrieges. Erwägungen und Fragen zur Osteransprache des Heiligen Vaters, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 129-141; Sammlung »Politeia«. Eine bedeutsame sozial-philosophische Schriftenreihe, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 175-179; »Neuer Anfang« in Walberberg, in: Die Neue Ordnung 8 (1954), 360-362; Der politische Streik, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 1-13; Das englische Experiment des Sozialismus. - Ein Buch, das zu denken gibt, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 50-52; Neues aus Walberberg, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 56 f.; Der Sozialismus auf der Suche nach sich selbst, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 129-142; Niedriger hängen! In: Die Neue Ordnung 9 (1955), 181; Freiheit und Ordnung in Staat und Gesellschaft, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 321-335; Unsere Pflicht gegenüber der Arbeitnehmerschaft. - Ein offenes Wort zur Gewerkschaftsfrage, in: Die Neue Ordnung 9 (1955), 362-365; Sozialreform - Familienlastenausgleich, in: Die Neue Ordnung 10 (1956), 48-52; Lohnvertrag - Gesellschaftsvertrag, in: Die Neue Ordnung 10 (1956), 167 f. (mit einer Stellungnahme von O. von Nell-Breuning); Die sittlichen Ordnungsgrundsätze der Wirtschaft. Eine bedeutsame Stellungnahme Roms zu Fragen der heutigen Wirtschaft, in: Die Neue Ordnung 10 (1956), 322-338; Durchlaufende Arbeitsweise mit betontem Wochenrhythmus, in: Die Neue Ordnung 11 (1957), 277-283; Wo unterrichten wir uns über gesellschaftliche Fragen? - Über Neuerscheinungen aus jüngster Zeit, in: Die Neue Ordnung 11 (1957), 292-301; Hirtenworte im Industrie-Zeitalter, in: Die Neue Ordnung 11 (1957), 356-360; Christliche Friedenspolitik und atomare Aufrüstung, 5. Mai 1958: Alfons Auer, Richard Egenter, Heinz Fleckenstein, Johannes B. Hirschmann, Josef Höffner, Nikolaus Monzel, W., in: Herder-Korrespondenz 12 (1957/58), 395-397 (diese Stellungnahme von sieben bekannten deutschen Theologen ist wiederabgedruckt in: H. Hürten (Hrsg.), Katholizismus, staatliche Neuordnung und Demokratie 1945-1962, Paderborn-München-Wien-Zürich 1991, 111-117; Existenzminimum und Lebensstandard. Bemerkungen zu einer Grundfrage unseres »Konsumzeitalters«, in: Die Neue Ordnung 12 (1958), 81-92; Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Sozialethik, in: Die Neue Ordnung 12 (1958), 425-437; Verwirklichung der christlichen Soziallehre, in: Die Neue Ordnung 13 (1959), 226-228; Das »konkrete« Gemeinwohl, in: Die Neue Ordnung 13 (1959), 321-335; Wie lebt der Arbeiter in der Sowjetzone? In: Die Neue Ordnung 13 (1959), 447-449; Die Wirtschaftsordnung als Existenzgrundlage des mittelständischen Betriebes, in: Der Mittelstand in der Wirtschaftsordnung heute, hrsg. von A.F. Utz, Löwen 1959, 238-242; Bemerkungen zur Mittelstandspolitik, in: ebd. 325-330; Zum religiösen Zustand des »Mittelstandes« in Deutschland, in: ebd. 351-364; Die Aufgabe des Unternehmers in der heutigen Wirtschaft, in: Die Neue Ordnung 14 (1960), 1-14; Ein Gedenkwort: P. Oswald von Nell-Breuning SJ 80 Jahre alt, in: Die Neue Ordnung 14 (1960), 63 f.; Der vielfache Anruf im neuen Sozialrundschreiben »Mater et magistra«, in: Die Neue Ordnung 15 (1961), 401-421; Unsere Leserumfrage, in: Die Neue Ordnung 17 (1963), 137; Die große Botschaft des Friedens, in: Die Neue Ordnung 17 (1963), 241-248; Die Sozialenzyklika Papst Johannes' XXIII. Mater et magistra. Über die jüngsten Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens und seine Gestaltung im Lichte der christlichen Lehre. Mit einem ausführlichen Kommentar sowie einer Einführung in die Soziallehre der Päpste von Leo XIII. bis Johannes XXIII. Freiburg i: Br. 1961, (61965); Was nun? Grundsätze und Hinweise zur Neuordnung im deutschen Lebensraum (Nachdruck), in: Die Neue Ordnung 39 (1985), 15-46: Sondernummer September 1985: Was nun? Was tun? Zur Lage der nordrhein-westfälischen Union; Gemäßigter wirtschaftlicher Sozialismus mit Naturrecht und Christentum vereinbar (Auszug aus: Die Entscheidung in die Zukunft, 1946), in: W. Ockenfels (Hrsg.), Katholizismus und Sozialismus in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Paderborn-München-Wien-Zürich 1992, 149-151; »Christlicher Sozialismus« als Ausdruck katholischer Soziallehre (Auszug aus: Christlicher Sozialismus, Die Neue Ordnung 1946), in: ebd. 153-155.

Lit.: G. Gundlach, Solidarismus, Einzelmensch, Gemeinschaft, in: Gregorianum 17 (1936), 265-295 (wiederabgedruckt in: ders., Die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, hrsg. von der Katholischen Wissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach, I, Köln 1964, 179-201); - O. von Nell-Breuning, Sozialisierung, in: Stimmen der Zeit 72 (1946/47), 425-436; - L. Schwering, Die Entstehung der CDU, Köln 1946; - Ch. Mobou, E. W. et le socialisme chrétien, in: Documents, cahier 5/1947, No. 33, 12-17; - O. von Nell-Breuning, Christlicher Sozialismus? In: Begegnung 2 (1947), 145-149; - O. von Nell-Breuning, Kapitalismus und Sozialismus in katholischer Sicht, Frankfurter Hefte 2 (1947), 665-681; - L. Siemer, Zum Problem des »Christlichen Sozialismus«, in: Die Neue Ordnung 2 (1948), 269-277; - O.B. Roegele, Der deutsche Katholizismus im sozialen Chaos. Eine nüchterne Bestandsaufnahme, in: Hochland 41 (1948/49), 205-233; - (ohne Verfasser), Marx, Walter Dirks und die Dominikaner. Die »Neue Ordnung« gegen den Mythos der »Frankfurter Hefte«, in: Rheinischer Merkur, 17. Dezember 1949; - L. Schwering, Vorgeschichte und Entstehung der CDU, Köln 1952; - H.G. Wieck, Die Entstehung der CDU und die Wiedergründung des Zentrums im Jahre 1945, Düsseldorf 1953; - L. Siemer, Aufzeichnungen und Briefe, Frankfurt a.M. 1957; - O. von Nell-Breuning, Ein Standardwerk katholischer Soziallehre, in: Stimmen der Zeit 162 (1957/58), 467-469 (Rezension des Sozialkatechismus mit einer Bemerkung zu den »Schulen« von Jesuiten und Dominikanern); - L. Schwering, Frühgeschichte der Christlich-Demokratischen Union, Recklinghausen 1963; - G. Corman, Ein Prediger der katholischen Soziallehre, in: Die Neue Ordnung 19 (1965), 302 f. (auch in: Echo der Zeit, 13. Juni 1965, 8); - L. Schwering, Weltweite Wirkung: P. Welty: Mann des Widerstandes, Baumeister neuer Zeit, in: Echo der Zeit, 13. Juni 1965, 8; - C. Iken/G. 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Bernd Kettern

Literaturergänzung:

Rudolf Uertz, Walberberg u. Die Neue Ordnung. Vor 60 Jahren: Laurentius Siemer u. E.W., in: Die Neue Ordnung 60.2006, S. 133-139; - Johannes H. Zabel, E.W. OP (1902-1965), in: WuA 49.2008, S. 184f..

Letzte Änderung: 05.12.2008