Biographisch-Bibliographisches
Kirchenlexikon
Nachschlagewerk mit aktuellen Nachträgen


Band II (1990) Spalten 534-535 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HARDT, Hermann von der, Orientalist, * 15.11. 1660 in Melle (Fürstentum Osnabrück) als Sohn eines Münzmeisters, † 28.2. 1746 in Helmstedt. (luth.) -

H. besuchte 1671-79 das Gymnasium in Herford, Osnabrück, Bielefeld und Coburg und studierte bei dem Privatgelehrten Esdras Edzard (s. d.). 1683 erwarb er in Jena die Magisterwürde und begann mit Privatvorlesungen. H. ging 1686 nach Leipzig und hielt nach Erlangung der Rechte eines Magisters Vorlesungen über orientalische und altklassische Sprachen. Er wurde Mitglied des "Collegium philobiblicum", dem auch August Hermann Francke (s. d.) angehörte. Mit ihm und anderen Mitgliedern schloß er einen engen Freundschaftsbund. Um zu einem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift zu kommen, begab sich H. 1687 zu Philipp Jakob Spener (s. d.) nach Dresden und blieb dort ein Jahr. Mit Francke reiste dann H. zu dem Lüneburger Superintendenten Kaspar Hermann Sandhagen (s. d.), unter dessen Anleitung er sich zu einem rechten Exegeten zu bilden suchte. Diese Männer vermittelten ihm die Verbindung zu dem frommen Herzog Rudolf August von Braunschweig, der ihn 1688 als Bibliothekar und Sekretär in seine Dienste nahm und darauf bei den übrigen Regenten des braunschweigisch-lüneburgischen Gesamthauses es durchsetzte, daß H. im Herbst 1690 zum o. Professor der orientalischen Sprachen in Helmstedt ernannt wurde. 1699 ernannte ihn der Herzog noch zum Propst des Klosters Marienberg und 1702 zum Unterbibliothekar. H. verließ sehr bald die pietistische Richtung und ging als Theologe allmählich immer entschiedener zum Rationalismus über. Wegen seiner rationalistischen Bibelerklärung untersagte ihm 1712 das Universitätskuratorium die exegetischen Vorlesungen und wiederholte das Verbot 1713. 1727 wurde er aller akademischen Arbeiten enthoben, mit Ausnahme der Bibliotheksgeschäfte, und gleich darauf vollends in den Ruhestand versetzt.


Friedrich Wilhelm Bautz