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Band I (1990)Spalten 589-591 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

BILLICANUS (Gerlacher oder Gernolt, Diepold), Theobald, Reformationstheologe, in Billigheim bei Landau (Pfalz), † 8.8. 1554 in Marburg (Lahn), beigesetzt daselbst in der Elisabethkirche. - B. studierte seit 1510 in Heidelberg und war Philipp Melanchthons Studiengenosse und Freund. Er wurde 1513 Magister artium und war dann als Lehrer der Dialektik und seit 1520 auch als Propst des Artistenkollegiums tätig. B. zählte zu den Studenten und jüngeren Gelehrten der Universität, die 1518 auf dem Heidelberger Ordenskapitel der Augustiner Martin Luther zujubelten. Er wandte sich seit März 1522 als Prediger in Weilderstadt gegen den Heiligendienst und die Lehre vom Fegefeuer, mußte aber wegen seiner kühnen Predigten von dort weichen. B. wurde Ende Oktober 1522 vom Rat der Stadt Nördlingen zunächst auf 10 Jahre als Prediger berufen. Er galt in der Anfangszeit als ein Führer der evangelischen Bewegung in Süddeutschland, zeigte aber bald, daß er in der Lehre und den kirchlichen Fragen keinen klaren, festen Standpunkt vertrat, sondern in dem Bestreben, zwischen den Parteien zu stehen, eine schwankende Haltung einnahm. B. arbeitete 1525 eine Kirchenordnung für Nördlingen (»Renovatio ecclesiae Nordlingiacensis«) aus, die ein Gemisch von neu und alt, radikal und konservativ bietet. Im Winter 1525 trat er für Luthers Abendmahlslehre ein, neigte aber bald Huldrych Zwingli und Johannes Okolampad zu. B. war ein ehrgeiziger Mann und scheute sich darum nicht, im September 1529 mit seinem Gesuch um die theologische Doktorwürde bei der Heidelberger Fakultät ein Bekenntnis einzureichen, in dem er die Lehre der römischen Kirche in allen Stücken anerkannte und auf seine Ehelosigkeit hinwies. Als die Heidelberger Fakultät ihn zurückwies, heiratete er eine reiche Frau und fragte nun bei Melanchthon in Wittenberg an, der ihm aber sehr kühl antwortete. B. begab sich 1530 nach Augsburg, weil er befürchtete, der Reichstagsabschied werde für die Evangelischen ungünstig ausfallen, und erbat sich vom päpstlichen Legaten, Kardinal Lorenzo Campegio, die Erlaubnis, trotz seiner Verheiratung sein Predigtamt in Nördlingen weiter verwalten zu dürfen. Da ihn Dr. Johann Eck der Häresie beschuldigte, legte er am 13.10. 1530 vor dem Mainzer Inquisitor Michael Vehus, einem Notar und Zeugen ein Bekenntnis ab, in dem er die Lehren der Lutheraner, Zwinglianer und Wiedertäufer verwarf, sich zu den römischen Sakramenten und dem Meßopfer bekannte und nichts gegen die römische Kirche zu tun und zu lehren versprach. Nach kurzer Unruhe in seiner Gemeinde hatte B. die Nördlinger Bürgerschaft wieder auf seiner Seite, so daß nach Ablauf seiner zehnjährigen Amtszeit der Rat 1532 das Dienstverhältnis auf weitere fünf Jahre erneuerte. Im Frühjahr 1535 bat er den Rat um seine Entlassung und zog mit seiner Familie nach Heidelberg, um die Rechte zu studieren. B. wurde 1539 Vorsteher der Realistenburse und erhielt, nachdem er zum Lizentiaten beider Rechte promoviert hatte, die Erlaubnis zu juristischen Vorlesungen. Als Kurfürst Friedrich II. bald nach seinem Regierungsantritt B. 1544 seiner Ämter enthob und des Landes verwies, fand er in Marburg Zuflucht, wo er Professor der Rhetorik wurde, zum Dr. jur. promovierte und den Lehrauftrag für Geschichte übernahm. 1547/48 beriet er den Pfalzgrafen Ottheinrich bei seinen Reformationsanfängen in Neuburg. - Um das Schulwesen in Nördlingen hat sich B. manche Verdienste erworben. In seiner unklaren Mittelstellung, die mehr katholisch als evangelisch war, hat er die Reformation in Nördlingen mehr gehemmt als gefördert. Sie wurde erst 1544 durch Kaspar Löner wirklich durchgeführt.

Werke: Komm. z. Propheten Micha, 1524; Renovatio ecclesiae Nordlingiacensis, 1525 (Ausz. daraus bei Ämilius Ludwig Richter, Die ev. KO des 16. Jh.s I, 1846, 18 ff.); De verbis coenae dominicae et opinionum varietate, 1526 (auf Veranlassung des Urbanus Rhegius geschr. u. v. ihm veröff.); De partium orationis inflexionibus, 1526 (lat. Grammatik mit Musiknoten zu 19 Oden des Horaz); Apologia de commento revocationis per aemulos vulgato, 1539.

Lit.: Dolp, Gründl. Ber. v. dem alten Zustand u. erfolgter Ref. der Kirchen, Klöster u. Schulen in des hl. Reiches Stadt Nördlingen, 1738; - Strieder IV, 369; X, 383 ff.; - Georg Veesenmeyer, Kl. Btrr. z. Gesch. des Reichstags zu Augsburg 1530, 1830, 59 ff.; - Johann Friedrich Hautz, Gesch. der Univ. Heidelberg, 1862-64; - Antonius v. Steichele, Das Bist. Augsburg III, 1872, 947 ff.; - Christian Geyer, Die Nördlinger ev. KO des 16. Jh.s, 1896; - Theodor Kolde, Zur Gesch. B.s u. Althamers u. der Nördlinger KO v. J. 1525, in: BBKG 10, 1904, 28 ff.; - Schottenloher I, Nr. 1259-1261; V, Nr. 45020-45023; - H. Schreiner, Th. B., in: Bll. f. pfälz. KG 12, 1936, 18 ff.; - Friedrich Zoepfl, Kleine ref.geschichtl. Funde, in: Scholastik 19, 1944, 89; - ADB II, 638 f.; - NDB II, 238; - RE III, 232 ff.; - RGG I, 1292; - DHGE VIII, 1478 ff.; - LThK II, 476.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

1980

Gerhad Simon, Humanismus und Konfession. Theobald Billican, Leben und Werk, 1980.

Letzte Änderung: 28.12.2008