MARTINI, Jakob, bedeutender Vertreter der lutherischen Schulphilosophie,
* 16.10. 1570 in Langenstein bei Halberstadt, † 30.5. 1649
in Wittenberg. - M. begann 1590 das Studium der Artes und der
Theologie im neugegründeten, späthumanistisch geprägten Helmstedt
(C. Martini) und setzte es 1593 in Wittenberg fort, dem Hauptort der
sich ausbildenden lutherischen Orthodoxie (P. Leyser, Aeg. Hunnius).
Seit 1597 wirkte er als Lehrer, dann auch als Pfarrer in Norden (Ostfriesland),
um 1602 als Professor der Logik und der Metaphysik nach Wittenberg
zurückzukehren. Als Schüler C. Martinis, dessen humanistisches Wissenschaftsideal
er beibehielt, wurde er in dieser Stellung bzw. mit seinen vielbenutzten
Lehrbüchern einer der erfolgreichsten Verfechter der Umformung der
rhetorisch-dialektisch orientierten Logik Melanchthons zur instrumentellen
und wissenschaftstheoretisch ausformulierten Analytik im Anschluß
an die italienischen Peripatetiker (J. Zabarella). Im selben Begründungszusammenhang
propagierte M. ebenso energisch die Wiedereinführung der Metaphysik
als allgemeinste Realdisziplin in den philosophischen Lehrbetrieb.
Diese neue Schulmetaphysik, deren erste Publikation 1603/4 M. zum
Autor hatte, war im Tenor aristotelisch, hatte jedoch nicht mehr die
Form eines Aristoteleskommentars, sondern die einer systematischen,
das Seiende als solches und seine Charakteristika darstellenden Ontologie.
Sie diente, wie die systematische Ausarbeitung der Logik, gleichwohl
auch theologischen Interessen, insofern die eigene konfessionelle
Position auch als logisch bzw. ontologisch plausibler dargestellt
werden konnte. Das schloß die kritische Rezeption etwa der spanischen
Scholastiker (P. Fonseca, seit 1600 F. Suarez) keineswegs aus, bedeutete
aber auch die Ablehnung des ramistischen Humanismus, überhaupt platonisierender
Ansätze (z.B. N. Taurellus), sowie die Antikritik der spiritualistischen
Kritik am schularistotelischen Rationalismus, wie sie im Schülerkreis
D. Hoffmanns und dann J. Böhmes zugunsten einer »christlichen« Philosophie
oder Christosophie betrieben wurde (der gegen diese »enthusiastischen
Vernunftstürmer und Philosophieschänder« gerichtete »Vernunftspiegel«
von 1618 ist zugleich einer der ersten deutschsprachigen philosophischen
Texte). Die Auseinandersetzung mit den reformierten Schulphilosophen
(B. Keckermann, C. Timpler), bezog sich auf deren theologischen Gebrauch
der Philosophie, d.h. hatte indirekt dogmatische Beweggründe, betraf
aber auch ihre philosophische Seelen- bzw. Erkenntnislehre und ihren
Gottesbegriff. - Nachdem M. 1613 zusätzlich die Professur für Ethik
übernommen hatte, ging er 1623 auf eine theologische Professur über,
die er bis zu seinem Tode innehatte; 1627 wurde er auch Propst an
der Wittenberger Schloßkirche und Assistent des Konsistoriums. M.s
theologische Arbeit war weniger innovativ; seine Polemik gegen Jesuiten
(M. Becanus) und Sozinianer zeichnet sich aber durch gründliche Sachlichkeit
aus. Ihr Profil ist durch die Nähe sowohl zur zeitgenössischen, durchaus
frühpietistische Motive entwickelnden lutherischen Orthodoxie (B.
Meisner) als auch zur Helmstedter, die Theologie stärker von der individuellen
Frömmigkeit unterscheidenden Orthodoxie (G. Calixt) gekennzeichnet.
Werke: (außer dem ersten Titel alle Wittenberg): Lutheranismus
/ Das ist kurtze Widerholung der Fürnehmesten Hauptstücke unser Christlichen
/ und in Gottes wort gegründeten Religion, Hamburg 1601; Logicae peripateticae
libri II, 1603, 1622
7; Exercitationes metaphysicarum libri
II (1603/4), 1608, 1624
4; Disputationes ethicae, 1605; Oratio
de utilitate et necessitudine logices, 1606; Disputationes logicae
domesticae (1606), 1608; Exercitationes nobiles de anima, 1606; Disputationum
logicarum publicarum decas, 1607; Quaestiones illustres philosophicae,
1607; De communicatione proprii contra Barth. Keckermannum, 1609;
Themata decem contra systema logicum Keckermannianum, 1610; Institutionum
logicarum libri VII, 1610, 1674
7; Partitiones et quaestiones
metaphysicae (1611), 1615; Collegium metaphysicum, 1614; Disputationes
physicae, 1617; Vernunfft-Spiegel, das ist / Gründlicher und unwidertreiblicher
Bericht / was die Vernunfft / sampt derselbigen perfection, Philosophia
genandt / sey, 1618; Disputationes metaphysicae, 1619; Discussionum
ramistarum libri II, 1623.
Lit.: Walter Friedensburg, Geschichte der Universität
Wittenberg, 1917; - Peter Petersen, Geschichte der aristotelischen
Philosophie im prot. Deutschland, 1921; - Max Wundt, Die deutsche
Schulmetaphysik des 17. Jh.s, 1939; - Walter Risse, Logik der
Neuzeit I, 1964; - Walter Sparn, Wiederkehr der Metaphysik, 1976;
- Ulrich G. Leinsle, Das Ding und die Methode, 1985; - Siegfried
Wollgast, Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung,
1988; - Jöcher III, 229; - ADB XX, 510; - RGG3
IV, 781.
Walter Sparn
Literaturergänzung:
Kenneth G. Appold, Frauen im frühneuzeitl. Luthertum. Kurchl. Ämter u.d. Frage d. Ordination, in: LKW 55.2008, S. 179-207.
Letzte Änderung: 09.04.2011